Spannende Postkarten im Fürther Stadtmuseum

19.7.2020, 16:00 Uhr
Nicht mehr viele Fürther dürften dieses Gebäude auf der Freiheit kennen: Der Ludwigsbahnhof wurde 1938 von den Nazis abgerissen, weil man Platz für Aufmärsche brauchte.

Nicht mehr viele Fürther dürften dieses Gebäude auf der Freiheit kennen: Der Ludwigsbahnhof wurde 1938 von den Nazis abgerissen, weil man Platz für Aufmärsche brauchte. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Ein Strich, allenfalls ein paar Zentimeter lang, brachte 1905 die Wende für fleißige Postkartenschreiber. Mit der schlichten Markierung wurde fortan der Adressbereich vom Text getrennt. Bis dahin war es nämlich strengstens untersagt gewesen, Persönliches neben die Anschrift zu setzen. Was dazu führte, dass bei sämtlichen früheren Karten knappe Grußworte auf die Seite mit dem Bildmotiv gequetscht werden mussten.

Mit feingestrichelten Buchstaben gelang das zum Beispiel 1898 dem Texter einer Postkarte, die gleich zu Beginn der Ausstellung im Stadtmuseum zu bewundern ist. Eine üppige Muse, bekleidet mit nichts als einem zierlichen Gürtel, erinnert an das IX. Sängerbundesfest, das just in Fürth stattfand. Auf dem schmalen Raum, der zu Füßen der Schönen noch frei ist, steht: "Meinem Versprechen gemäß will ich mich nach deinem Wohlbefinden erkundigen, wie ich das Beste zu vernehmen wünsche." Ein fein gedrechselter Stil, den sich der WhatsApp-Schreiber von heute hinter die Ohren schreiben mag. Oder auch nicht.

Schätze aus dem Archiv

Dass die verschnörkelten Zeilen überhaupt zu entziffern sind, ist Alexandra Herzog und Ruth Kollinger zu verdanken. Sie haben die Karten-Schätze aus dem Archiv der Stadt gehoben, mit begleitenden Informationen versehen und Unleserliches für die Besucher dechiffriert. So wird der Rundgang in der Schau, die bis 6. September gezeigt wird, zu einem Vergnügen mit jeder Menge Aha-Momenten.

Mit den Abbildungen und Ansichten öffnet sich ein Fenster in vergangene Zeiten. Sichtbar wird, was einst war und was noch ist. Oder für immer verschwand. So wie der Ludwigsbahnhof, der bis 1938 auf der Fürther Freiheit stand. Die Nationalsozialisten forderten Platz für Aufmärsche, also wurde er abgerissen. Im gleichen Jahr kam im Stadtpark das Ende der Restauration am Schwanenweiher – einem idyllisch anmutenden Haus, wie die alte Ansichtskarte zeigt. Die Reste des Gebäudes bilden heute die Basis der Freilichtbühne.

Auch diese Aufnahme vom Zusammenstoß der Straßenbahn mit einem Auto 1948 auf der Fürther Freiheit wurde per Postkarte verschickt.

Auch diese Aufnahme vom Zusammenstoß der Straßenbahn mit einem Auto 1948 auf der Fürther Freiheit wurde per Postkarte verschickt. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Brutal zerstört, in Brand gesteckt und niedergerissen wurde das Zentrum der Jüdischen Gemeinde in Fürth, der Schulhof, der heute im Stadtbild nicht mehr auszumachen ist. Eine seltene Karte vermittelt einen Eindruck der Anlage vor dem November-Pogrom von 1938. Eine Spurensuche zwischen einst und heute legt auch die Aufnahme des historischen Gänsbergs – in diesem Viertel lag der Schulhof – nahe.

An Fürths erstes Theater erinnert eine andere Karte. Der Musentempel, der damals unter der Adresse Rosenstraße 24 firmierte (heute ist hier die Theaterstraße 3), erscheint, freundlich gesagt, äußerst zweckmäßig gestaltet gewesen zu sein. Ganz im Gegensatz zum Paradebeispiel der Fürther Belle Epoque: Die Königswarterstraße etwa macht bella figura. Im Detail führt eine Ansicht der Villa Engelhardt, die 1965 einem schmucklosen Bau weichen musste, vor, welchen Effekt Türmchen, Erker und Pilaster erzielen können. Geradezu vertraut erscheint dem Betrachter ein Blick in die Gustavstraße. Da ist der Wiedererkennungsfaktor hoch – bis auf ein Detail: In der historischen Abbildung ist partout keine Außenbestuhlung zu erkennen . . .

Am Sonntag um vier

Wie heftig in Fürth gefeiert werden konnte, beweist zweifelsfrei ein "feuchtfröhlicher Gruß" aus Geismanns Salvatorsaal. Geschrieben mit schwankenden Buchstaben – augenscheinlich nach Verkostung an Ort und Stelle. Ein beliebtes Motiv, mit dem der Postkartenversender offensichtlich Eindruck schinden konnte, war die Fassade des 1902 in direkter Nachbarschaft eröffneten neuen Stadttheaters an der Königstraße. Vorfreudig schreibt da ein Hans an seinen Freund: "Karl und ich kommen Sonntag um 4 zur Vorstellung von ,Die schöne Cleo‘."

Und selbstverständlich fehlt in der umfangreichen Sammlung die Königin nicht: 1904 sandte ein begeisterter Besucher "Best compliments" von der Fürther Kärwa.

Anschließend durfte es vielleicht ein Glas Dosana-Sprudel sein. Das Heilwasser, das aus der König-Ludwig-Quelle strömt, wird 1912 mit einer Werbepostkarte angepriesen. Eine Spur romantischer zumute war vermutlich der jungen Frau, die sich für eine Karte mit der barocken Figurengruppe an der Steinbank im Stadtpark entschied und aus dem schönen Fürth an den fernen Adressaten die klassischen Worte schrieb: "Sei heute vielmals gegrüßt von deinem Trinchen."

www.stadtmuseum-fuerth.de

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