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Stadttheater: Stell dir vor, es ist wieder was los

Die Saison für 20/21 wird geplant - 21.05.2020 14:21 Uhr

Bühne frei für die Fürth-Debütanten: Das Israel Ballet aus Tel Aviv erweitert im September die lange Liste internationaler Tanztheater-Compagnien, die in schöner Regelmäßigkeit in der Kleeblattstadt vorbeischauen. Groß ist die Hoffnung, dass nach der vorzeitig abgebrochenen laufenden Saison im Herbst wieder ein regulärer Spielbetrieb möglich ist. © Ira Tashlitzki


Abhauen, verschwinden, vogelfrei sein, man möchte liebend gern so vieles in diesen Wochen und kann es doch nicht. Es ist ja überall, das Dings, das mit C anfängt. Eine Zeitreise müsste aber schon mindestens drin sein, wenn die gute Fee des Wegs käme. Hat ja sonst keinen Zweck. Statt der Fee kommt aber zunächst mal, in einem viertelstündigen Youtube-Video, der Intendant und spricht zu seinen Lieben. Film statt Pressekonferenz: Trauriger ist eine neue Stadttheater-Saison selten präsentiert worden.

Hinter Werner Müller, flankiert von Dramaturg Matthias Heilmann und Junges-Theater-Chef Thomas Stang, gähnt der totenstarre Saal, und alle drei schauten auch schon mal unverdrossener drein. Dann heißt das Motto der Spielzeit prompt auch noch "Utopia", ausgetüftelt viele Monate vor der Pandemie. Positive Lebensentwürfe, sagt Müller im Jahr 30 seiner noch drei Jahre währenden Amtszeit, seien "für uns alle wichtiger denn je. Sie entstehen aus den Erinnerungen der Vergangenheit, den Erfahrungen der Gegenwart und den Optionen für die Veränderungen der Zukunft." Steht das nicht so oder so ähnlich in der "Feuerzangenbowle"?

Das trendigere Wort der Stunde wäre wahrscheinlich "Dystopie", aber wie würden die drei erst dann gucken. Wie auch immer, ein Spielplan mit neun hausgemachten Premieren erwartet die Stadttheater-Gänger 20/21, wobei es vorerst eine schöne Utopie bleibt, derzufolge sich für die Künstler der ersten Premiere (16. Oktober) der Vorhang öffnet und den Blick auf ein quicklebendig-rappelvolles Haus freigibt. Mit Swing Street bekommt das Fürther Duo Thilo Wolf und Ewald Arenz eine weitere Groß-Chance; ein New Yorker Paar anno 2020 darf in einem Plattenladen abtauchen ins Manhattan der Swinging Thirties. Würden viele New Yorker Paare aktuell ganz sicher prima finden. Choreograf Gaines Hall inszeniert auch, in den Titelrollen agieren Friedrich Rau und Bettina Meske.

Wie der Überwachungsstaat ins englische Landleben einfällt, zeigt mit stark überzeichnender Note die sehr angesagte Londoner Dramatikerin Dawn King, Jahrgang 1978, in Foxfinder (4. März). Regie führt Jochen Strodthoff, der in Fürth mit "Simplicius Simplicissimus" und "Hinterm Haus der Wassermann" zweifach ein sehr glückliches Händchen hatte. Bereits am 23. Oktober gibt es die Gelegenheit, das neue Ensemblemitglied Mark Harvey Mühlemann - er kommt für Tristan Fabian, der nach sechs Jahren wieder freiberuflich arbeiten möchte - kennen zu lernen. Play Hard Work heißt die - verschobene - Premiere, ein Spiellabor, ausgedacht vom Theaterkollektiv Pandora Pop. Kein konventionelles Stück, eher eine Untersuchung, wie Arbeit und Spiel zusammenhängen. Augenberingte Eltern im Homeoffice- und Homeschooling-Modus dürften interessiert das Kulturforum aufsuchen.

