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Schnupfen-Dilemma: Das sind die neuen Regeln für die Kitas

Leiterinnen befürchten mehr Konflikte mit Eltern - Leitfaden soll helfen - 14.08.2020 12:45 Uhr

Neue Regelung in Sicht: Ab September sollen Kinder auch mit leichtem Schnupfen in die Kita gehen können.

© Arno Burgi/Archiv (dpa)


Tag für Tag haben Kita-Leitungen schon auf die neuen Vorgaben gewartet, am Freitagvormittag nun hat das Familienministerium bekanntgegeben, wie es sich den Alltag in Krippen, Kindergärten und Horten ab September vorstellt: Demnach dürfen Kinder "mit milden Krankheitszeichen wie Schnupfen ohne Fieber oder gelegentlichem Husten" in die Kita gehen, solange die Zahl der Corona-Infektionen einen bestimmten Wert nicht überschreitet, wie es in einer Pressemitteilung des Ministeriums heißt. "Kinder mit Fieber, starkem Husten, Hals- oder Ohrenschmerzen, Bauchschmerzen, Erbrechen oder Durchfall müssen hingegen zuhause bleiben." Darauf hätten sich das Gesundheits- und das Familienministerium verständigt.

Grundlage dafür seien Leitlinien, die Ärztinnen und Ärzte sowie Infektionsschutzexperten unter Leitung des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) entwickelt hätten. Sie seien in den überarbeiteten "Rahmen-Hygieneplan" für die Tagesbetreuung eingeflossen. Zudem wurde ein Drei-Stufen-Plan entwickelt, der klare Regeln für verschiedene Szenarien schaffen soll. Stufe eins: Regelbetrieb. Stufe zwei: eingeschränkter Regelbetrieb, wenn die Corona-Zahlen lokal steigen. Stufe drei: eingeschränkte Notbetreuung, wenn sich das Infektionsgeschehen stark verschlechtert. "Kinder mit leichten Erkältungssymptomen ohne Fieber und ohne Kontakt zu Corona-Infizierten" dürfen in Stufe eins und zwei weiterhin ihre Kindertagesstätten besuchen, heißt es.


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Brigitte Gulden und Wernhilde Mann, Leiterinnen des Fürther "Storchennests" und des Langenzenner "Hauses für Kinder", sehen die Neuerung mit gemischten Gefühlen. Die bisherige strenge Regelung - mit Schnupfen müssen Kinder zuhause bleiben - sei sehr hilfreich gewesen, sagen sie.

Viele Eltern dagegen fanden den pauschalen Ausschluss falsch und alles andere als familienfreundlich; eine Welle der Empörung rollte durch die sozialen Medien. Nach den Wochen des Lockdowns, in denen viele Mütter und Väter die Betreuung ohne helfende Großeltern, Tanten oder Nachbarn gestemmt hatten, fühlten sie sich von der Politik einfach nur allein gelassen.

"Viele Eltern sind durch mit ihren Nerven", sagte Brigitte Gulden im Gespräch mit den FN – sie sagte es mitfühlend. Auf die neuen Vorgaben aber, die die Kitas ab September umsetzen sollen, hat die Leiterin des evangelischen Kindergartens am Kirchenplatz mit Sorge gewartet. Dass die Lockerung die Lösung ist – noch ist Gulden da skeptisch, genauso wie ihre Kollegin aus Langenzenn.

Beide spürten bei den Eltern bisher eine große Akzeptanz. "Die Regeln waren klar, das hat sehr geholfen", berichtet Gulden. Ab September aber, "nach der Schulung und dem Leitfaden, wird es richtig heftig vor Ort", befürchtet sie. "Langjährige Vertrauensverhältnisse mit den Eltern werden ins Wanken kommen."

Denn mit der Aufweichung des Schnupfnasen-Verbots werde die Entscheidung, welche Kinder daheim bleiben müssen, zur "Ermessensfrage". Was, wenn die Einschätzung der Erzieherin den Familien nicht einleuchtet? Wenn sie sie als Willkür empfinden und denken: Ja, mei, die hat die Macht. "Die Macht möchte ich gar nicht haben", sagt Gulden.

Wo fängt Fieber an?

