Stirb langsam: So reagieren Fürths Theater auf den November-Lockdown

Matthias Boll
Matthias Boll

Lokalredaktion Fürth

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30.10.2020, 17:15 Uhr

© Foto: Hans-Joachim Winckler

"Mir kann man alles nehmen, aber nicht den Humor", sagt Volker Heißmann. Wobei das juristische Verfahren, das die Comödie aktuell erwägt, gewiss nicht der Abteilung lustig entstammt.

"Wir erwägen eine Klage beim Verwaltungsgericht wegen Berufsverbots", so der Entertainer und Comödien-Geschäftsführer sehr ernsthaft. Theater dicht ab 2. November: Die Nachricht aus Berlin ist ein weiterer Schlag ins 2020er-Kontor von Süddeutschlands größtem Privattheater, das im September mit einem gut überlegten Konzept in die neue Saison gestartet ist.

Ein unnötiger obendrein, so sieht es jedenfalls Heißmann. "Im Fürther Klinikum liegt derzeit nur ein Patient wegen Corona auf der Intensivstation. Nachweislich ist bis jetzt von keinem Theater ein Infektionsausbruch ausgegangen. Den ganzen November können Sie Schuhe kaufen gehen, wenn Sie wollen. Ins Theater dürfen Sie nicht. Für mich nicht mehr nachvollziehbar", sagt Heißmann.

Einen vollständigen und sofortigen ("Am Wochenende gehen doch erst noch mal alle feiern") Lockdown hätte er begriffen, nicht jedoch die neuen Beschlüsse. "Und wer sich vorher nicht an die Regeln hielt, wird es auch im November nicht tun." Ein gutes Zeichen sei die doch auch die Spielstättenförderung, die dem Haus bis Jahresende das Auszahlen der Löhne möglich macht, müsse 2021 weiterlaufen.

Bleibt die Hoffnung, dass die Comödie im Dezember mit dem "Grins-Kistlas-Margd" an den Start gehen kann. Bis dahin kommt aus dem Haus am Comödien-Platz ab Montag nur dies: Essen zum Mitnehmen.

Kindertheater, Konzerte, die 10. Fürther Erzählnacht: All das geht im November im Kulturforum den Bach runter – und noch mehr, der Höhepunkt nämlich. Am 15. November ist Verleihung der kulturellen Preise der Stadt. Zwar hat Kulturamtsleiterin Gerti Köhn bereits einen Livestream organisiert. Noch ungeklärt ist zur Stunde allerdings die Frage, ob die Preisträger – Gisela Naomi Blume erhält den großen Kulturpreis – sowie Kulturreferentin und OB gemeinsam in die menschenleere Große Halle dürfen. Denn wie war das wieder mit der Anzahl der Haushalte?

Brutaler Einschlag

Halbwegs gefasst ist Babylon-Chef Christian Ilg. Dass es neben Theatern und Gastronomie auch die Kinos erwischt, "war absehbar". Anders als beim ersten Lockdown im Frühjahr stelle der Bund aber nun eine konkrete Hilfe in Aussicht, also die Scholz’schen 75 Prozent. "Wenn es wirklich beim November als Schließzeit bleibt, dann komme ich durch." Gleichwohl verbessere sich für das Babylon nichts, "den brutalen Einschlag in die Filmwirtschaft wird man im Dezember merken". Wenn wieder große Produktionen verschoben und verlegt werden müssen.


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Präsent will das Babylon jedoch auch im November bleiben; jeweils samstags und sonntags zwischen 13 und 16 Uhr bietet Ilg neben Speisen und Kuchen zum Mitnehmen auch Waren aus der "Diele" feil.

"Hellauf begeistert", sagt Galgenhumorist Christof Goger, ist das Kassen-Team des Stadttheaters, das nun, wie die Comödie auch, einer Flut von Anrufen, Eintausch-, Umtausch- und Gutschein-Aktionen entgegenblickt. "Traurig, aber nicht zu ändern", sagt der Theatersprecher. Immerhin kann die gesamte, am Samstag endende Serie des Musicals "Swing Street" über die Bühne gehen. Die für 29. November geplante "Schneekönigin"-Premiere (Hauptrolle: Jutta Czurda) ist voraussichtlich am 6. Dezember. Proben sind, wie der Deutsche Bühnenverein am Donnerstagabend bestätigte, weiterhin erlaubt. Im Gegensatz zu Aufführungen.

Konzerte gibt es schon seit einer Woche nicht mehr in der Kofferfabrik, jetzt kommt es gar zur Komplettschließung. Kein Theater, kein Kneipenquiz, nichts, alle Räder stehen ab Montag still. "Es fühlt sich an wie bei ,Stirb langsam 2‘", sagt Udo Martin, Chef der Kofferfabrik. "Ob wir überleben, hängt davon ab, was Merkel und Söder noch aushecken wegen der Beihilfen. Ein Bürokratie-Koloss voller Fußangeln. Das ist wie ein Minenfeld."

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