Rezepte für neuen Wohnraum in Fürth

8.2.2016, 06:00 Uhr
Aushängeschild der Runderneuerung des Wohnquartiers Finkenpark auf der Schwand ist die Sanierung des Hochhauses.

Aushängeschild der Runderneuerung des Wohnquartiers Finkenpark auf der Schwand ist die Sanierung des Hochhauses. © Foto: Horst Linke

Dass externe Organisationen auf derart breiter Front an einem Entscheidungsprozess der Verwaltung beteiligt werden, ist nicht alltäglich in Fürth und zeichnet die Bedeutung des Vorhabens aus: eine Weichenstellung, wie sich die Stadt unter dem Eindruck der Zuwanderung entwickeln soll. Die Kritiker der Planänderung werfen der Kommune vor, die Entwicklung verschlafen zu haben. Schließlich wächst die Einwohnerzahl schon seit längerem. Dem widerspricht SPD-Fraktionschef Sepp Körbl: „Prognostiziert wurde allgemein ein Bevölkerungsschwund.“  Viele Städte befürchteten auszubluten. Immerhin würden in Fürth vergleichsweise mehr Bauanträge bearbeitet als in Nürnberg.

Interessante Ansätze zur Problemlösung zeigten die Vertreter gesellschaftlicher Organisationen auf. So forderte der Bund-Naturschutz-Kreisvorsitzende Reinhard Scheuerlein, beim Ausweisen neuer Bauflächen bereits als Baugebiete deklarierte, aber anderweitig genutzte Areale im Flächennutzungsplan nicht mehr für den Wohnbau vorzusehen. Grundeigentümer, die sich Appellen an ihre soziale Verantwortung verweigern, müsse man mit Entzug des Baurechts drohen.

Der evangelische Dekan Jörg Sichelstiel regte an, Senioren aus zu groß gewordenen Wohnungen zum Umzug in besser geeignete Quartiere zu bewegen, um so Reserven des lokalen Wohnungsmarktes zu aktivieren. Das brauche natürlich Zeit und Fingerspitzengefühl. Die Zuspitzung der Debatte auf die Gegenpole Natur oder Bebauung könne das Problem nicht lösen. Nötig sei vielmehr eine sinnvolle Gestaltung urbaner Lebensräume. Das unterstrich auch Scheuerlein, der ein gravierendes Planungsdefizit bei der Infrastruktur in Fürth beklagte. Vor dem Hintergrund vieler Einzelentscheidungen drohe die Gesamtentwicklung der Stadt aus dem Blick verloren zu gehen.

Den Vorwurf der Untätigkeit im Hinblick auf die zahlreichen Baulücken in der Stadt wies Oberbürgermeister Thomas Jung zurück. Er beklagte, dass viele Grundeigentümer auf Anschreiben entweder überhaupt nicht reagierten oder sich weitere „Belästigungen“ verbitten. Die jahrelang rückläufige Entwicklung im sozialen Wohnungsbau begründete er mit dem Fehlen staatlicher Fördermechanismen. Eine Umwandlung weiterer Gewerbeflächen wie das verwaiste Faurecia-Areal in Stadeln zum Wohnbau schließt Jung aus und verweist auf einen entsprechenden Stadtratsbeschluss.

Leerstand im Fokus

Das Fürther Sozialforum sieht darin hingegen schon eine Option. Die Stadt solle größere Firmen anschreiben, um zu prüfen, ob nicht mehr benötigte Flächen einer Wohnbebauung zugeführt werden können. Sozialforumssprecher Stephan Stadlbauer mahnte zudem eine Analyse der Gründe für den Leerstand von Wohnungen an. Um die Wiedernutzung zu ermöglichen, müsse die Stadt Eigentümern notfalls mit günstigen Krediten unter die Arme greifen. Überhaupt solle das Bestreben zur Haushaltskonsolidierung bei der Lösung der Wohnungsmisere hinten angestellt werden. Zur Finanzierung kommunaler Wohnbauprojekte könnte nach Stadlbauers Vorstellungen auch ein Bürgerfonds dienen, wie ihn die infra bereits zur Beteiligung an Windparks anbietet.

Im Mittelpunkt des Interesses steht für das Sozialforum der soziale Wohnungsbau. Weil private Bauherrn dieses renditeschwache Segment gemeinhin meiden, soll es die Kommune beim Vermarkten aufgekaufter Baugebiete über ihre Wohnungsbaugesellschaft selbst in die Hand nehmen. Nach dem gescheiterten Siedlungsprojekt Oberfürberg Nord entwickelt die Stadt jetzt das Baugebiet Reichsbodenfeld mit rund 300 Wohnungen.

Zu den Bauinteressenten dort gehört das Evangelische Siedlungswerk, dessen Geschäftsführer Hannes Erhard den kommunalen Verkauf von Baugrundstücken nach Münchner Vorbild mit der Maßgabe zum sozialen Wohnungsbau anregte. Dass auch ohne die mit hohen Auflagen verbundene Sozialbindung die Mieten nicht zwangsläufig explodieren müssen, betonte Frank Höppner, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Fürther Baugenossenschaften. Bei Altbausanierungen könne man so besser mit Baufirmen verhandeln. Für billige Mieten müsse man jedoch auch Abstriche am Wohnstandard in Kauf nehmen – etwa durch Verzicht auf Balkone oder ebenerdige Duschen.

Während Höppner wie auch Dekan Sichelstiel in der Bestandspflege den Schlüssel für günstiges Wohnen sieht, setzen Erhard und sein Kollege Ralf Perlhofer von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft auf Neubau bei Nachverdichten von Wohnquartieren. Ein Problem sieht Perlhofer dabei allerdings in den bisherigen Abstandsregelungen und immer höheren Standards. „Wir würden gerne mehr bauen, können aber nicht mit privaten Bauträgern konkurrieren“, sagte Erhard. Eine Lanze für private Bauträger brach der Oberbürgermeister. Da jede zweite Eigentumswohnung vermietet werde, trage auch dieser Markt zur Entspannung der Wohnungsmisere bei. Ein klares Bekenntnis für die Priorität des Baulückenschlusses legte Baureferent Joachim Krauße ab. Ihm geht es bei der Nachbesserung des Flächennutzungsplanes vor allem um Planungssicherheit. Wenn erst bei Bauanträgen geplant werde, würde es für die Bauwilligen viel zu lange dauern, bis die Stadt ihnen grünes Licht geben kann. Scheuerlein hingegen warnte davor, die Fehler der letzten Planänderung vor zehn Jahren zu wiederholen. Damals seien nahezu sämtliche Flächen um Unter- und Oberfürberg und Dambach als Bauflächen ausgewiesen worden, wodurch ein Identitätsverlust der Stadtteile heraufbeschworen wird.

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