Umgeben von Wasser und tollen Menschen

30.1.2011, 10:00 Uhr
Kontrollmessung mit dem Zollstock: Wenn die Rednitz aus ihrem Flussbett steigt, schieben Andrea Huber und ihre Nachbarn auch Nachtwache.

Kontrollmessung mit dem Zollstock: Wenn die Rednitz aus ihrem Flussbett steigt, schieben Andrea Huber und ihre Nachbarn auch Nachtwache. © Hans-Joachim Winckler

Dass Andrea Huber kürzlich mit den Nerven fix und fertig war, ist ihr nicht anzumerken. Im Gegenteil: Als die 40-Jährige an diesem sonnigen Tag an der Betonmauer, die ihr Grundstück gegen die Rednitz abschirmt, zeigt, wie sie mit dem Zollstock den Pegelstand misst, sagt sie mit einem strahlenden Lächeln: „Wissen Sie, ich wohne schon immer hier am Fluss, und ich liebe es.“

Im Haus ist zunächst nichts Ungewöhnliches zu sehen: Das Wohnzimmer mit Blick auf den Fluss, Küche und Esszimmer unter behaglich dicken Holzbalken, Stufen und Stüfchen zwischen den Räumen. Schwellen, die nicht immer praktisch sind. Doch das Haus am Rednitzhof ist fast 300 Jahre alt. Und für die Schwellen war Andrea Huber, die seit ihrer Geburt hier lebt und hochwassererprobt ist, vor zwei Wochen wieder mal mindestens so dankbar wie für ihren Fliesenboden im Erdgeschoss.

„Mamaaa, das Esszimmer steht unter Wasser!“ Mit diesem Ruf weckt die ältere Tochter Ronja (14) an jenem Freitagmorgen ihre Mutter und versetzt diese in Alarmbereitschaft (wir berichteten). Rasch ist klar: Durch einen Gully in der Küche drückt Wasser aus der Kanalisation in die Wohnung. Die Hubers stopfen ein Handtuch in das Loch, krempeln die Ärmel hoch und nehmen, mit Handtüchern und Nasssaugern, den Kampf gegen die klare, knöchelhohe Brühe auf.

„Da war ich ja noch gefasst“, sagt Andrea Huber rückblickend. Das ändert sich, als sie einen Blick aus dem Fenster wirft. Die Rednitz wälzt sich in beängstigender Höhe am Haus vorbei, und weil es in der übervollen Kanalisation keinen Platz mehr hat, blubbert, sprudelt, schießt Wasser aus den Gullys im Hof und auf der Straße. Das Entsetzen packt Andrea Huber, als sie sieht, was in ihrem Haus auch vor sich geht: Im Klo, in der Vorratskammer, im Wohnzimmer drückt von allen Seiten Wasser herein. Es strömt — direkt aus den Fliesenfugen.

"Das Schlimme ist, dass man nicht weiß, wann es aufhört"

Andrea Huber, die als Sekretärin in der Grundschule am Kirchenplatz arbeitet, hat an diesem Tag frei, ihr Mann, der bei einem Münchner Verlag beschäftigt ist, auch. Ein Glück, alle Hände werden gebraucht. Bis zum Nachmittag, „bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs“ schöpfen, pumpen, schleppen, wischen die Hubers Schulter an Schulter mit Nachbarn Wasser aus dem Haus.

„Das Schlimme ist ja“, sagt Andrea Huber, „dass man nicht weiß, wann es aufhört, ob es aufhört.“ Dabei haben die Hubers Glück im Unglück. Der Stadtentwässerung gelingt es, die unterirdischen Fluten umzulenken, fort vom Rednitzhof. Andrea Hubers Vater, der nebenan einen Fischgroßhandel betreibt, schafft Pumpen herüber, die wertvolle Dienste leisten. Andreas Dubrau, der andere Nachbar, hilft mit technischem Gerät aus seiner Reinigungsfirma. Er stellt Profi-Sauger zur Verfügung, in seine Trockner dürfen die Hubers im Zehn-Minuten-Abstand ihre triefenden Lappen und Handtücher werfen.

Es ist ruhig im Haus. Ronja und Maya Huber sind in der Schule. Nur ein Heizlüfter brummt. Er hält die Raumtemperatur höher als sonst. An den Wänden zeichnen sich Wasserränder ab, der Putz wirft Blasen hier und dort. Andrea Huber zuckt mit den Schultern: „Einige Stellen werden wir frisch verputzen und streichen müssen.“ Mit Schimmel rechnet sie nicht, vertraut auf die Selbstregulierung des Sandsteins. Dann lächelt sie und sagt: „Es klingt vielleicht absurd, aber ich finde es schön, dass ich hier wohne, direkt am Fluss und, wie ich jetzt wieder mal erlebt habe, umgeben von so tollen, hilfsbereiten Menschen.“