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Schleudertrauma auf der Umlaufbahn der Hormone

„Ein Ehekarussell“: Nondorf inszeniert doppelten Komödienabend des TKKG im Innenhof des Fürther Rathauses - 29.07.2012 11:00 Uhr

Verfluchtes Liebesleben: Celia (Astrid Hornung) im Klammergriff von Sganarelle (Frank Strobelt). © Th. Scherer


„Hier steht der Ehekrankheit Urmodell, der arme Sganarelle!“ Welche Ehekrankheit meint er denn? Potenzverlust, Streit ums Fernsehprogramm, Besuch der Schwiegermutter? Schlimmer: es ist die nagende Eifersucht, der Verdacht der Untreue, der auf vagen Hinweisen beruht, aber mörderische Rachefantasien nach sich zieht.

„Sganarelle oder Der vermeintliche Hahnrei“, 1660 vom großen Molière erdacht, ist das Urmodell der Komödie, in der sich alle Beteiligten täuschen und nur das Schlechteste von ihren Herzangebeteten denken, in der die Liebe blitzschnell in Hass umkippt und umgekehrt. Bloß weil der ohnmächtigen Celia ein Bildnis ihres geliebten Lelio entgleitet, an dem sich Sganarelles Gattin entzückt, was wiederum Sganarelle auf die Palme bringt, kommt eine Kettenreaktion der Missverständnisse in Gang, das in Mord und Totschlag enden müsste, wäre Sganarelle nicht ein Maulheld und zur Blutrache zu feige.

Das klingt ganz lustig, wirkt aber reichlich abgenudelt. Das Muster des „Sganarelle“ ist dermaßen oft von anderen Komödiendichtern und vom Boulevardtheater abgekupfert, dass das Original vor Abwetzungen seine einst erfrischenden Konturen schier verloren hat.

Doch Molière dient bloß als Anschieber für „Ein Ehekarussell“, einen doppelten Komödienabend des Theaters aus dem KulturKammerGut (TKKG) unter Markus Nondorfs Regie. Einmal in Fahrt gekommen, dominiert Carlo Goldonis „Il Campiello“ (1756) die Rotation der Irrungen. Und tatsächlich erweist sich der Innenhof des Rathauses als ideale Spielstätte für Goldonis „keinen Marktplatz“. Denn abgesehen von der vorhandenen Architektur, einem Baum und den obligatorischen Turmfalken reichen Markus Nondorf für beide Stücke fünf Podeste, die als Balkone und Terrassen das Bühnenbild komplettieren.

Der Campiello dient also als Rangierbahnhof irrwitziger Verkuppelungsmanöver: Drei robuste Witwen, die sich immer noch für Fruchtbarkeitsgöttinnen halten, versuchen ihre Söhne und Töchter unter die Haube zu bringen und dabei selbst ein Stück Mann abzubekommen. Hier dreht das Ensemble voll auf, hier geht es italienisch-deftig zur Sache. Mit eindeutig zweideutigem Wortwitz, Querverweisen auf „Romeo und Julia“, Nachhilfestunden in Liebesgymnastik, dem unvermeidlichen Rächer seiner Ehre und jeder Menge Missverständnisse rotiert das Ehe-, na ja, Verlobungskarussell, dass es seine Reiter schier aus der Umlaufbahn schleudert.

Die meisten Akteure treten im Lauf des Abends doppelt auf; schön schleimig agiert Frank Strobelt als Sganarelle wie als Cavaliere, Astrid Hornung bezaubert als naive Celia wie als durchtriebene Lucietta, Tanja Elliot-Busch hinterlässt als Wuchtbrumme im Verein mit Angelika Kraft und Andrea Gerhard einen unauslöschlichen Eindruck, und für die musikalische Untermalung sorgt Gitti Rüsing.

Und was treibt das Ehekarussell mit all seinen Verwechslungen und Kuppeleien eigentlich an? Die Jagd nach Geld, Sicherheit und geordneten Verhältnissen, was die größte Unordnung heraufbeschwört. Auch wenn bei Molière wie Goldoni jeder Topf seinen Deckel findet, steht dem Zuschauer die Zukunft als Schreckbild vor Augen: Eines Tages werden die jungen Liebenden genauso wie ihre schrecklichen Mütter und Väter.

„Ein Ehekarussell“: Rathaus-Innenhof. Weitere Termine: heute und morgen, 1. bis 5. und 8. bis 11. August, jeweils 20 Uhr. Tickets unter Tel. 7236026 und an der Abendkasse.
  

REINHARD KALB

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