Wenig Ware, viele Bedürftige

Ukraine-Krieg und Lebensmittelpreise: Bei den Tafeln wächst die Not

Birgit Heidingsfelder
Birgit Heidingsfelder

E-Mail zur Autorenseite

2.4.2022, 10:00 Uhr

© Foto: Klaus-Dieter Schreiter

Die Gründe für die Ausnahmesituation sind vielschichtig. Zum einen müssen plötzlich viel mehr Menschen als zuvor auf das Angebot zurückgreifen, zahlreiche Ukraine-Flüchtlinge versorgen sich notgedrungen bei den fast 1000 Tafeln in Deutschland mit Lebensmitteln.

Allein in Langenzenn, einer kleinen Einrichtung mit einer Ausgabestelle und einem Ausgabetermin pro Woche kamen zuletzt zusätzlich zu den üblichen 50 bis 60 Hilfesuchenden 36 Geflüchtete, Kinder nicht mitgerechnet. Zum Verständnis: In Langenzenn hat am 12. März die erste offizielle Notunterkunft für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in Stadt und Landkreis Fürth. Wer von dort anderweitig untergebracht wurde, erhielt einen Berechtigungsausweis für die Tafel.

Auch in Veitsbronn berichtet Tafel-Vorsitzender Jörg Lehnberger von 20 bis 25 Flüchtlingen plus Kindern, die jetzt zusätzlich zu den sonst rund 50 Erwachsenen in der Hoffnung auf ein Basis-Equipment an Lebensmitteln in der Schlange stehen. Bei der Fürther Tafel mit ihren neun Ausgabestellen in Stadt und Landkreis dürfen Leiter Günther Neumann zufolge normalerweise jede Woche bis zu 2500 nachweislich Berechtigte für einen symbolischen Kleinstbetrag je zweimal einkaufen. Mit rund 150 neuen Ausweisen (150 Erwachsene plus Kinder) fallen die Ukraine-Flüchtlinge bisher prozentual "bisher noch kaum ins Gewicht".

Neumann betont das Wörtchen "noch". Denn wie alle Verantwortlichen weiß er, dass der Krieg mehr Menschen in Not bringen wird. Und nicht nur der Krieg. Schon die Pandemie, Kurzarbeit und gestiegenen Lebensmittelpreise machen der Bevölkerung zu schaffen. Neumann und Lehnberger zufolge rutschen immer mehr Menschen in die Armut.

Der Chef der Tafel Deutschland, Jochen Brühl, sagt, man stehe vor Herausforderungen, "die wir so noch nie hatten". Die Koblenzer Tafel wurde nach einem dpa-Bericht dieser Tage förmlich überrannt. In Nürnberg, wo es nun nach dem Vorbild fast vergessener Suppenküchen sogar warme Mahlzeiten gibt, spricht Leiterin Edeltraud Rager von "Chaosbewältigung" rund um die Uhr.

Tafeln sind Lebensmittelretter

Tafeln sind Lebensmittelretter. Sie verteilen, was kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums steht und was ihnen von Supermärkten, Discountern und anderen Geschäften als Spende zur Verfügung gestellt wird. Hygiene-Artikel gehören auch dazu. Während die Tafel Langenzenn von schwankenden Lieferungen berichtet, beobachtet Neumann – wie offenbar viele andere seiner Kollegen in Deutschland – von "rapide" nachlassenden Umfängen seit Januar. Erklären kann er sich das nicht. Aber: "Dieser Rückgang bedrückt uns ziemlich stark." Habe etwa eine vierköpfige Familie bis Jahresende noch fünf bis sechs Äpfel mitbekommen, so seien es jetzt ein bis zwei. Und bei Joghurt gebe es statt sechs 150-Gramm-Bechern inzwischen nur zwei.

Auch Jörg Lehnberger hat nach den Touren seinen Teams zu den Laderampen der Partner den Eindruck: "Für die Tafel ist anscheinend wenig Ware da." Vor allem Fleisch fehlte bei manchen Lebensmittel-Lieferanten in den vergangenen zwei Wochen. Salami, Aufschnitt, Schnitzel oder Rollbraten habe man zuletzt kaum ausgeben können. Die Vorsitzende der Tafel Langenzenn, Kerstin Gieseler, hat kürzlich von Sparrationen bei Brot, Obst und Gemüse berichtet.

In Nürnberg gibt es jetzt eine Sieben-Tage-Woche. Laut Rager melden sich viele Ehrenamtliche, die aber oft nur an einzelnen Tagen Zeit haben, "Säulen" der Tafeln aber seien weiterhin Rentner. Für Fürth sucht Günther Neumann jetzt Dolmetscher für Ukrainisch. Und er bittet um Lebensmittelspenden.

Gebraucht wird Salz, Zucker, Mehl...

Besonders benötigt werden Salz, gemahlene Gewürze, Zucker, Mehl, Pflanzenöl, Essig, Tee, Honig, Kaba, H-Milch, Fischkonserven, Kartoffelpüree-Pulver, Kochbeutel-Reis, Nudeln und passierte Tomaten. Abgegeben werden können die Spenden montags bis donnerstags von 10 bis 13 Uhr oder samstags (10 bis 11 Uhr) in der Mathildenstraße 38 in Fürth.

Wer die Tafel Veitsbronn unterstützen möchte, kann Jörg Lehnberger, Tel. (0151) 27671069, kontaktieren. Die Tafel Langenzenn ist erreichbar unter info@tafel-langenzenn.de

Verwandte Themen


0 Kommentare