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Roßtal will mehr Tempo 70 auf Landstraßen

Der Marktgemeinderat will Einmündungen und Kreuzungen sicherer machen - 20.08.2019 11:00 Uhr

Der Marktgemeinderat erweiterte den Antrag sogar: Tempo 70 soll künftig an allen Einmündungen von Bundes-, Staats-, und Kreisstraßen außerorts im Gemeindegebiet gelten – weit und breit einmalig. © Hans-Joachim Winckler


Manchmal sitzt ein Begleiter im Auto, den keiner gerne neben sich weiß: die Angst. Herbert Bettschnitt war 18 Jahre lang Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Oedenreuth und hat bei seinen Einsätzen einiges gesehen. Schrecken kann ihn nicht viel. Aber mit dem Blick auf zwei Straßenkreuzungen fast unmittelbar vor seiner Haustür, sagt er: "Man fährt immer mit einem unguten Gefühl hin, weil man weiß, was schon alles passiert ist."

Die Rede ist zum einen von der Einmündung der Staatsstraße 2409 (Nürnberger Straße) in die Bundesstraße 14. Zum anderen geht es um den weiteren Verlauf Richtung Roßtal, etwa die Stelle am Autohaus Adel, wo sich Verbindungen aus den Ortsteilen Oedenreuth und Kastenreuth treffen. Bettschnitt hat Statistiken mitgebracht, mehrere Seiten Papier. Darauf verzeichnet: die Einsätze der Roßtaler Feuerwehren. Wenige Worte machen klar, was hier Sache ist: "Pkw überschlagen", "Person eingeklemmt" oder "eine lebensgefährlich verletzte Person" ist zu lesen.

Wer von der B14 aus nach Roßtal will, muss bereits vor der Abzweigung auf Tempo 70 abbremsen. Das wünschen sich die Marktgemeinderäte auch für die Kreuzung nach Tretten- bzw. Defersdorf. Diese ist ein Unfallschwerpunkt. Gefährlich geht es auch auf der Staatsstraße 2409 (in der Grafik rot markiert) von der Bundesstraße nach Roßtal zu. © NN-Infografik


Das Landratsamt hat die Punkte im Blick. Auf der B 14 etwa stand die Einmündung Richtung Roßtal schon lange im Fokus. Seit mehr als zwölf Jahren gab es immer wieder Kollisionen und Karambolagen. Das führte sogar zur zeitweisen Einordnung als Unfallschwerpunkt. Interessanterweise war nicht zu hohes Tempo die Ursache, sondern Verletzungen der Vorfahrtsregeln, wenn Autofahrer in die Bundesstraße einbogen.

Also was tun? Die Unfallkommission – ihr gehören Vertreter des Landkreises, des Staatlichen Bauamts Nürnberg und der Polizei an – einigte sich vor vier Jahren auf den Vorschlag, Tempo 70 anzuordnen – zunächst auf Probe. "Für Bundesstraßen höchst ungewöhnlich", weiß Karl-Heinz Harlacher, Leiter der Straßenverkehrsbehörde. Aber seit rund 200 Meter westlich der Abbiegung die Schilder stehen und das Limit bis zur Ortseinfahrt von Großweismannsdorf gilt, zeigt sich eine positive Tendenz.

Massive Überwachung durch die Verkehrspolizei

"Es geht nicht auf Null, aber die Unfälle haben sich deutlich reduziert", bilanziert Harlacher. Im vergangenen Jahr wurde aus dem Testbetrieb ein permanenter Zustand. Jedoch trug wohl noch ein anderer Umstand zur Entwicklung bei: Die Verkehrspolizei Fürth überwachte das Tempolimit massiv, Druck, der künftig aufrechterhalten werden muss.

Jürgen Steiger, bei der Polizeiinspektion Zirndorf für das Sachgebiet Verkehr zuständig, beurteilt die Lage ein wenig anders. "Subjektiv" ging auch der Experte von einem Erfolg aus. Nachdem er sich die Statistiken für die betreffende Stelle aber noch einmal angesehen hatte, betrachtet der Polizeihauptkommissar die Entwicklung mit gemischten Gefühlen.

