Dienstag, 19.11.2019

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Rausch der Tiefe

Kulturförderpreise 2010: Festakt heute Abend - 25.11.2010 12:55 Uhr

Gemalt, nicht fotografiert: Bianca Schelling, hier in ihrem Atelier „Auf AEG“, schafft in ihren Bildern mit beängstigender Perfektion irreale, oft sakral anmutende Räume voller verblüffender Lichtstimmungen. © Günter Distler


Im Vorschlag für die Verleihung des Kulturförderpreises an Sie heißt es: „Die Bilder der Malerin Bianca Schelling sind in ihrer Machart wie in ihrer Erscheinung altmeisterlich.“ Können Sie uns erklären, was damit gemeint ist?

Schelling: Altmeisterlich? Wo haben die denn das her? Ich finde meine Motive in der Realität, abstrahiere und reduziere sie aber so stark, dass eine eigene Wirklichkeit entsteht. Das halte ich im Hinblick auf die digitale Veränderbarkeit unserer Bilderwelten für hochaktuell, aber nicht altmeisterlich. Außerdem hat die Art, wie ich Flächen bearbeite, sehr stark mit dem Medium Print zu tun. So hätte man zu altmeisterlichen Zeiten nie gearbeitet.

Ihre Werke wirken ausgesprochen organisiert, arrangiert, im besten Sinn aufgeräumt. Spiegelt diese Vorgehensweise Ihr eigenes Naturell wider?

Schelling: Teils, teils. Aus meinen Bildern nehme ich alles Unnötige raus und befördere alles Nötige hinein. Es geht aber auch um Brachiales, das ich in präzise Bahnen zu lenken versuche. Der Betrachter soll mit einer Wucht konfrontiert werden, das Motiv auch als Objekt funktionieren.

Sie würden also dem Eindruck widersprechen, Ihre Bilder strahlten eine meditative Ruhe aus?

Schelling: Das liegt im Auge des Betrachters. Ich selber lege eher Wert auf das Unnahbare und Harsche meiner Motive.

Sie nähern sich immer wieder Motiven wie Turbinenrädern, Windkanälen, kanalartigen Unterführungen. Woher nehmen Sie die Inspiration?

Schelling: Ich finde die Motive in der Realität. Aus meist fotografischen Vorlagen entwickle ich Neues mit meiner eigenen Farbigkeit und meiner eigenen Lichtdramaturgie. Dabei geht es mir ums Erschaffen einer Atmosphäre, eines Raumes zwischen Ruhe und Bedrohung. Der Betrachter soll angezogen werden und sich zugleich beunruhigt fühlen. Jede meiner Arbeiten ist ein Ringen um ein Idealbild. Ich ringe um spannungsgeladene Tiefe — und dass sich dem Betrachter letztlich nicht genau erschließt, wie dieses Bild gemacht wurde.

Wie machen Sie es denn?

Schelling: Ich verwende Aluminiumplatten, die ich grundiere und schleife, bis die Oberfläche vollkommen glatt ist. Ein Vorgang, der bis zu einer Woche dauern kann. Dann male ich mit Tusche in dünnen Lasuren und immer wieder neuen Schichten, bis für mich die Fläche zu brummen beginnt. Es muss sich ein ganz bestimmtes Schimmern einstellen. Bis zum fertigen Bild vergehen ohne weiteres fünf Wochen.

Sie sprechen von Unnahbarkeit, von Schimmern und Atmosphäre. Spielt Religion eine Rolle in Ihrer Arbeit?

Schelling: Ich habe eine Serie von Kreuzgängen gemalt, die in der Galerie Seeling zu sehen waren. Aber nicht der religiöse Hintergrund war mir wichtig, sondern der architektonische Aspekt, die Stimmung, das Festhalten auratischer Momente.

Sie haben unter anderem in Japan und Namibia studiert und gearbeitet. Wie hat es Sie nach Fürth verschlagen?

Schelling: In Japan fasste ich den Entschluss, Malerin zu werden. Ich hatte die Sprache gelernt, merkte aber, dass das zwar ein schöner Beruf werden könnte, in mir aber doch noch etwas anderes steckt. Ich wollte unbedingt in Nürnberg bei Michael Munding studieren. 2003 kam ich auf diesem Weg nach Fürth.

Sie erhalten den Kulturförderpreis in einer Zeit, da in der Stadt striktes Sparen angesagt ist. Kurzzeitig stand sogar die Kunstgalerie auf der Kippe. Haben Sie in den vergangenen Wochen nicht überlegt, schreiend die Koffer zu packen?

Schelling: In Fürth leben wahnsinnig viele Künstler, was ich toll finde. Und dann will die Stadt ausgerechnet die einzige Institution für zeitgenössische Kunst schließen. Das ist sehr seltsam, da es ja sowieso immer die Abwanderungsbewegung der Künstler in die Großstädte gibt. Ich verstehe nicht, warum man das nicht zu verhindern versucht. Natürlich verstehe ich, wenn der Oberbürgermeister Löcher stopfen muss. Aber es gehört zum Gut einer Stadt, nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den kulturellen Aspekt zu pflegen.

Was bedeutet für Sie das Stichwort „Karriere“?

Schelling: Karriere ist für mich das Streben um einen angemessenen Rahmen, in dem ich meine Arbeiten präsentieren kann. Im Moment läuft es, so gesehen, sicher nicht schlecht.

Matthias Boll

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