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So bereitet sich Fürths Klinikum auf mehr Corona-Fälle vor

Bisher werden zwei Covid-19-Patienten stationär behandelt - Wertvolle Kontakte nach Italien - 24.03.2020 20:15 Uhr

Mundschutz ist wegen der Corona-Pandemie nun Pflicht am Fürther Klinikum, auch beim Pressegespräch: Rechtsreferent Mathias Kreitinger (v. li.), OB Thomas Jung und Dr. Manfred Wagner. © Foto: Hans-Joachim WInckler


"Wenn Sie mich vor vier Wochen gefragt hätten, ob das möglich ist, hätte ich Nein gesagt": Dr. Manfred Wagner, der Mann, der den Krisenstab am Fürther Klinikum leitet, gibt bei der Pressekonferenz am Dienstagmittag auch einen kleinen Einblick in sein Innenleben. 15 Jahre lang habe er die Intensivstation selbst mitgeleitet, erzählt er. Deren Kapazitäten in so kurzer Zeit zu verdoppeln - das habe er für unvorstellbar gehalten.

Doch genau das ist nun das Ziel. Statt 30 sollen kommende Woche 60 Betten mit Beatmungsgeräten bereitstehen. Die Kardiologie macht der neuen Station Platz. Die übrige Ausstattung der Abteilung muss entsprechend aufgestockt werden. Und Wagner, zugleich Medizinischer Direktor am Klinikum, ist inzwischen zuversichtlich: "Wir werden das schaffen." 

Die Betten werden gebraucht, um - getrennt von anderen Intensivpatienten (etwa nach Herzinfarkten oder Blutvergiftungen) - diejenigen Covid-19-Fälle behandeln zu können, bei denen die Erkrankung einen besonders schweren Verlauf nimmt. Die Welle, mit der Ärzte rechnen, beginnt erst gerade. Bisher muss das Klinikum sich nur um einen Covid-19-Intensivpatienten kümmern. Ein zweiter Corona-Patient muss stationär behandelt, aber nicht beatmet werden. 25 bestätigte Corona-Fälle gibt es insgesamt in Fürth.

Mit Hilfe von Experten versucht das Klinikum, die künftige Entwicklung einzuschätzen. Die Zahlen aber, auf denen die Modellberechnungen beruhen, ändern sich schnell, erklärt Wagner bei dem Pressegespräch, zu dem auch Oberbürgermeister Thomas Jung und Ordnungsreferent Mathias Kreitinger gekommen sind. "Wir gehen davon aus, dass wir eventuell wirklich die Verdopplung der Kapazitäten brauchen." Und auch das sagt der Mediziner: In den vergangenen Wochen "haben wir gelernt, dass wir Dinge denken müssen, die vorher undenkbar schienen".

Kollegen aus Italien haben gewarnt

Das Klinikum, den Eindruck vermittelt Wagner, hat die Zeit genutzt, die noch blieb: Ende Februar "haben wir begonnen, uns auf die Situation vorzubereiten", erzählt der Leiter des Krisenstabs. Man habe dabei von einigen Kollegen am Klinikum profitiert, die aus Italien stammen und "immer wieder gewarnt haben". Sie versorgten das Krankenhaus auf informellem Weg mit vielen Informationen von Freunden und Bekannten. Über die Italiener bekam man wiederum Informationen aus China. "Wir haben wirklich per WhatsApp zum Teil die Präsentationen aus China und Italien bekommen und lassen sie in unsere Behandlungsleitlinien und -planungen einfließen."

Früher als viele andere Städte habe man somit Materialbestände - etwa Schutzkleidung und -masken - hochgefahren. Drei bis vier Wochen könne man damit sicher auskommen. Der Bedarf aber werde freilich wachsen: "Wir kämpfen täglich auf dem Markt."

Mundschutz ist jetzt Pflicht

Mundschutz ist jetzt zur Pflicht geworden für alle Beschäftigten im Krankenhaus, auch, wenn sie nicht beim Patienten sind, sondern miteinander sprechen. Die wenigen Besucher, die noch Zutritt bekommen, bekommen ebenfalls Masken. Konsequent wurden am Dienstag beim Pressegespräch, das im Freien stattfand, auch der OB und die Medienvertreter damit ausgestattet. Die Maske schütze nicht den Träger, sondern die anderen, falls er infiziert ist, erklärt Wagner.

Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, gilt seit kurzem am Klinikum ein umfassendes Besucherverbot. Ausnahmen werden - nach Rücksprache mit dem Stationsarzt - für Angehörige von schwerstkranken Patienten und von Kindern sowie für Väter, die bei der Geburt ihres Kindes dabei sein wollen, gemacht. Damit die übrigen Patienten weniger sozial isoliert sind, können sie neuerdings kostenlos telefonieren.

Mitarbeiter werden rekrutiert und geschult

Auch auf anderen Ebenen laufen die Vorbereitungen: 250 Betten hat das Klinikum freigemacht. Operationen, die nicht dringlich sind, wurden verlegt. Es werden Abläufe festgelegt für die Behandlung der Covid-19-Fälle. Und es werden zurzeit Mitarbeiter geschult und rekrutiert. "Wir schauen jetzt, wer intensivmedizinische Qualifikationen hat", sagt Wagner. Auch frühere Pflegekräfte, die jetzt zum Beispiel in der Verwaltung arbeiten, wolle man auf die kommenden Herausforderungen vorbereiten. Teils wird Personal aus dem Ruhestand zurückgeholt, über die Homepage sucht man ebenfalls nach Unterstützung.

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Wagner hofft zudem, dass das Klinikum nach längeren Vorbereitungen ab nächster Woche endlich auch selbstständig Corona-Tests durchführen kann. Das Krankenhaus habe zum Glück noch ein eigenes Labor, "wir sind froh, dass es nicht outgesourct wurde". So werde man schneller an Testergebnisse kommen. Die Klinikumsapotheke stellt unterdessen Desinfektionsmittel wieder selbst her.


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Die Beschäftigten informiere man täglich in einem Podcast. Demnächst soll dieser auch öffentlich zugänglich sein, um Transparenz zu schaffen. Für den Krisenstab des Klinikums sei die gute Zusammenarbeit mit der Stadt extrem wichtig, betont Wagner zudem und lenkt den Blick auf die vielen Menschen, die im Klinikum in dieser Zeit gefordert sind: "Ich stehe jetzt allein hier, aber hinter mir steht ein super Team." Dazu gehöre nicht nur das medizinische Personal, sondern auch der Reinigungsdienst und die Menschen, die in der Klinikumsküche arbeiten.

Jung: "Das ist schlimmer als Quelle"

Sie alle schließt ausdrücklich auch Oberbürgermeister Thomas Jung in seine Dankesworte ein: Das Klinikum, mit all diesen Menschen, sei das Herzstück bei den Bemühungen, die Corona-Pandemie zu bewältigen. "Hier werden immense Anstrengungen unternommen."

Froh sei er, dass die Zahl der Corona-Fälle in Mittelfranken noch nicht so hoch  sei. Die Fürther Bevölkerung, sagt er dankbar, sei "außerordentlich" bemüht, die Ausgangseinschränkungen einzuhalten.

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Große Sorgen machen Jung indes die zu befürchtenden wirtschaftlichen Folgen: "Wir haben Quelle erlebt - aber das jetzt ist mehr als Quelle." 10 bis 20 Prozent der 3000 Fürther Gewerbebetriebe werde wohl eine existenzielle Bedrohung erleben, sagt Jung. Nach aktuellen "vorsichtigen" Schätzungen könnten auch der Stadt bis zu 50 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen und 20 Prozent der Einkommenssteuereinnahmen fehlen - insgesamt 60 Millionen Euro. Es sei wichtig, dass die Wirtschaft nicht völlig zum Erliegen kommt.


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Dass die Stadt Fürth in der aktuellen Krise eng mit dem Landkreis zusammenarbeitet, betont Rechtsreferent Kreitinger. Man sei im täglichen Austausch. Noch habe man die Lage im Griff - man erwarte aber, "dass sich die Situation dynamisch weiterentwickeln wird".

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