Stadttheater: Warten auf Luther, Alice und Godot

8.5.2016, 21:00 Uhr
Das Stadttheater-Leitungsteam mit (v.li.) Kult-Chef Thomas Stang, Dramaturg Matthias Heilmann und Intendant Werner Müller nebst Fotomotiven aus dem neuen Spielplanheft. Nach Pfingsten liegt es an den üblichen Stellen aus.

Das Stadttheater-Leitungsteam mit (v.li.) Kult-Chef Thomas Stang, Dramaturg Matthias Heilmann und Intendant Werner Müller nebst Fotomotiven aus dem neuen Spielplanheft. Nach Pfingsten liegt es an den üblichen Stellen aus. © Hans-Joachim Winckler

Nichts zu glauben, ist wahrscheinlich unmöglich. Die spannende Frage, woran geglaubt wird, will Stadttheater-Intendant Werner Müller nun „in unterschiedlichen Ausprägungen und Ergebnissen offen stellen“. Zu den zehn Premieren aus Fürther Produktion zählen auch drei Uraufführungen. Den Nagel gleich mehrfach auf den Kopf trifft dabei ein Musical: Luther – Rebell Gottes passt nicht nur perfekt zum Spielzeit-Motto des Hauses, sondern eröffnet mit der Premiere am 13. Januar zugleich punktgenau das Jahr des Reformationsjubiläums.

Thomas Borchert, der am Stadttheater mit „next to normal“ Erfolge feierte, übernimmt die Partie des Mannes, der vor 500 Jahren in Wittenberg seine Thesen annagelte. Nach einer Idee von Wolfgang Adenberg komponierte Christian Auer das Musical, das auf Rock mit Anklängen von „Jesus Christ Superstar“, kombiniert mit kirchenmusikalischen Reminiszenzen, setzt. Von Nina Schneider kommt der Text, Stadttheater –Dramaturg Matthias Heilmann verriet: „Sie schreibt noch.“ Im Mittelpunkt, so viel ist sicher, steht der Konflikt des Reformators mit dem Theologen Johannes Eck. Der Ton zwischen den beiden war deftig, pflegte Luther seinen Widersacher doch als „das Schwein aus Ingolstadt“ zu titulieren.

Die neue Saison startet am 14. Oktober mit Die Jüdin von Toledo von Kristo Šagor nach dem Roman Lion Feuchtwangers. Der Stoff ist alt, die Fassung modern, die Geschichte aus der Zeit der Kreuzzüge zeitlos: Religion als Waffe ist auch im 21. Jahrhundert fürchterlich aktuell. Bei dieser Inszenierung von Michael Götz werden unter anderem die Mitglieder des Kult-Ensembles des Stadttheaters mitwirken. Thomas Stang, künstlerischer Kult-Leiter, stellte gestern auch Sunna Hettinger vor, die in der kommenden Spielzeit zu den fünf Darstellern des Kinder- und Jugendtheaters zählen wird. Vorgängerin Julia Hell wechselt nach Plauen. Für Sunna Hettinger ist es das erste feste Engagement, Erfahrungen sammelte sie unter anderem im Ensemble der „Faust“-Inszenierung von Martin Kušej am Münchner Residenztheater.

Zur Weihnachtszeit (Premiere 11. Dezember) bringt das Kult-Ensemble im Stadttheater Alice im Wunderland auf die Bühne. Die Inszenierung des Schauspiels mit Musik nach dem Kinderbuch von Lewis Carroll besorgt Thomas Stang, der verspricht, den „Nonsense-Anteil des Stücks“ gehörig zu würdigen.

Einen sehr weiten Bogen schlägt die zweite Kult-Premiere: Die Uraufführung von Simplicius Simplicissimus: Der klügste Mensch im Facebook wird am 31. März als Theaterperformance mit Texten von Grimmelshausen und Aboud Saeed locker eine Spanne von 400 Jahren überbrücken. Saeed, ein syrischer Blogger, teile mit dem Autor des barocken Schelmenromans „einen tiefschwarzen Humor bei dem Versuch, den Kopf über Wasser zu halten“, versichert Stang.

Direkt in die Klassenzimmer der Fürther Schulen kommt die Kult- Produktion Fluchtwege. Nick Woods Das Schauspiel ist für Kinder ab der vierten Klasse und wird von Gerd Beyer inszeniert, der bereits mehrfach im Stadttheater als Schauspieler zu sehen war.

