15°

Montag, 22.07.2019

|

Rührende Gratwanderung trauriger Gestalten

Die Tschechische Oper Prag schlägt mit Jules Massenets „Don Quichotte“ im Stadttheater subtile Töne an - 05.04.2014 16:25 Uhr

Da helfen auch keine Blumen mehr: Die zerrissene Dulcinea (Katerina Jaloclova) lässt ihren unglücklichen Kavalier Don Quichotte (Jiri Pribyl) am Ende im Regen stehen. © Ralf Rödel


Der Don Quichotte ist nicht nur Weltliteratur, er hat zudem die Fantasie von Dramendichtern wie Komponisten angeregt. Nie darf der Kampf gegen die Windmühlen fehlen, nie auch die angebetete Dulcinea, die in Cervantes’ Roman gar keine so bedeutende Rolle spielt. Dabei changiert die Titelfigur in den Bearbeitungen zwischen Tragik, Komik und Heroik, und beweist Größe in ihrer Verkennung.

Die letzte Oper von Jules Massenet (1842 bis 1912) ist in Frankreich sehr beliebt, in Deutschland weitgehend unbekannt. Und überhaupt: Jules Massenet? Der gilt hier als so ein musikalischer Weichzeichner und Parfümier in der Schleimspur Charles Gounods, süßlich bis zum Geht-nicht-mehr. Der hat schon Goethes „Werther“ zum verachtenswerten Softie verunstaltet.

Solche Vorurteile wollen überwunden sein. Tatsächlich bewegt sich Massenet in seiner Tonsprache irgendwo zwischen Wagner und Verismo. Von Wagner hat er die Leitmotivtechnik übernommen, seine Melodien freilich fein ziseliert; von den Veristen borgte er die Lust am Folkloristischen sowie am zweifelhaften Milieu. Bei Massenet ist Dulcinea weder hohe Jungfrau noch unschuldige Bauernmagd, sondern eine Kurtisane, die sich zwar von den Kerlen bauchpinseln lässt, jedoch sehr wohl um die Vergänglichkeit von Schönheit und Begehrlichkeit weiß. Dass Don Quichotte also eine Kokotte begehrt, diskreditiert ihn in den Augen der gesamten Bevölkerung. Indes, ein Ritter muss die Lanze steif halten, dem Feinde ins Auge blicken und von den Räubern Dulcineas Collier zurückerobern. Dabei unterstützen Don Quichotte nicht nur sein Knappe Sancho Pansa (bauernschlau: Anatolij Orel), sondern zudem sechs stumme Gestalten, die dann eingreifen, wenn Wahn und Vision die Überhand gewinnen. Die Figuren umtanzen den Ritter, stacheln ihn an, versinnbildlichen aber auch den Feind in Gestalt der vielarmigen Riesen. Das Windmühlen-Ballett am Ende des zweiten Aktes bildet denn auch einen turbulenten Höhepunkt.

Wie aber kann Don Quichotte, wenn schon sonst ein Versager, das Herz des Publikums gewinnen? Nicht durch Kraft, nicht durch Heldenmut und Pathos, sondern durch Rührung und Zurückhaltung. Also genau in dem Sujet, in dem Massenet zuhause ist. So bietet der „Don Quichotte“ eine der wenigen Hauptrollen für einen Bass. Beschränkt in den Tiefen der Stimmlage, berührt uns der Bass doch durch seine Wärme. Und Jiri Pribyl legt denn auch trotz gespielter Unbeholfenheit so viel Gefühl wie nur möglich in seinen Gesang.

So bezaubert uns auch eine Arie Dulcineas (Katerina Jaloclova), begleitet von allerlieblichsten Flötentönen und Harfentupfern. So besiegt Don Quichotte die Räuber gar durch die Macht des Gebets, und Jules Massenet scheut nicht davor zurück, eine Orgel aufzufahren, um mit quasisakralen Klängen das Böse zu bezwingen. Eine Gratwanderung, denn vom Rührenden zum Unerträglichen ist es nur ein ganz kleiner Schritt. Die Inszenierung von Linda Keprtova umgeht den Absturz ins Lächerliche, indem sie die Räuber als rotgewandete Panzerknackerbande darstellt, ihnen die Aura der Gefahr raubt, und sie theatralisch alle Viere von sich strecken lässt.

Gepfeffertes Orchester

Den eigentlichen Höhepunkt bildet der vierte Akt, wenn Don Quichotte seinen Lohn erhofft: In den Volksszenen wandelt Massenet auf Bizets Spuren und streut spanischen Pfeffer ins Orchester; hier auch spitzt sich der tragische Konflikt zu. Dulcinea legt beglückt ihr Collier an, erkennt auch die Leistung des Ritters an, doch ihn zum Manne nehmen?

Anstatt Dulcinea nun als herzloses Weib zu denunzieren, präsentiert Massenet sie als tragisch Zerrissene, die — selbst nach „wahrer“ Liebe suchend — unfähig ist, Quichottes Liebe zu erwidern, die seinerseits auf totaler Verkennung beruht. Ihr Verzicht bricht nicht nur ihm das Herz — selten hat man zwei Verzichtende in solcher Trautsamkeit erlebt, und das macht die Größe von Massenets Oper aus. Im fünften Akt darf Don Quichotte denn auch einen Liebestod sterben, nicht wagnerisch rauschend sondern verhalten visionär, geradezu intim - und unendlich einsam, trotz Dulcineas irrlichternder Stimme in der Ferne. Freundlicher Beifall.

 

REINHARD KALB

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Fürth