Zu tun hat das mit der Definition des Begriffs "Unfallschwerpunkt". Davon sprechen die Fachleute, wenn sich in dem sogenannten dreijährigen Beobachtungszeitraum drei Unfälle mit schweren Personenschäden innerhalb einer Zone von 1000 Metern ereignen. Seit die Tempo-70Schilder stehen, gab es hier zwar keine Toten mehr, aber zwei Kollisionen mit Schwerverletzten.

Der Druck steigt, wenn die Schlange wächst

Der Knackpunkt hier an der B 14 liegt für Steiger weniger am schnellen Fahren, denn am Verkehrsdruck. Wer von Buchschwabach kommend links nach Roßtal abbiegen will, muss nicht nur zu den Stoßzeiten zunächst eines: warten, bis sich in der aus Stein anrollenden Pendler-Kolonne eine Lücke auftut. Wenn aber hinter dem eigenen Auto die Schlange wächst, steigt der Druck. Dann wird irgendwann gefahren – manchmal mit fatalen Folgen.

Eine ganz klar unerfreuliche Entwicklung auf der B 14 hat die Unfallkommission im jüngsten Beobachtungszeitraum zwischen 2015 und 2017 an den Einmündungen nach Defersdorf bzw. Trettendorf festgestellt. Auf dem neben der Straße laufenden Fuß- und Radweg kommt es immer wieder zu gefährlichen Kollisionen zwischen Autos und Radlern. Diese Stelle sei so zum Unfallschwerpunkt geworden, sagt Harlacher. Daran knüpfte die CSU im Roßtaler Marktgemeinderat an, sie fordert das 70er-Limit auch hier. Das Gremium erweiterte den Antrag auf alle Einmündungen von Bundes-, Staats- und Kreisstraßen außerorts.

Nicht unlogisch, denn: Im gleichen Zeitraum entwickelte sich auch das zwei Kilometer lange Teilstück der Staatsstraße von der B 14-Einmündung nach Roßtal zum Brennpunkt. 5309 Fahrzeuge täglich wurden hier 2015 gezählt, deutlich mehr als die durchschnittliche Belastung hiesiger Staatsstraßen (4000). "Anlass zur Sorge", so Harlacher, macht der gesamte Abschnitt. Auf diesem gibt es zwei Kreuzungen, an denen Straßen von Oedenreuth nach Kastenreuth aufeinandertreffen, darunter die Einmündung beim Autohaus Adel. Erst kürzlich krachte es dort.

Für Gefahr sorgen verschiedene Faktoren

Aber wieder ist es nach Ansicht der Experten nicht in erster Linie der Tritt aufs Gaspedal, der für Gefahr sorgt. "Blöde Sichtverhältnisse", bringt es Harlacher knapp auf den Punkt. Spitzwinklige und leicht versetzte Einmündungen, dazu abfallendes Gelände. Jürgen Steiger führt daneben noch das Zusammenspiel aus Witterungsverhältnissen, fahrerischem Können, Zustand des Autos und der kurvigen Strecke an.

Seit dem Frühjahr müssen Autos, aus Richtung Oedenreuth bzw. Kastenreuth kommend, an Stoppschildern halten. Sobald der Roßtaler Antrag bei Karl-Heinz Harlacher auf dem Tisch gelandet ist, wird er ihn mit den Kollegen der Unfallkommission besprechen. Auf der Staatsstraße könnte er sich einen Kreuzungsumbau vorstellen, aber dazu muss die Marktgemeinde mit ins Boot.

Obwohl Jürgen Steiger Geschwindigkeitsreduzierungen nicht als "eierlegende Wollmilchsau" ansieht, würde er sich auf dem besagten Staatsstraßenabschnitt davon durchaus eine positive Wirkung versprechen. Die 1 a-Lösung wäre aber für ihn eine ganz andere: die 2409 ordentlich auszubauen. Zwischen Ammerndorf und Cadolzburg ist das jüngst geschehen, dort darf jetzt freilich wieder Tempo 100 gefahren werden. 

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