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SpVgg: Ende einer ungewöhnlichen Nachbarschaft

Nach 100 Jahren ist bald Schluss im Ronhof: Anwohner reagieren mit gemischten Gefühlen - 27.03.2012 09:00 Uhr

Halligalli am Laubenweg: Beim Pokalhalbfinale in der vergangenen Woche (unser Bild) war der Auftrieb hier besonders groß. In zwei Jahren dürften solche Bilder im Ronhof Geschichte sein. © Hans-Joachim Winckler


Stefan Müller könnte jedes Heimspiel vom Esszimmer aus live verfolgen. Von seiner Wohnung im achten Stock schaut der 44-jährige Hausmeister der Pestalozzischule direkt hinein in den Ronhof. Und sieht, immerhin, „das halbe Spielfeld“. Eine ungewöhnliche Wohnlage, in der Nachbarschaft von Erst- und Zweitligisten sonst kaum zu finden. Noch. Denn die Tage des Ronhofs sind gezählt. Ab 2014 soll die Kleeblatt-Elf im Gewerbepark Süd kicken, Müller schaut dann sozusagen ins Leere.

„Fehlen tut mir dann nix“, sagt der Mann, der zwar beim Pokalspiel mitgefiebert hat, übrigens vorm Fernseher, aber nicht jede Partie anschaut. Was ihm gar nicht fehlen wird, sind die regelmäßigen Sperrungen des Laubenwegs, manchmal auch des ganzen Viertels für den Autoverkehr. Dann muss sich die ganze Nachbarschaft in der weiteren Umgebung Parkplätze suchen. Darauf kann Müller ebenso gern verzichten wie seine Frau, Alexia Lazaridou. Ihr aber wird doch etwas fehlen, nämlich das „Halligalli“ alle 14 Tage. Die 44-Jährige mag sich gar nicht ausmalen, dass es „hier irgendwann ganz ruhig“ sein könnte.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge beurteilt auch eine 74-jährige Anwohnerin die Neubaupläne. Im Lauf der Jahre hat sie von ihrem Balkon aus manche unschöne Szene gesehen: Aggressive, sturzbetrunkene Fans, die randalierten, gröhlten, Autos ramponierten. Oder jetzt, vor dem Pokalspiel: „Stehen da doch fünf, sechs Mann und pinkeln gegen unsere Mülltonnen! Dabei gab’s da drüben 40 WC-Häuschen.“ Andererseits: Den Anblick fröhlicher Fürther Fans, die nach einem Sieg vorüberziehen, den wird sie vermissen. Und den Teeladen, wo sie sich eben erst mit Müsli und Gewürzen versorgt hat. Ein Einkauf, den sie bisher zu Fuß erledigen kann. Ja“, seufzt die Frau, „ein bissl leid tut’s mir schon.“

„Ein bisschen Weitblick“

Nur ein paar Schritte ins Stadion hat auch Agostino Campana, Inhaber der Pizzeria Bella Italia. Für den 45-jährigen Fan ist das ideal. So kann er seiner Mannschaft bei Heimspielen zujubeln und sich trotzdem ums Geschäft kümmern. Wenn der Laden brummt, sagt Ehefra Sandra, „dann ruf ich ihn an und sag, komm her“. In der Südstadt bliebe Agostino Campanas Platz im Stadion zwangsläufig öfter mal leer. Der Pizzabäcker setzt eine belustigt-gequälte Miene auf und zuckt mit den Schultern. Soll heißen: Es kommt, wie es kommt.

Gertrude Renz (51), die einige hundert Meter weiter mit ihrem Mann im Garten Stiefmütterchen gießt, sorgt sich ein wenig, „dass hier eines Tages Hochhäuser hinkommen könnten“. Vor acht Jahren haben die Eheleute ihr Haus gekauft. Den Parkplatz der SpVgg auf der anderen Seite der Straße finden sie an sich nicht schön. „Aber“, sagt Johann Renz, „so hat man in der Stadt ein bisschen Weitblick.“ Über Fan-Randale kann er nicht klagen. Kronkorken und Glasscherben im Garten? Fehlanzeige. Das sei eher ein Problem in den Seitenstraßen. „Aber hier steht die Polizei. Da bleibt alles sauber.“ Klar wird: Ginge es nach Johann Renz, könnte die SpVgg gern im Ronhof bleiben.

Irene Langkammerer, Seniorchefin der Lichtcompany, dagegen ist „nicht bös“ über das nahende Ende dieser Nachbarschaft. Denn: „Die Kunden bleiben halt weg, wenn die Straße am Samstag, unserem Hauptverkaufstag, gesperrt ist und wir manchmal auch noch von Gittern umgeben sind.“ Mit Briefen an den Oberbürgermeister und den Deutschen Fußball-Bund hat sich die 72-Jährige schon mal um eine Verlegung der Heimspiele etwa auf den Sonntag bemüht. Vergeblich, sagt sie schmunzelnd. Spielpläne werden nach anderen Kriterien aufgestellt, das weiß sie. Und sie hat ja auch was übrig für die SpVgg. Immerhin ist ihr Mann Georg Langkammerer seit 65 Jahren im Verein, Ehrenmitglied und „bei jedem Heimspiel dabei“. Irene Langkammerer freut sich daher auch einfach, dass das Kleeblatt jetzt ein „neues, schöneres Stadion kriegt“.

Birgit Heidingsfelder

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