Einen nachhaltigen Eindruck als Darsteller hat fraglos Sebastian König hinterlassen, der im Januar in „Caligula“ brillierte. Am 1. Dezember hat er als Judas im Schauspiel von Lot Vekemans im Kulturforum Premiere. Regie in diesem Monolog führt Werner Müller, der im Herbst 2015 von der niederländischen Autorin „Gift. Eine Ehegeschichte“ erfolgreich inszenierte.

Eine Kooperation zwischen der Fürther Bagaasch-Ensemblebühne und dem Stadttheater wird am 20. Januar Samuel Becketts Warten auf Godot ins Kulturforum bringen. Regie in dem radikal komischen Stück des Absurden Theaters führt Ute Weiherer.

1955 entstand Arthur Millers Drama Der Blick von der Brücke, das am 16. März unter der Regie von Petra Wüllenweber („Caligula“) Premiere hat. „In den vergangenen 60 Jahren hat es von seiner Schärfe absolut nichts eingebüßt“, sagt Dramaturg Heilmann. Man sei froh, dieses Stück auf dem Spielplan zu haben. Thematisiert wird das harte Los von Menschen, die nach schwieriger Flucht im Land ihrer Hoffnungen angekommen sind.

Hochaktuell in jeder Beziehung ist auch Ayad Akthars Geächtet (Premiere am 18. Mai), das 2013 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Im lockeren Plauderton führt Akthar seine Protagonisten auf ein gesellschaftliches Minenfeld, dessen Sprengstoff aus alltäglichem Rassismus, Religion und Intoleranz zusammengebraut ist. In Fürth inszeniert Barish Karademir, der sich hier bereits mit Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ vorstellte.

Die Compagnie des französisch-algerischen Choreografen Hervé Koubi gastiert in der nächsten Saison erstmals in Fürth.

Die Compagnie des französisch-algerischen Choreografen Hervé Koubi gastiert in der nächsten Saison erstmals in Fürth. © Nathalie Sternalski

Dem glaubhaften Saison-Motto wird sich auch der „Brückenbau“ unter der künstlerischen Leitung von Jutta Czurda mit einem Bürgerbühnen-Abend widmen. Vater unser! ist der Titel dieser Uraufführung, die Michaela Domes und Kirchenmusikdirektorin Ingeborg Schilffarth mit Teilnehmern der Werkstätten Schauspielen und Singen für den 29. Juni 2017 in der Kirche St. Michael erarbeiten.

Ergänzt wird das umfangreiche Programm der Spielzeit 2016/17, das an knapp 250 Abenden über die diversen Spielorte des Stadttheaters geht, wieder von nationalen und internationalen Gastspielen. Erwartet werden unter anderem Iris Berben und Pianist Martin Stadtfeld („Ich bin in Sehnsucht gehüllt“), Ilja Richter und Markus Majowski („Der Kredit“), Leonard Lansink, Luc Veit („Kunst“) oder Peter Striebeck („Vater“).

Station in der Kleeblattstadt machen auch wieder internationale Tanzcompagnien. Intendant Müller freut sich: „Mit rund 1900 Abonnenten gehört diese Sparte zu unseren erfolgreichsten Reihen.“ Zu den Gästen zählen in der kommenden Spielzeit zum Beispiel Danza Contemporànea de Cuba und die Compagnie Hervé Koubi mit dem verheißungsvollen Titel „Die Schuld des Tages an die Nacht“.

Auftauchen wird aber auch Bewährtes. Fünf Wiederaufnahmen bringt die nächste Saison, dazu gehört neben „Elefanten sieht man nicht“ und „Der kleine Prinz“ ebenfalls der große Fürther Musical-Erfolg „fast normal – next to normal“ aus dem Jahr 2013. Die Inszenierung von Titus Hofmann, die gerade in Wien gastierte und abermals stehende Ovationen erntete, feiert von 15. bis 17. April ein Wiedersehen mit dem Stadttheater. Mit dabei sein wird erneut Pia Douwes. Karten, so Müller, sind nur in diesem Fall bereits ab Montag vorbestellbar.

In gedruckter Form soll der neue Spielplan nach Pfingsten an den üblichen Stellen ausliegen. Im Internet sind unter www.stadttheater.de sämtliche Termine aber schon jetzt einsehbar. Der Vorverkauf für die kommende Saison beginnt am 5. September. Karten können aber ab sofort schon schriftlich reserviert werden.

Übrigens: Alle, die sich immer noch Hoffnung auf eine Beantwortung der Gretchenfrage machen, haben zu guter Letzt am 29. und 30. Juni 2017 Chancen: Dann kommt das Deutsche Nationaltheater Weimar zum Gastspielstopp mit „Faust. Der Tragödie erster Teil“ nach Fürth.

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