Mehr Konflikte befürchtet auch Wernhilde Mann. Zu ihrer katholischen Kita "Haus der Kinder" gehören eine Krippe, ein Kindergarten, ein Hort und der Familienstützpunkt – insgesamt rund 100 Kinder werden hier betreut. Wo fängt Fieber an? Was ist ein trockener Husten? Sie war gespannt, wie klar die Vorgaben der Staatsregierung sein würden. Auf Druck vieler Eltern und Kinderärzte hatten Gesundheitsministerin Melanie Huml und Familienministerin Carolina Trautner im Juli "praktikable Regelungen für die Erkältungszeit" und einen "leicht verständlichen" Leitfaden versprochen. Anzunehmen war, dass sich der Freistaat etwa an Niedersachsen orientieren würde, wo Kinder erst heimgeschickt werden, wenn Schnupfen mit Fieber einhergeht. So kam es nun auch.

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"Ein annehmbares Konstrukt" hatte Trautner Wernhilde Mann versprochen, die der Ministerin schon zweimal besorgt schrieb, weil sie den Eindruck hat, dass in München praxisferne Entscheidungen getroffen werden und viel auf die Erzieherinnen abgewälzt werde. Das jetzt vorgestellte Ergebnis ändert an Manns Grundsorge wenig.

Angst, etwas zu übersehen

Wovor sie Angst hat: einen Corona-Fall zu übersehen. Als Kita-Leiterin spürt sie eine große Verantwortung, für Kinder, Eltern und Personal; auch Haftungsfragen treiben sie um. Gulden fürchtet sich ebenfalls davor, "dass uns ein Fall durchrutscht". Und dann ist da die Sorge, wie sie den Betrieb aufrechterhalten sollen, falls Erzieher krank werden. Freilich, sagt Mann: Der Träger hat für genug Personal zu sorgen. Doch woher nimmt man es? Fachkräfte fehlen seit langem.

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Zudem, so die Langenzennerin, brauchen Kinder gerade jetzt, in der Corona-Zeit, keine fremden Betreuer, sondern "Konstanz, Vertrauen und dass man sie an die Hand nimmt und sagt: Alles wird gut. Es ist wichtig, dass das Personal nicht krank wird." Auch das nämlich liegt ihr und Gulden am Herzen: dass die Qualität nicht leidet, Kitas keine Verwahranstalten werden.

Die Nöte der Eltern sehen sie, betonen sie. Den berufstätigen etwa gehen die Urlaubs- und Fehltage aus. Dass der Freistaat auf den Druck von Familien und Ärzten reagiert hat, könne sie durchaus verstehen, sagt Mann. "Es ist ein zweischneidiges Schwert."

Auf Dauer brauche es mehr Rücksicht der Arbeitnehmer, damit Mütter und Väter mit dem kranken Kind zuhause bleiben können, glaubt Gulden. Mehr Möglichkeiten zum Homeoffice zum Beispiel. Auch der Ruf nach mehr Fehltagen ist inzwischen häufiger zu hören. Im Zweifelsfall sei es für die Familien besser, sagen die Kita-Leiterinnen, ein Kind bleibe zwei, drei Tage zuhause, als wenn später die ganze Gruppe schließen müsse. Beide hoffen, dass die Familien weiter gut und "ehrlich" mit ihnen zusammenarbeiten. Dass dem Kind etwa bei Fieber nicht einfach morgens ein Zäpfchen gegeben wird.


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Zurzeit sind Mann und ihr Team dabei, das ebenfalls beschlossene "Drei-Stufen-Modell" für ihre Kita zu definieren. Wie sieht der Regelbetrieb ab September aus? Wie der eingeschränkte Betrieb, wenn die Infektionszahlen steigen? Wie die Notbetreuung bei einer starken Verschlechterung?

Parallel dazu wäre ein "medizinischer Crashkurs" gut, sagte Gulden vor einigen Tagen noch sarkastisch, und am besten sollte man sich wohl umsehen nach einem arbeitslosen Arzt, der alle Grenzfälle glaubwürdig beurteilen kann. . .

Hinweis der Redaktion: Der Artikel wurde am 17. August um 13.30 Uhr aktualisiert.

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