Sonntag, 08.12.2019

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Sag mir, wie ich dir helfen kann

Die „Sommerhoch“-Reihe im Clinc endete mit Rezitation und Performance - 31.08.2014 10:45 Uhr

Radieschen für alle: Performerin Andrea Maria Schmidt trug szenisch Prosagedichte von Werner Springer vor und beehrte das Publikum zum Finale mit Gemüse.n © Foto: Martin Bartman


„Grüß Gott, wo geht’s denn hier zur Notaufnahme?“ Kaum hat sich das Publikum in die erste Seite von John Irvings „Die Bären sind los“ eingehört, da wird der literarische Hörgenuss jäh unterbrochen. Eine schwarzgelockte junge Dame mit Reisekoffer hat sich im Klinikum offenbar verirrt und sucht die richtige Station.

„Oder ist das hier vielleicht eine Selbsthilfegruppe?“ Da ist was dran, so wie die Leute hier im Kreise sitzen. Flugs öffnet die Dame ihren Koffer, spricht jeden an, blickt ihrem Gegenüber direkt in die Augen und stellt impertinente, aber lieb gemeinte Fragen: „Sag mir, wie ich dir helfen kann, zu dich selbst zu finden.“ Und ehe wir es uns versehen, sind wir mittendrin in der eigentlichen literarischen Lesung „Inkognito und Finito“. Denn all die Fragen und leicht verschrobenen Meinungen, die die Besucherin von sich gibt, weisen zwar keinen Reim auf, sind aber in ihrer Diktion in einem federnden Rhythmus gehalten. Es handelt sich in der Tat um Prosagedichte von Werner Springer, dargeboten als Life-Performance.

Das wahre Ich

Werner Springer, der, so erfährt der Besucher später, von 1923 bis 2009 lebte, war ein Literat und Sinnsucher, eine Mischung aus Philosoph und Psychologe. Früh vom Krieg und dem Autoritarismus des Dritten Reichs geprägt, ging es ihm zeitlebens darum, dem Individuum aus festgestanzten Verhaltens- und Erziehungsschablonen herauszuhelfen und das wahre Ich zur Entfaltung zu bringen. Die Performerin Andrea Maria Schmidt wiederum ist keine gelernte Schauspielerin, sondern Landschaftsarchitektin. Rezitation und Performance betreibt sie als Ausgleich zu ihrer Arbeit nebenher.

So durften die rund zwei Dutzend Zuhörer über paradoxe Sätze nachsinnen wie: „Sobald ich zu sprechen lernte, lernte ich zu verschweigen, was mich am meisten bewegte.“ Weil die Worte nicht ausreichen? Weil man vielleicht eigene Begriffe erfinden müsste? Oder weil die Konvention vorschreibt, was sich ausgesprochen gehört und was nicht?

Immerhin, zur Performance gesellte sich ein kleines Verhaltensexperiment: Jedem Zuhörer schenkte Andrea Maria Schmidt ein Radieschen. Wer dem Impuls folgte, verzehrte das Gemüse im Nu. Fortune hatte, wer Geduld mitbrachte, denn ihm streute die Rezitatorin noch ein bisschen Salz aufs Abendessen. Das Glück des Augenblicks, hier ließ es sich auszukosten.

REINHARD KALB

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