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Schiff ahoi: Als Yachten in der Südstadt gebaut wurden

Vor 35 Jahren lief in Fürth ein luxuriöser Segler aus Beton vom Stapel - Idee des Bauunternehmers Schönwasser - Neuartiges Verfahren - 31.03.2007

Josef Hutter mit einer Schraube der Brigand, die er als Erinnerung im Kleingarten aufhebt (oben). Die Bilder mit Segel und Kajüte sind dem Prospekt entnommen (rechts, oben und unten), das mittlere Bild zeigt das Motorschiff Pandora beim Rangieren im Hof der Herrnstraße 53. Auch die Fürther Nachrichten berichteten groß über den Stapellauf (links). Fotos/Repros: Scherer


Eine interessante Tätigkeit» hatte der Chef versprochen: «Wir bauen Schiffe. Aus Beton.» Josef Hutter dachte zuerst, er höre nicht richtig. Schiffe, wie denn das? In Fürth, Herrnstraße. Und schwimmen können sollten sie auch noch. Hutter erbat zehn Tage Bedenkzeit. Dass 22 Millimeter dicke Betonwände so gut im Wasser liegen wie acht Millimeter dicke Stahlplatten - beide haben in etwa das gleiche Gewicht - davon ließ er sich schnell überzeugen. Und nach einigem Zureden auch davon, dass er Meister auf einer Werft im Südstadt-Hinterhof sein würde.

Josef Hutter hatte schon so einiges erlebt: 1948 aus Ungarn vertrieben, verbrachte er die Jugend in der Ostzone. 1957 machte der gelernte Schlosser rüber, fand zunächst in Frankfurt Arbeit und kam durch einen Freund 1958 nach Fürth. Er fing bei einer kleinen Schlosserei an, wechselte zu Siemens und MAN. Er hat Motoren, Waggons und Tresore gebaut. Schließlich war er bei Glas Kiesel in Unterfarrnbach. Bis Richard Schönwasser, Chef des gleichnamigen Bauunternehmens, den Alleskönner 1970 abwarb.

190 Quadratmeter Segel

«Herr Schönwasser, Schiffe - ich weiß gar nicht, wo vorne und hinten ist», sagte Josef Hutter. Dass die Bug und Heck heißen, weiß er heute genau. Redet inzwischen über die Steigung von Schrauben, Spanten und Takelage wie ein alter Seebär. So sehr hat ihn der Schiffsbau beschäftigt. Auch Richard Schönwasser, inzwischen 87 Jahre alt, sieht die Brigand lebendig vor sich: Der Mast 20 Meter hoch, 190 Quadratmeter Besegelung daran.

«Wir sind in manchen Sturm reingekommen, sie hat sich hervorragend bewährt.» Konstruktion und Bau der Yacht hat er jedoch als «anstrengend» in Erinnerung: Sie liefen neben dem normalen Geschäft, und «ich war der Einzige, der was verstanden hat. Auch dem Ingenieur musste ich’s erklären.»

Schiffe aus Beton, das war Anfang der 70er Jahre technisches Neuland. Richard Schönwasser, der das Hochseesegeln liebte, hatte im italienischen Hafen davon gehört und wollte es zuerst nicht glauben. Er verlor eine Flasche Whisky und gewann ein Lebensprojekt: Er informierte sich in Kanada und Australien, las unzählige Bücher und wollte als Erster eine Yacht in der «einzigartigen Ferro-Zement-Konstruktion» in Europa fertigen.

Mit Stahlgerippe

Das Schiff konstruierte der Holländer van de Stadt, gebaut wurde nach dem Prinzip «learning by doing». In Werkhallen im Hof der Herrnstraße 53 - heute erhebt sich dort ein Wohnblock - wurde der Rumpf als Stahlgerippe geformt, dann mit feinem Draht armiert. Sechs Arbeiter waren für den Schiffsbau abgestellt, beim heikelsten Teil - der Zement wurde von Hand ins Drahtgitter gedrückt und mit Schwingschleifern gerüttelt - arbeiteten rund 30 Männer rund um die Uhr.

Für jedes Problem fand sich eine Idee: Die Dichtigkeit der Ventile testete Josef Hutter, indem er Wasser in den Rumpf - statt ums Schiff - laufen ließ. Weil der Hilfsmotor zu groß bzw. die Luke zu klein war, schraubte er die Lichtmaschine und andere vorstehende Teile ab, dann ging’s. In regelmäßigen Abständen überwachte der Germanische Lloyd, der TÜV für Schiffe, den Bau. Und Josef Hutter dokumentierte. Jeden Arbeitsschritt hat er in inzwischen vergilbten Schwarzweißfotos festgehalten, denn die Brigand sollte in Serie gehen.

