Mehr Miteinander

Seniorenheime nach der Impfung: Zurück im normalen Leben?

7.9.2021, 11:00 Uhr
„Wir hoffen, es gibt keine vierte Welle – da haben wir gar keinen Bock drauf“, sagt Werner Finkler (2. v. re.), der sich im Café des Fritz-Rupprecht-Heims gerne mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern trifft.

„Wir hoffen, es gibt keine vierte Welle – da haben wir gar keinen Bock drauf“, sagt Werner Finkler (2. v. re.), der sich im Café des Fritz-Rupprecht-Heims gerne mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern trifft. © Foto: Ron Hübner

Die Zuckerdose und der Süßstoff stehen auf dem Tisch, wie früher. Es wird Eis bestellt, Kaffee, Wein oder auch Bier. Seit zwei Monaten ist das Café im Fritz-Rupprecht-Heim in Burgfarrnbach wieder geöffnet, das Grüppchen, das an diesem Nachmittag Platz genommen hat, sieht man hier regelmäßig.

"Wir sind alle sehr glücklich darüber, dass wir wieder so beieinander sitzen können wie vor Corona", erzählt Werner Finkler, der Vorsitzende der Bewohnervertretung. An dem Sommertag, an dem die FN vorbeischauen, ist die Inzidenz in Fürth noch niedrig. "Wir hoffen, dass es so bleibt und es keine vierte Welle gibt – da haben wir gar keinen Bock drauf", sagt Finkler und man glaubt es ihm sofort. Im Gegenteil: Weiter aufwärts soll es gehen. "Wir hoffen, dass auch wir im Altenheim unsere Unterhaltung und unser Leben wiederhaben."

Die Sehnsucht danach war groß. Das Fritz-Rupprecht-Heim gehörte zu den Einrichtungen, die gleich in der ersten Welle heftig von Corona getroffen wurden. 18 Todesfälle gab innerhalb kurzer Zeit. Bayernweit wurde damals in den Heimen der Schutz hochgefahren – und das Miteinander runter. Besuche waren bis zum Muttertag 2020 verboten.

Eine schwierige Zeit liegt hinter Heimbewohnern und ihren Angehörigen. Im Frühjahr 2020 waren Besuche wochenlang verboten, nur von außen konnte man zeigen: Wir haben euch nicht vergessen. Das Sofienheim bedankte sich mit dieser Botschaft.

Eine schwierige Zeit liegt hinter Heimbewohnern und ihren Angehörigen. Im Frühjahr 2020 waren Besuche wochenlang verboten, nur von außen konnte man zeigen: Wir haben euch nicht vergessen. Das Sofienheim bedankte sich mit dieser Botschaft.

Auch der Stammtisch zum Beispiel, der sich nach dem Essen immer auf einen Espresso oder ein Glas Wein getroffen hatte, durfte nicht mehr zusammenkommen. "Freundschaften, die hier ja auf Zeit begrenzt sind, sind zerrissen", berichtet Heimleiter Stefan Siemens. Manche starben, bevor Begegnungen wieder möglich waren. Für die ganz jungen Menschen und für die alten habe die Pandemie sicher die schwerwiegendsten Folgen gehabt. Die Zeit ohne Kontakte sei im Alter "nicht mehr einholbar".

Schritt für Schritt gewannen die Menschen in den vergangenen Monaten Lebensqualität zurück. Die Impfung brachte Sicherheit und Freiheiten, sagt Siemens, der neben dem Fritz-Rupprecht-Heim auch das Wohnstift Käthe Loewenthal leitet. Rund 400 Menschen wohnen in den beiden Einrichtungen der Awo. 93 Prozent von ihnen seien geimpft, demnächst stehen die Auffrischungsimpfungen an. Den letzten positiven Befund gab es im Januar. Auch beim Personal sei die Impfquote mit 80 Prozent hoch.

Dass die Krankenhausampel jetzt die Inzidenz ablöst, begrüßt der Leiter. Die Situation sei heute eine andere. In den Heimen könne im Herbst hoffentlich alles bleiben wie bisher. "Die Leute, die hier wohnen, haben ihre Pflicht getan und sich impfen lassen. Sie sollen nicht leiden, sondern weiter zusammenkommen können."


