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Singen und Lüften: Chöre in Zeiten des Virus

Zukunftssorgen und Zuversicht halten sich die Waage - 27.07.2020 11:00 Uhr

Volle Kirche und ein Chor, der sich um Abstandsregeln nicht scheren muss: Dieses Bild aus besseren Zeiten entstand im Herbst 2018 in St. Paul beim Eröffnungskonzert der Fürther Kirchenmusiktage. Eine Rückkehr zur Normalität wird es 2020 nicht mehr geben. Eher ist zu befürchten, dass Corona für manches Laienensemble das Aus bedeutet.

© Foto: Thomas Scherer


Es ist das Jahr, in dem der Zollstock über den Taktstock obsiegt, das Tragikomische über Beethoven. Eine Chorprobe im Sommer 2020 sieht ungefähr so aus, nein, sie muss so aussehen: 1,50 Meter Abstand zu Nebenfrau und -mann, nach vorn und hinten zwei Meter. Sitzt der Chef am Klavier? Dann braucht er oder sie fünf Meter Abstand zur vorderen Choristenreihe. Hört ihr mich? Sehen mich alle?

Nach 20 Minuten Probe: zehn Minuten Lüften. Zwischen zwei Probeneinheiten: 15 Minuten Lüften. Keine Notenblätter verteilen, sondern per Scan und digital in Umlauf bringen. Das Klavier ist zu desinfizieren, das Desinfektionsmittel sollte jedoch besser nicht auf alkoholischer Basis hergestellt sein; es sei denn, der Portokassenstand des Chors reicht aus für ein neues Klavier.

"Ich schwanke zwischen Euphorie darüber, dass das alles möglich ist, und Verzweiflung": 2021 feiert Ingeborg Schilffarth 25 Jahre als Kantorin von St. Michael. Doch zunächst, 2020, muss sie sich als Zollstockvirtuosin bewähren. "Es kostet viel Nerven", sagt sie, aber das sei es wert. 20 Damen und Herren umfasst die Fränkische Kantorei mit Sängerinnen und Sängern aus Fürth und dem Großraum, 80 die Stadtkantorei mit Mitgliedern der evangelischen Innenstadtkirchen. Gottesdienste, Konzerte, Kirchenmusiktage: Mit ihren Chören fährt Schilffarth regelmäßig Kritikerlob ein.

Doch Corona hat dem wärmenden Gemeinschaftserlebnis namens Chorgesang den Saft abgedreht. Es ist schlimm, und es dürfte noch schlimmer werden. "Ich fürchte, dass wir in Zukunft noch weniger Fürther Chöre haben", sagt Peter Böld, Mitglied im Gesangverein Stadeln und Vorsitzender der Sängergruppe Fürth im Fränkischen Sängerbund. Hier sind jene acht freien Laienchöre organisiert, die ohne Nabelschnur zu einer Kirchengemeinde Liedgut und Geselligkeit unter einen Hut bringen.

Seit zwei Wochen proben die Stadelner, in Vollbesetzung 50 Leute. Der Chorraum ist zu klein, Ausweichort ist die Dreifaltigkeitskirche. Nicht alle 50 dürfen kommen, und längst nicht alle machen mit – auch Böld (74) hält sich zurück: "Das Durchschnittsalter in den Chören liegt bei 65, Risikogruppe."

1000 Euro Hilfe

Überalterung galt bis neulich als Hauptproblem aller Ensembles. Überalterung plus Corona, das heißt: weniger Proben, kaum Konzerte, akuter Gesundheitsstress. Das Frühjahrskonzert der Stadelner im Juni: gestrichen. Vielleicht klappt ja die Weihnachtsfeier mit Ehrenabend, wer weiß. 1000 Euro können Laienensembles übrigens beim Freistaat beantragen, die Stadelner wollen das. Chorleiterin Dagmar Riedmüller ist Freiberuflerin und füllt den Kühlschrank nicht mit schönen Melodien. Finanzstützen, schön und gut, doch "die Chöre sind vernachlässigt worden", meint Böld. Schilffarth: "Ich fand es sehr merkwürdig, dass es lange ein striktes Verbot für Chorgesang gab."

Erst ein schriftlicher Aufschrei der Bayerischen Chorverbände im Namen von 90.000 Sängerinnen und Sängern Mitte Juni brachte eine rasche Wende. "Viele, die die Regeln machten, wussten nichts über Chorgesang. Die dachten: Wenn Laienchöre proben, ist das ein ungehobeltes Durcheinanderschreien" – o Aerosole mio. Von wegen. Jeder Laienchor, so die Kantorin, bemühe sich, fein zu singen, "denn er hat ja gar nicht die Atemtechnik der Profis". Nach den Pfingstferien jedenfalls war Probenarbeit wieder möglich, auch für die Stadtkantorei. Allerdings in St. Paul, dort ist der Altarraum größer als in St. Michael.

In zwei Gruppen lässt Almut Mahr den Oberasbacher Gospelchor in der Kirche St. Stephanus proben, insgesamt 50 Damen und Herren. Bei zwei Metern Abstand kriegt sie im Altarraum 28 Personen unter – Zollstock sei Dank. Anfang Juli sahen sich die Chormitglieder erstmals seit dem Lockdown in einem Zirndorfer Lokal wieder, "das war wichtig, weil auch die Geselligkeit nicht zu kurz kommen darf". Fazit: Wir halten zusammen, und wir bleiben zusammen.

"Bis zur Normalität wird es lange dauern"

Drei der fünf Konzerte pro Jahr fielen bislang der Krise zum Opfer; vielleicht klappt’s am 1. Adventssonntag, das neue Gemeindehaus wird fertig, chorlos will das niemand feiern. Mahr: "Bis zur Normalität wird es noch eine lange Zeit dauern." Vollends schweigen bis auf Weiteres die Gospelkids, ein Ensemble im Vor- und Grundschulalter, das Mahr an der Zirndorfer Musikschule leitet – zu klein ist der Raum, zu umfangreich sind die Vorschriften.

An St. Michael indessen haben sich alle auf diesen Sonntag gefreut. 22 Choristen gaben ab 9.30 Uhr draußen und vor dem Gottesdienst die ersten öffentlichen Töne seit Wochen zum Besten. Zur Austeilung des Abendmahls sangen sie danach, sorgsam auf Distanz platziert, von der zweiten und dritten Empore aus. Gänsehaut: war laut Regelwerk erlaubt.

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