Mittwoch, 19.05.2021

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Selbsthilfegruppen in der Pandemie: Wenn der Druck unerträglich wird

Betroffene leiden unter den Beschränkungen - 25.04.2021 21:00 Uhr

Manfred Heinkel weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, sich in Selbsthilfegruppen über die eigene Suchterkrankung auszutauschen.

18.04.2021 © Foto: Hans-Joachim Winckler


Kein Zweifel, das Virus ist ansteckend. Doch die Pandemie hat auch Nebenwirkungen, die nicht im täglichen Inzidenzwert auftauchen. Einsamkeit, Existenzsorgen und Ängste gehören dazu.

Menschen, die unter einer Suchterkrankung leiden, treffen solche Gefühle umso schwerer, nicht zuletzt, weil bewährte Unterstützung wie Selbsthilfegruppen nur unter Corona-Bedingungen zusammenkommen können. Viele müssen zwangsläufig auf Online-Zusammenkünfte ausweichen. Ein gleichwertiger Ersatz, sagen Betroffene im FN-Gespräch, ist das nicht.


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"Eine Videogruppe ist nur eine Notlösung, die taugt höchstens dazu, dass man sich recht und schlecht über Wasser hält", sagt zum Beispiel Michael Heinkel. Seit 1995 ist er trocken, mit seiner Alkoholkrankheit geht der 60-Jährige offen um. "Ich habe meine Mechanismen gelernt, wenn eine Krise kommt. Aber Anfang des Jahres kam ich an einen Punkt, da wusste ich nicht, wie lange ich es noch trocken aushalten kann."

Die Selbsthilfegruppe, die er bis zur Corona-Krise besuchte, sagt er, ist derzeit geschlossen. In seiner Not wandte sich Heinkel an den Landesverband des Blauen Kreuz und erfuhr von einer Präsenzgruppe in Nürnberg-Wöhrd, die er nach Anmeldung besuchen konnte. "Diese intensiven Gespräche sind ganz wesentlich, damit die Krankheit nicht wieder ausbricht", macht Heinkel deutlich.

Traumatische Erlebnisse

Der Weg in die Sucht wurde für den Mann, der aus der Lüneburger Heide stammt und heute in Fürth lebt, von traumatischen Erlebnissen in seiner Familie ausgelöst. "Der Prozess war schleichend", sagt er heute, "1991 wurde ich mit vier Promille von der Autobahn geholt, der Strafverteidiger machte mir klar, dass ich Probleme mit dem Alkohol habe."

Heinkel, der bei der Post arbeitete, beantragte eine Versetzung, zog zunächst nach München und beschloss: "Jetzt, wo ich die Freiheit dazu habe, gehe ich meine Krankheit an, sonst lande ich unter der Brücke."


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Sein aktiver Kampf gegen die Abhängigkeit hat ihn seither viel Kraft gekostet. Eines weiß er inzwischen sicher: "Früher konnte ich mich nicht wehren, heute weiß ich, wie es geht: nicht destruktiv, sondern konstruktiv."

Ein Satz, mit dem Michael Heinkel begründet, warum er so unverblümt über seine Erfahrungen spricht: "Das tue ich nicht nur für mich, sondern vor allem für meine Leidensgenossen." Sein Anliegen ist es, den Fokus auf Suchterkrankungen und vor allem auf die Stärkung der eigenverantwortlichen Hilfen, wie sie eben Selbsthilfegruppen bieten, zu richten: "Momentan brennt das Streichholz an zwei Enden, da ist das Virus und dazu kommt der Druck der Erkrankung."

Grundsätzlich sind momentan Treffen von Selbsthilfegruppen, die nicht von einer medizinischen oder therapeutischen Fachkraft geleitet werden, mit insgesamt fünf Teilnehmern inklusive einer "verantwortlichen, fachkundigen Person" (in der Regel die Gruppenleitung), möglich.


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Dabei müssen die Hygieneregeln eingehalten, Masken getragen und Abstand gewahrt werden. Außerdem sollen die Kontaktdaten erfasst werden, für den Fall einer Infektions-Nachverfolgung. Olaf Steding, Referent des Blauen Kreuz für Bayern macht klar, dass viele Präsenztreffen alleine schon an einer zu geringen Raumgröße scheitern.

Horst Weiß, Ansprechpartner des Blauen Kreuz Fürth, lässt aber keinen Zweifel daran, dass Hilfesuchende immer ein offenes Ohr finden: "Man kann bei uns jederzeit anrufen."

Gerhard Roth, der ausgebildeter Suchtkrankenhelfer ist und knapp zwanzig Jahre lang in Roßtal Selbsthilfegruppen geleitet hat, erlebt gerade, dass der Gesprächsbedarf so groß ist, dass der Rahmen keine Rolle mehr spielt: "Ich bin schon auf dem Supermarkt-Parkplatz angesprochen worden und es hat sich – auf Abstand – eine intensive Unterhaltung ergeben, weil der Betroffene auch an der Einsamkeit fast verzweifelt ist."


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Für den 67-Jährigen ein unübersehbares Zeichen dafür, "wie groß der Druck ist". Genauso gut weiß er um die generelle Bedeutung der Selbsthilfegruppen: "Das ist ein ganz machtvolles Instrument."

In Roßtal engagiert sich Gerhard Roth auch als Alltagsbegleiter für Suchtkranke. Er weiß: "In der aktuellen Situation gibt es viele, die sitzen alleine zu Hause. Da bauen sich kleine Sachen zu etwas Großem auf und plötzlich ist da der Absturz."

Auch für ihn gibt es keinen Zweifel daran, dass Online-Gruppen kein vollwertiger Ersatz sind: "Wenn man dem anderen bei einem Gespräch richtig in die Augen schauen kann, erkennt man die Wahrheit." Aber, fragt er: "Wie soll das am Bildschirm gehen?" Dass Präsenztreffen mit Maske und Abstand ebenfalls die entscheidende Nähe sehr schwer machen, versteht sich von selbst.

All das sind Gründe, weshalb es auch für Gerhard Roth selbstverständlich ist, keinem Alkoholkranken, der bei ihm Beistand sucht, ein Gespräch zu verweigern: "Wer mich anruft, mit dem rede ich. Das bringt doch oft schon viel."

SABINE REMPE

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