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Auch die meisten Angehörigen seien geimpft, die 3G-Regel sei für kaum jemanden ein Problem. Vorbei sind die Zeiten, als die Awo vor Ort ein eigenes Testzentrum betrieb. 17.000 Schnelltests – von Mitarbeitenden, Bewohnern und Angehörigen – kamen von Dezember bis Ende Mai zusammen.

Inzwischen sind Besuche flexibel möglich, nachdem es – im Anschluss an das Besuchsverbot – über ein Jahr lang Zeitfenster gab, für die man sich anmelden musste. Zwei Mal pro Woche konnte jeder Bewohner Besuch bekommen: im Freien oder in der "Besuchszone" in der Eingangshalle. Aufs Zimmer durften, in Schutzkleidung, nur Angehörige von Bettlägerigen.

Ein Fest fehlt noch

Anfangs, als kaum etwas möglich war, habe man sich bemüht, Bewohner einzeln zu beschäftigen, erzählt Siemens. Richtig gefreut hat er sich, als sich irgendwann ein paar der Senioren eigenständig zur Gymnastik im Freien verabredeten.

Was jetzt noch fehlt, ist ein gemeinsames Fest. Das Wetter spielte bislang nicht mit, bedauert Siemens, er ist aber fest entschlossen: Ein Sommerfest soll es noch geben.


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Auch in den anderen Heimen in Stadt und Landkreis Fürth ist man momentan dabei, Termine für die Drittimpfungen zu organisieren. Die Bewohner seien "eindeutig offen" dafür, sagt Robert Schneider, Geschäftsführer im Awo-Kreisverband Neustadt/Aisch-Bad Windsheim.

In der Langenzenner Einrichtung des Verbands, die auf Sozialkontakte ausgelegt ist und in der viele Demenzkranke wohnen, war die Lage dramatisch in der ersten Welle. Anfang April 2020 waren 47 der 113 Bewohner infiziert, ein Großteil des Personals war ebenfalls erkrankt oder in Quarantäne. Mit Leiharbeitern versuchte das Team, die Lücken zu füllen. "Es gab noch keinen Pflegepool, keine Hilfe durch die Bundeswehr." Damals dauerte es Tage, bis die ersten Testergebnisse vorlagen, erinnert sich Schneider. "Bis wir sie hatten, war das Virus schon im ganzen Haus." Tödlich sei das gewesen. Corona habe mit unheimlicher Geschwindigkeit zugeschlagen, der Gesundheitszustand mancher Senioren kippte binnen Stunden. Die Pflegekräfte waren am Limit.


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Heute seien 95 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner geimpft, dazu 80 bis 85 Prozent des Personals. Dort, wo es besonders schlimm war, sei die Bereitschaft besonders hoch gewesen. Und auch der zunehmende Druck auf Ungeimpfte zeige Wirkung, meint Schneider. Etliche Pflegekräfte, die anfangs abwarten wollten, haben "pragmatisch" nachgezogen. Zwei Besucher pro Person sind inzwischen erlaubt; wenn es jemandem schlechter geht, auch mehr. Damit komme man gut zurecht. Gemeinschaftsaktivitäten finden in Kleingruppen wieder statt.

Nicht vergleichbar

Auch wenn die Inzidenzen aktuell steigen: Die Situation sei nicht mehr vergleichbar, sagt Schneider. Dass es noch einmal so schlimm kommt, wie es war – momentan ist das für ihn nicht vorstellbar.

Als "vorsichtig entspannt" erlebt der Fürther Pfarrer Rudolf Koch diese Zeit. Als Seelsorger besucht er sechs Altenheime regelmäßig. Die Zugangs- und Besuchsregelungen seien ganz unterschiedlich, manche Heime seien vorsichtiger als andere.

Koch weiß, wie belastend die Situation für alle war: für die Bewohner und ihre Familien, aber auch fürs Pflegepersonal, das oft allein mit dem Sterben war. Er ist froh, dass in den Heimen wieder Gottesdienste stattfinden können, wieder mehr Beschäftigung möglich ist. Die schwierige Zeit habe Spuren hinterlassen, "das merkt man bis heute".

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