Soweit war es noch nicht: Nach anderthalb Jahren konnte die Yacht zu Wasser gelassen werden. Ein Mega-Event der 70er. Mitten in der Nacht wurde das 18 Meter lange und 4,31 Meter breite Schiff auf einem Tieflader durch Fürth bugsiert. In der Gustavstraße, schrieben die Fürther Nachrichten, schienen «die Hausmauern bedrohlich nahe zu rücken, aber der Koloss kommt sicher durch». Polizeiautos fuhren voraus, der Eisenbahntakt musste unterbrochen und die Straßenbahnleitungen am Kohlenmarkt angehoben werden. Im Kielwasser der Brigand schwammen Hunderte Zuschauer, ihr Stapellauf war ein Volksfest: Die Kapelle spielte Waterkant-Melodien, es gab Labskaus zu essen, und Erna Scherzer, die Frau des damaligen OB, ließ bei der Taufe stilgerecht eine Sektflasche zerschellen.

Vom Fürther Hafen aus ging es los, doch die Jungfernfahrt stockte schon vor Würzburg. «Hutter, sofort kommen», hieß es. Die Yacht war aufgelaufen und Wasser eingebrochen. Hutter fuhr, richtete vor Ort den Propeller und die Antriebswellen so weit, dass die Brigand das Trockendock in Frankfurt erreichte. Danach hatte das Schiff das Schlimmste überstanden, erhielt nach 5000 Seemeilen das höchste Qualitäts-Zertifikat.

Exquisites Innenleben

Richard Schönwasser segelte selbst, war begeistert von der Lage im Wasser und sicher auch dem exquisiten Innenleben. Teakholz-Täfelung in der Kajüte, die Kabine des Eigentümers war mit eigener Dusche und Toilette ausgestattet, die Kombüse mit elektrischem Herd, Kühl- und Gefrierschrank. Acht Gäste konnten mit an Bord. In Nizza verkaufte er das Schiff dann an eine Charterfirma. Im Sommer kreuzte die Brigand im Mittelmeer, im Winter in der Karibik. 19 Mal hatte sie den Atlantik überquert, als der Erbauer zuletzt von seinem Schiff hörte.

Zu Hause wartete das zweite Schiff auf seine Fertigstellung. Die Motoryacht Pandora: zwölf Meter lang, 3,80 Meter breit, ausgestattet mit zwei 180-PS-Dieselmotoren. Schnittige Form, luxuriöse Ausstattung. Ende September 1974 wurde sie im Fürther Hafen zu Wasser gelassen, unternahm ihre erste Fahrt jedoch im Bauch eines Lastkahns. In Hamburg wurde die Pandora bei der internationalen Bootsausstellung präsentiert.

Zum Geschäft entwickelte sich der Schiffsbau nicht. Nicht der Beton, von dem Schönwasser noch heute überzeugt ist, sondern der Preis war schuld. Rund eine Million Mark hätte die Segelyacht regulär kosten müssen, bis zu 400 000 Mark das Motorschiff. Weil dem Erbauer diese Art der Fortbewegung «nicht lag», wurde die Pandora bald verkauft.

Wellen schwappten

Fast vier Jahre hatte Josef Hutter da auf der Werft gearbeitet, mitgefahren ist er ein einziges Mal. Auf der Pandora, den Kanal bis Erlangen hinauf. Der Skipper hat Gas gegeben, dass die Wellen über den Damm schwappten. Das Beste? «Dass ich als Landratte so viel Neues gelernt habe», sagt Josef Hutter. Die verbogene Schraube der Segelyacht hat er im Kleingarten in Burgfarrnbach aufgehoben, hütet die alten Fotoalben wie einen Schatz.

Vielleicht sind sie das. Denn inzwischen lobt die Zementindustrie eine Betonkanu-Regatta aus, bei der sich unter anderen auch die Georg-Simon-Ohm-Fachhochschüler aus Nürnberg wacker geschlagen haben. Und möglicherweise bewahrheitet sich die Voraussage von Mundart-Dichterin Erika Jahreis, die «A Jacht as Beton» schon 1972 besang: «Su hot mä überoal erfoahr’n/ net blouß die erschte Eis’nboahn/ a s’ größte Schiff - in seiner Art/ ging einst vo Färth af große Fahrt.» 

Gabi Pfeiffer

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