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Umwerfend: Birne trifft auf Kleeblatt

21.01.2014 09:00 Uhr

Gerd Scherm blickt auf eine vom Abriss gezeichnete Stadt.

© Jim Albright


In letzter Zeit bin ich häufig irritiert, wenn ich mich meiner Heimatstadt nähere. Je nachdem, von woher ich komme, treffe ich auf unterschiedliche Schilder: Einmal wird annonciert, dass ich bald die „Denkmalstadt“ erreichen werde, dann wieder trägt die Verheißung den Namen „Solarstadt“ und von anderer Stelle aus nennt sich die Häuseransammlung vor mir „Wissenschaftsstadt“.

Was soll ich als Alt-Fürther, der nun in der Fremde lebt, zum Beispiel unter „Solarstadt“ verstehen? Gut, Fürth ist seit dem Grau meiner Jugend wesentlich bunter geworden, aber gleich eine Sonnenstadt? Vielleicht hat das ja mit dem Fürthermare zu tun. Wir Fürther waren ja schon immer clever, sogar schon vor Max Grundigs und Ludwig Erhards Zeiten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Sache mit der Solarstadt so entstanden ist: Als die Fürther von Helmut Haberkamm erfuhren, dass Franken nicht am Meer liegt, sagten sie sich, dann bauen wir uns eben eines. So ist er, der Fürther! Und weil Meer und Sonne untrennbar miteinander verbunden sind, werden wir so zur Solarstadt. Damit haben wir immer Sonnenschein samt Meeresrauschen und überholen die Nürnberger auch freizeitmäßig. Und auf anderen Gebieten geht es auch steil aufwärts, wo man doch jetzt in Fürth so viel Wissen schafft. Und Wissen ist Macht und Macht ist Geld oder so ähnlich...

Als Exil-Fürther verfolge ich die Nachrichten aus der alten Heimat und lese mit Staunen, was dort nun alles entsteht und entwickelt wird. Zum Beispiel, dass sie im „Golfpark Atzenhof“ an der „zerstörungsfreien Prüfung von neuen Materialien für die Luft- und Raumfahrt“ arbeiten. Was immer da nicht zerstört wird, es macht mir schon ein wenig Angst. Wo doch das Ganze in einem „Golfpark“ stattfindet und da spielen bekanntlich Löcher eine große Rolle. Und das alles im Dienste der Raumfahrt und es gibt doch die Schwarzen Löcher im Universum, die alles verschlingen und jetzt probieren sie das in Fürth... Aber wie steht schon im Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“: Don’t panic – keine Panik!

Und was in Fürth nicht noch alles erforscht wird! Da las ich von einem Demonstrationszentrum für Öl- und Gaspipelines. Da simuliert man ganzheitlich die Förderung und den Vertrieb von Bodenschätzen vom ersten Bohrloch bis zum finalen Börsenkurs. Hoffentlich simulieren sie auf dem Gelände nicht auch noch den nächsten Golfkrieg, denn dann könnten die Amis gleich wieder nach Atzenhof zurückkommen.

Bleibt am Schluss nur noch das Rätsel um die „Denkmalstadt“. Ich gehe davon aus, dass es bei diesem Begriff nicht um ein paar Kriegerdenkmäler und Brunnen in der Stadt geht. Viel wichtiger ist es doch, wie eine Stadt mit ihrem architektonischen Erbe umgeht. Und da hat sich in Fürth seit den 1970er Jahren eine sehr pragmatische Einstellung durchgesetzt: „So lang wäi däs alde Graffl ned im Wech schdaid, so lang kanns ruich bleim.“ Dies führte in der Folgezeit zu einer äußerst effektiven Denkmalsbeseitigung – vom pittoresken Holz-Gasthaus am Flussufer bis zu Jugendstil-Villen in der Innenstadt. Da fällt es doch kaum noch ins Gewicht, einen historischen Festsaal zu vernichten, um die Finanzleute gewogen zu halten.

Fürth hat ja immer noch sehr viel zu bieten, das man modernisieren oder ganz eliminieren könnte. Nur Mut! Wie wäre es, den Rathausturm auf Firsthöhe zurückzubauen, um die einfliegenden Investoren-Helikopter nicht zu behindern? Der nun geplante Abriss der historischen Schalterhalle des Bahnhofs, um dort eine nichtssagende Stahl-Glas-Konstruktion zu bauen, ist ein weiterer verheißungsvoller Schritt in Richtung bekennender Kulturlosigkeit.

Ich mache den Vorschlag, das Stadtwappen zu modernisieren, um es der Fürther Gegenwarts-Realität anzupassen: Dem traditionellen Kleeblatt sollte ein weiteres pflanzliches Element zugeordnet werden: eine Birne – eine Abrissbirne!

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Gerd Scherm

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