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Schock in Fürth: Kofferfabrik erhält die Kündigung

Der Vermieter des beliebten Kulturorts zieht einen Schlussstrich, doch der OB bleibt gelassen - 27.02.2021 15:00 Uhr

Ein Klassiker im Koffer-Programm: Kevin Dardis und sein Kneipenquiz. Wie lange es noch in der Langen Straße stattfindet, ist allerdings die große Quizfrage.

27.02.2021 © Armin Leberzammer


FÜRTH – Es wäre das jähe Ende eines Kulturzentrums von überregionalem Ruf: Völlig überraschend hat die Kofferfabrik die Kündigung ihres Vermieters erhalten - zum 30. September dieses Jahres und ohne Angaben von Gründen.

Noch am Freitagabend informierte Koffer-Chef Udo Martin sein Team. 15 Angestellte, darunter fünf Azubis zum Restaurantfachmann, Koch und Veranstaltungskaufmann, blicken in eine ungewisse Zukunft. "Jedem sind die Kinnladen runtergefallen", so Martin konsterniert, "damit hat niemand gerechnet."

Eigentümer der 800 Quadratmeter umfassenden Immobilie ist die Lauer Immobilien-Service GmbH mit Sitz in Nürnberg, eigenen Angaben zufolge einer der führenden Anbieter in der Region mit Schwerpunkt auf Umstrukturierung alter Fabrikgebäude zu Lofts für Wohnen und Gewerbe. Zu den zahlreichen Lauer-Immobilien zählt der Nürnberger "Hirsch". Die nun eingetroffene Kündigung - die rechtlich einwandfrei ist und keiner Begründung bedarf, da es sich um einen Gewerbemietvertrag handelt - betrifft aktuell "nur" die Kofferfabrik. Ein Dutzend Mieter, die ebenfalls auf dem Gelände nahe der Stadtgrenze residieren, erhielten keine Kündigung.

"Brutale" Frist

Zur Stunde versucht Martin, der die "Koffer" im Februar 2007 übernahm, den Vermieter zu einer Fristverschiebung bis Ende Mai 2022 zu bewegen. Trotz der immensen, Pandemie-bedingten Schwierigkeiten, ein Veranstaltungsprogramm auf die Beine zu stellen, steht seit kurzem ein Großteil der Koffer-Saison 21/22 fest. Martin: "Wir sitzen auf 80 Verträgen. Würde uns das wegbrechen, es wäre katastrophal."

Doch Martin darf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aufatmen. Am 21. September wäre Start der Konzertsaison - und der soll auch über die Bühne gehen können, sagt der Oberbürgermeister. "Brutal", so Thomas Jung, sei die Sechs-Monats-Frist, doch sei es Kulturreferentin Elisabeth Reichert in ersten Gesprächen mit der Eigentümerfamilie gelungen, Zeit zu gewinnen. O-Ton Jung: "Keine Panik!"

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O-Ton Reichert: "Wir versuchen gerade, zu einer alternativen Vereinbarung zu kommen." Sie spricht von einem in Aussicht stehenden, jedoch noch nicht ausgehandelten Spielraum von zwei Jahren. Diese Zeit müsse man nutzen, um gemeinsam mit Lauer eine "vernünftige Lösung" zu erzielen. Die Kofferfabrik sei, so Jung, eine "phantastische Einrichtung, eine Institution"; gleichwohl sei es "nicht verwerflich", wenn der Eigentümer über eine "wirtschaftlich angemessene Nutzung des Areals" nachdenke. Reichert wiederum zeigt sich optimistisch, "alle Beteiligten an einen Tisch zu kriegen", sie habe Lauer als "kompetenten Gesprächspartner" wahrgenommen.

250 Veranstaltungen pro Jahr

Die Kofferfabrik in der Langen Straße ist nach Stadttheater und Comödie drittgrößter Veranstalter der Stadt. In dem Gründerzeit-Backsteinensemble bilden Gastronomie, Theater, Ausstellungen, Lesungen, Spiele-, Quiz- und Vereinsabende, vor allem aber das umfangreiche Konzertprogramm einen Mix aus jährlich rund 250 Veranstaltungen, der im Großraum seinesgleichen sucht. Einziger Schließtag: Neujahr.

In den vergangenen Jahren traten hier im intimen Club-Rahmen Stars wie Gitarrist Al Di Meola, Ex-Genesis-Mitglied Ray Wilson, John Lee Hooker Jr. und Schlagzeuger Billy Cobham auf. Während des Lockdowns erreichten die "Koffer" zudem zahlreiche Solidaritätsbekundungen und Spenden. Für sein Wirken als Kaufmann und Veranstalter nahm Udo Martin 2019 den Ehrenbrief der Stadt Fürth entgegen.

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Überlegungen, die seit längerem kursieren, rücken nun aktuell in den Fokus, so etwa der Kauf der Kofferfabrik durch die Kulturstiftung Fürth, unter deren Fittichen der Umbau des Kulturforums lief und die sich zuletzt mit dem Anbau des Jüdischen Museums Franken in der Königstraße profilierte. "So einfach ist das nicht" entgegnet Jung im Gespräch mit den FN. Ein Kauf der Immobilie würde sofort eine Diskussion über eine grundlegende energetische Sanierung nach sich ziehen. "Dann wäre der morbide Charme der Kofferfabrik dahin", so der OB. Insofern halte er es für sinnvoller, beizeiten über einen "alternativen Standort" nachzudenken.

In das gleiche Horn stößt auch die Kulturreferentin. Der jetzige Zustand des Hauses sei kein Dauerzustand. Es gelte deshalb, nach einem Standort "mit ähnlichem Charme" zu suchen, falls nicht ein Großsponsor das Objekt kaufe. Der Kulturstiftung fehle aktuell für die grundlegende Sanierung der Kofferfabrik das Kapital.

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