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Sport als Integrationsfaktor

Anita Kinle macht sich laufend für Menschen mit Down-Syndrom stark - 04.11.2011

Anita Kinle (Mitte) wirbt mit ihrem Laufclub 21 beim Metropolmarathon für die sportliche Integration von Menschen mit Down-Syndrom. © Gunhild Rübekeil


Frau Kinle, in zwei Wochen werden Sie von der Fürther Freimaurerloge mit dem Preis für vorbildliche Mitmenschlichkeit ausgezeichnet. Sind Sie nervös?

Kinle: Nein, ich weiß ja schon seit ein paar Monaten, dass ich den Preis bekommen werde. Also hatte ich genug Zeit, meine Gedanken in Worte zu fassen. Es sind mehrere Seiten geworden (lacht). Ich freue mich auf die Verleihung. Es tut mir gut, meine Gedanken offenzulegen.

Ohne viel zu verraten: Um was wird es in Ihrer Rede gehen?

Kinle: Ich möchte den Anwesenden sagen, dass Mitmenschlichkeit aus meiner Sicht eine kollektive Aufgabe ist. Außerdem, dass ich mich gerne am Prozess beteiligen werde, das Bewusstsein für Mitmenschlichkeit zu stärken. Vor allem für die Generation, die uns in 20 Jahren regieren soll. Genau das ist meine Zielgruppe. Wie soll ein Bewusstsein entstehen, wenn wir es jetzt nicht entwickeln? Beim Down-Syndrom wird immer von einem genetischen Defekt gesprochen, das halte ich für falsch. Der Begriff Defekt drückt lediglich Begrenzung und Unvermögen aus, aber keine Chancen.

Wann sind Sie selbst zum ersten Mal mit dem Down-Syndrom in Berührung gekommen?

Kinle: Das war 1999, als mein Sohn mit der genetischen Vielfalt des Down-Syndroms zur Welt gekommen ist. Dadurch habe ich gelernt, offener zu werden. Von da an habe ich nach Möglichkeiten gesucht, den Menschen mit Down-Syndrom zu helfen...

...und vor vier Jahren den Laufclub 21 gegründet.

Kinle: Ja, um zusammen mit den Menschen mit Down-Syndrom Sport zu treiben, aber noch ohne genaue Vorstellung, wie das aussehen soll. Für mich war klar, dass ich nicht nur informieren möchte, sondern etwas bewegen will. Dann habe ich gehört, dass ein Engländer mit Down-Syndrom einen Marathon gelaufen ist. Das war eine Initialzündung für unseren Verein, weil ich nun wusste, dass so was möglich ist. Es folgte der Start von Sportlern mit Down-Syndrom beim Metropolmarathon 2008 und vor einem Jahr unsere eigene Veranstaltung, der Marathon zum Welt-Down-Syndrom-Tag am 21. März.

Wie schwierig war es, diese Veranstaltung zu organisieren?

Kinle: Überhaupt nicht schwierig, weil der Sportservice uns bei allem Bürokratischen tatkräftig unterstützt hat. Schwieriger war es, den Lauf überhaupt bekanntzumachen. Das haben wir dann mit Flyern und Anzeigen geschafft. Zudem haben die Veranstalter der großen Marathonläufe, etwa in München oder Würzburg, ihren Läufern einen Newsletter mit Hinweis auf unsere Veranstaltung geschickt. Am Ende war das Echo überwältigend. Wir hatten den Wunsch, dass 300 Läufer an den Start gehen. Es wurden fast 700.

Gab es einen Dialog zwischen den Sportlern ohne und mit Behinderung?

Kinle: Ja und genau das war unser Ziel. Deswegen haben wir auch den Rundenlauf im Südstadtpark gewählt, damit sich die Starter immer wieder begegnen. Viele waren neugierig und haben sich mit den Sportlern mit Down-Syndrom unterhalten. Ein Freund von mir meinte, jetzt wüsste er, was Integration ist, weil er von keinem behinderten Sportler gefragt wurde, warum er ohne Behinderung überhaupt mitlaufe. Diese Erkenntnis fand ich toll.

Nächstes Jahr geht Ihr Marathon in die zweite Runde...

Kinle: ...und es gibt schon über 100 Anmeldungen. Wir haben das Limit auf 800 Startplätze gesetzt, schließlich sollen sich die Sportler noch wohlfühlen und sich austauschen. Es wird eine kostenlose Kinderbetreuung geben, gute Unterhaltung an der Strecke um den Südstadtpark, einen roten Teppich bei jeder Runde durch die Grüne Halle, und vieles mehr. Den Welt-Down-Syndrom-Tag wollen wir durch unseren Marathon mit möglichst vielen Menschen zusammen feiern.

Was hat ihr Verein neben dem Marathon für die Zukunft geplant?

Kinle: In unserer Fürther Beratungsstelle werden wir uns um alle Fragen zum Down-Syndrom kümmern. Aber das Laufen wird immer unser Kernstück bleiben, denn Sport ermöglicht ein Leben in der Mitte der Gesellschaft.

 

Interview: MARCEL STAUDT

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