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Stadtpark: Aschenbrödel geht in den Widerstand

Zerstörte Statue von Gudrun Kunstmann am Rand des Spielplatzes wurde in mühevoller Arbeit nachgebildet - 13.09.2017 11:00 Uhr

Restaurator André Jeschar (rechts) und sein Mitarbeiter zementieren die Rekonstruktion auf ihren Sockel am Spielplatz. © Foto: Horst Linke


Ton, Mörtel und Edelstahl, das ist der Stoff, aus dem der Widerstand gemacht ist. Rötlich leuchten die Keramikröhren im unteren Teil der Figur, grau scheint der Mörtel durch, mit dem sie verputzt sind. Nur im oberen Drittel wirkt die Frauenfigur wie aus einem Guss. Doch auch Kopf, Rumpf und Arme bestehen aus verschiedenen Teilen, die erst nach dem Brennen zusammengesetzt wurden.

Ein heikler Vorgang, wie Bildhauer André Jeschar erklärt: Im über tausend Grad heißen Ofen verzieht sich das Material. "Man muss vorher etwa zwölf Prozent Masse dazurechnen", sagt Jeschar, der jedes Mal hoffen muss, dass nach dem Brennen auch alles zusammenpasst.

Der Vorgang, den der Künstler da beschreibt, ist aufwendig und teuer. 16 000 Euro hat es gekostet, das Aschenbrödel zu rekonstruieren und wieder auf sein angestammtes Podest am Rande des Spielplatzes im Stadtpark zu stellen. Bis etwa Mitte der neunziger Jahre zierte schon einmal eine ähnliche Figur die Treppen hinunter zum Sandkasten. Geschaffen hatte sie die Künstlerin Gudrun Kunstmann, wie auch das Schneewittchen, die Gänseliesel, die Bremer Stadtmusikanten und die Froschkönig-Prinzessin an ihren Seiten.

Bruchstücke entsorgt

Anfang der Nullerjahre waren von der Figur allerdings nur noch Bruchstücke übrig. "Und die sind bei irgendwelchen Aufräumarbeiten wohl aus Versehen entsorgt worden", berichtet Wolfram Hirt, Mitarbeiter im städtischen Grünflächenamt. Damit war die Figur am schlimmsten vom Vandalismus betroffen.

Bei den anderen Statuen waren immer nur Einzelteile zerstört. Der Froschkönig-Prinzessin wurde zum Beispiel 2014 der Kopf abgeschlagen (wir berichteten). Aschenbrödel ist nun die letzte der Skulpturen, die wiederhergestellt wurde, und die einzige, die dafür von Grund auf neu geschaffen werden musste.

Dafür bediente sich Jeschar alter Fotografien aus dem Stadtarchiv. Daraus entstand zuerst eine Nachbildung in Miniaturform. Danach machte sich der Restaurator, der auch schon die anderen Statuen repariert hat, an die Wiederherstellung der fast lebensgroßen Tonfigur. Das Mini-Aschenbrödel schenkte er dem Unternehmer Günther Schönwasser. Der Geschäftsführer einer Fürther Immobilienfirma hat weit über die Hälfte des Betrags für die Rekonstruktion der Märchenfigur gespendet. Auch die Instandsetzung der anderen Skulpturen finanzierte er bereits – aus persönlicher Verbundenheit. Er kennt und schätzt die Statuen seit seiner Kindheit.

Jetzt, da sie vollständig wiederhergestellt sind, hoffen alle Beteiligten, dass sie möglichst lange unversehrt bleiben. "Die Figuren stehen wirklich exponiert hier", so Gartenamtsmitarbeiter Hirt über das Risiko für die großen, aber nicht allzu robusten Kunstwerke aus Ton. Deswegen habe man beim Aschenbrödel auch auf die Tränke mit mehreren Vögeln verzichtet, die im Original an den Füßen der Statue angefügt war – diese wäre zu anfällig für Beschädigungen.

"Es ist ein Dilemma", sagt Hirt. Einerseits seien die Figuren dafür geschaffen, zugänglich im Freien zu stehen. Andererseits sind sie eben dadurch gefährdet. "Wir haben deshalb lange Strategien verfolgt, alles zu sichern, indem wir sie aus dem öffentlichen Raum herausnehmen." Das galt zum Beispiel für die "Drei Grazien" oder die "Tänzerin", ebenfalls Kunstmann-Skulpturen, die früher im sogenannten Empfangsgarten des Stadtparks an der Auferstehungskirche standen. Mit den Märchenfiguren am Spielplatz wagt die Stadt nun wieder mehr. "Ich hoffe, dass ich nicht noch einmal antreten muss", sagt der Bildhauer.

Leidiges Problem

Der gebürtige Berliner kennt das Problem des Vandalismus aus der Hauptstadt, wo Graffiti-Sprayer immer wieder auch Kunstwerke besprühen. "Die Reinigung ist ein Haufen Arbeit und kostet den Steuerzahler viel Geld", sagt er – und die Verunstaltung sei eine Respektlosigkeit gegenüber den Künstlern.

Die Werke von Gudrun Kunstmann (1917-1994) hält er mit Blick auf die Zeit ihrer Entstehung für sehr modern: "Es war ihr Markenzeichen, dass sie mit Industriekeramik gearbeitet hat." Die röhrenförmigen Stücke beim Aschenbrödel oder die ziegelsteinartigen Platten der anderen Frauenfiguren werden normalerweise als Werkstoff am Bau verwendet. Kunstmann bediente sich des Materials aber auf kreative Weise.

Diese Handschrift habe er versucht, zu imitieren, um einen ähnlichen Gesamteindruck zu erreichen wie beim Original, sagt Jeschar. Nachahmen will er die Künstlerin aber nicht, "das wäre vermessen".

JULIA RUHNAU

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