Dienstag, 20.10.2020

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Simulierte Sehbehinderung: Rathaus-Mitarbeiter erkunden Fürth

Wo Stolperfallen lauern, konnte man mit Spezialbrillen feststellen - 18.10.2020 21:00 Uhr

Für Sehbehinderte schlecht zu erkennen sind Stufen ohne Markierung, wie hier im Pavillon der Adenaueranlage. Lob gab es dafür für das Leitsystem auf dem Wochenmarkt.

© Foto: Gwendolyn Kuhn


Mülltonnen, die man umkurven muss, Gehwege, die direkt in die Fahrbahn übergehen, und Schirmständer auf dem Blindenleitsystem: Wenn Sehbehinderte in der Stadt unterwegs sind, müssen sie extrem wachsam sein. Wie es sich anfühlt, wenn das Blickfeld stark eingeschränkt ist, man nur graue Flecken erkennt oder nahezu ganz erblindet ist, konnten Vertreter der Stadtverwaltung nun selbst ausprobieren.

Mit Brillen, die beispielsweise eine Makuladegeneration oder den Grünen Star simulieren, machten sie einen Rundgang durch Fürth. Organisiert hatte den Ausflug der etwas anderen Art Angelika Lamml von der Bezirksgruppe Mittelfranken des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds und Carmen Kirchner, städtische Beauftragte für Menschen mit Behinderung.

Und tatsächlich: Sobald sich die Teilnehmer des Rundgangs eine der Brillen aufsetzten, verwandelten sie sich von selbstsicheren in unsichere Zeitgenossen, die am Arm ihres Partners ganz vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen.

Schmaler Gehweg

Vom Rathaus führt der Weg zur Adenaueranlage. Als erste große Hürde entpuppt sich die Bäumenstraße. Schmal fällt der Gehweg dort ohnehin aus. Mülltonnen, die auf Abholung warten, verengen ihn zusätzlich. Richtig gefährlich wird es aber an anderer Stelle: Am Eingang der Straße steht ein Schild. Es ist auf Augenhöhe angebracht und zwischen zwei Pfosten platziert.

Nimmt es ein Sehbehinderter nicht wahr, weil er mit seinem Stock unter dem Schild hindurch tastet, droht er frontal dagegen zu laufen. Abhilfe schaffen könnte hier, so Lamml, eine kleine Leiste am Boden. Sie signalisiere, dass es ein Hindernis gibt. Auch einige Bauzaun-Elemente in der Straße sind ein Risiko, weil sie für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen kaum erkennbar sind.

Kontraste, das wird im Gespräch mit Angelika Lamml schnell klar, sind ein unerlässliches Mittel, um Städte für Sehbehinderte sicherer zu machen. Farblich abgesetzte Streifen auf Treppenstufen etwa helfen, diese zu erkennen. Oft, bedauert Lamml, fallen Markierungen allerdings ästhetischen Gesichtspunkten zum Opfer.

Neu gestalteter Platz

Deutlich wird dies auch am Franz-Josef-Strauß-Platz vor dem Amtsgericht. Er ist erst vor einigen Monaten komplett erneuert worden – und für Sehbehinderte doch nicht ganz problemlos zu begehen. Zwar weist ein Blindenleitsystem, also weiß abgesetztes Pflaster mit Rillen, den Weg zum Amtsgericht – doch zumindest bei Regen setzt es sich nicht deutlich genug von seiner Umgebung ab, so Lammls Einschätzung.

Nicht ganz einfach ist auch der Weg hinab zur Königstraße, denn: Den Höhenunterschied des Platzes überbrücken Stufen. Bei ihnen handelt es sich allerdings um so genannte Versatzstufen, die unterschiedlich hoch sind und dadurch schnell zur Stolperfalle werden.

Besser wäre es gewesen, ganz auf sie zu verzichten. Dem widerspricht jedoch Tiefbauamtschef Hans Pösl: Dadurch wäre ein Gefälle von mehr als sechs Prozent entstanden – für Rollstuhlfahrer zu steil. Doch Pösl, der ebenfalls eine Test-Brille aufgesetzt hat, will, wie auch seine Kollegin im Baureferat, bei anstehenden Planungen weiterhin die städtische Beauftragte für Behinderte miteinbeziehen. Und versuchen, die beste Lösung für alle zu erreichen.

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