Das gesamte Hausensemble wiederum steht ab 29. November in der Bühnenfassung des Andersen-Märchens Die Schneekönigin auf der Bühne. Jawohl, das gesamte Ensemble, denn erstmals gesellt sich Jutta Czurda - als Schneekönigin, war klar - zum Quartett der Jungschauspielerinnen und -schauspieler. Stang und Yvonne Swoboda führen Regie in dieser Vorweihnachts-Produktion. "Großes Bildertheater" kündigt Stang per Video an. Kurz vor Weihnachten, am 17. Dezember, kommt es im Kufo abermals zum Doppelpass mit der Fürther Bagaasch. Ute Weiherer inszeniert George Taboris schauderhaft aktueller Farce Mein Kampf.

Auf dem Verschiebebahnhof rollt am 15. April Die verlorene Ehre der Katharina Blum an, erst kürzlich hätte der Abend Premiere gehabt. Aber das C-Wort war stärker. In der Regie des ehemaligen Ulmer Intendanten Andreas von Studnitz stellt sich der Böll-Stoff einem mit Vokabeln wie "Fake News" vertrauten Theaterpublikum des 21. Jahrhunderts.

Schöne Utopien, zumindest dem Titel nach, im Sommer 2021: Vogelfrei heißt die neue Performance der Brückenbau-Bürgerbühne (11. Juni, der Ort steht noch nicht fest), und ab 10. Juli träumen Stadttheater und Theater Mummpitz im Kufo gemeinsam einen Sommernachtstraum in einer Fassung für Shakespeare-Fans ab 12 Jahren; wer Regie führt, weiß man noch nicht. Ein weiteres Klassenzimmer-Stück, Eva Rottmanns Die Eisbärin, ist für Jahrgangsstufe sechs aufwärts ab 15. Januar buchbar, Michaela Domes inszeniert.

Noch vor dem Premierenreigen steht eine Wiederaufnahme, Die Känguru-Chroniken in der immerhin schon vierten Spielzeit (17. September), auf dem Programm - schön antikapitalistisch, also zeitgemäß. Ein Wiedersehen gibt es ebenfalls etwa mit dem wunderbaren Jugendstück Die Zertrennlichen (Kufo, 5. Oktober), dem Schauspiel für Gehörlose und Hörende Hinterm Haus der Wassermann (für Kinder ab vier Jahren, 16. Oktober, Kufo) und für das von Hausherr Müller inszenierte Monodrama Die Blechtrommel mit Boris Keil als furiosen One-Man-Trommler (14. Januar, Kufo).

Eine sehr große Fangemeinde schielt traditionell auf die Tanztheater-Miete. Hier kommt ab 22. September das Israel Ballet, Tel Aviv, das mit den Choreografien "Black Swan" und "Nova Carmen" zum Fürth-Debüt antritt. Ein Wiedersehen gibt es mit der São Paulo Dance Company (ab 3. Februar) und der gefeierten französisch-afrikanischen Compagnie Hervé Koubi (ab 4. Mai). Schon ab 23. März kommt, zum zweiten Mal nach 2014, die Limón Dance Company, New York, nach Fürth - mit einem neuen Programm zum 75. Jahrestag ihrer Gründung.

Auch für die Klassikfans bleibt das hiesige Sortiment hochklassig. Zweimal schauen die Bamberger Symphoniker, am 5. Juni unter dem impulsiven Andrea Marcon und unter dem neuen WDR-Orchesterchef Cristian Macelaru am 31. Januar, vorbei. Mit dem türkischen Starpianisten Fazil Say, der soeben eine aufregende Gesamteinspielungen aller Beethoven-Sonaten vorgelegt hat, Geigerin Vilde Frang, Hornist Felix Klieser, dem Hagen-Quartett und dem Dresdner Kreuzchor steigt, neben vielen anderen, die Upper Class der Szene ab. Zu den Opern-Überraschungen der Saison zählt (am 11. November) Der fliegende Holländer aus Meiningen in einem Haus, in dem sehr lang kein Wagner mehr erklang. Noch so ein Utopist.

Der Kartenvorverkauf für die gesamte Saison 20/21 beginnt am 7. September. Abonnenten bekommen den neuen Spielplan in Kürze zugeschickt.

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