Unterhalter der Unterhalter

30.8.2013, 22:00 Uhr
Der Comödien-Mann für alle Fälle: Marcel Gasde in der Kulisse der nahenden Neuproduktion „Otello darf nicht sterben“.

© Pfeiffer Der Comödien-Mann für alle Fälle: Marcel Gasde in der Kulisse der nahenden Neuproduktion „Otello darf nicht sterben“.

In der Regel läuft es so: Der Künstler trifft gegen 18 Uhr ein, schaut in den Saal. Ein Soundcheck, kurzes Einleuchten – damit ist für die ganz Unkomplizierten unter den Comedians die Vorbereitung auf den Auftritt schon gelaufen. „Manche wollen dann etwas essen, andere essen vorher nie“, sagt Marcel Gasde. Und manche schlafen. „Die muss man vorher wecken.“ Sicherheitshalber schaut der Techniker, der das Mikro prüfen muss, immer nach. Denn das Einzige, was überhaupt nicht passieren darf, ist, dass der Vorhang aufgeht und die Bühne leer bleibt.

Lange vor dem Künstler trifft eine „Bühnenanweisung“ ein und landet auf Gasdes Schreibtisch. Sie beschreibt, mitunter sehr detailliert, wie die Garderobe aussehen muss, wie lang der Zugang zur Bühne sein darf oder wie die Handtücher beschaffen sein sollen. Auch solche Dinge wie „zwei Stühle“ oder „beheizt“ sind festgehalten. „Das klingt überflüssig“, sagt der 43-Jährige, „aber meine eigene Erfahrung ist, dass man manchmal in der Umkleide einer Turnhalle sitzt und nichts da ist. Nichts. Außer Bänken und Garderobenhaken.“

Diese Zeiten freilich liegen lang zurück. Schon als Schüler hat Marcel Gasde mit Volker Heißmann auf der Bühne gestanden, er erinnert sich lebhaft an die frühen Jahre der damals noch „Kleinen Comödie“ im Stadtpark Nürnberg. Als eine recht übersichtliche Zahl Karten verkauft und Tischnummern von Hand eingetragen wurden. Ja, damals! In 25 Jahren hat sich die Comödie zum veritablen Unterhaltungsunternehmen entwickelt. 22 feste Mitarbeiter, 40 bis 50 Aushilfen, fünf Angestellte bei Franken Ticket. Volker Heißmann und Martin Rassau vorn im Spielbetrieb, Michael Urban und Marcel Gasde als Geschäftsführer und Manager des täglichen Betriebs im Hintergrund.

Fast jeden Tag ist Vorstellung. „Manchmal greifen wir auch den Ruhetag Montag schon an“, sagt Gasde. Die Comödie hat inzwischen einen Namen zu verteidigen, viele Comedians kommen nicht allein wegen der Gage. Sondern, weil man sich kennt. Mario Barth etwa hat Gasde zuerst in Berlin bei den „Wühlmäusen“ gesehen, da war er – Marcel Gasde spannt Daumen und Zeigefinger – noch klein. Aber schon gut, so dass eins von vielen Engagements in Fürth folgte. Heute füllt Mario Barth die Arena in Nürnberg. Veranstalter ist – natürlich – die Comödie.

Könnte das funktionieren?

Auch das muss gemanagt werden. Und natürlich ist Gasde auf der Suche nach neuen Gesichtern. Er schaut, wer im Fernsehen auftritt und was die Agenturen anbieten. Im Hinterkopf immer die Frage: Könnte das funktionieren? Nicht alles geht.

Für den größten Reinfall sorgte Kurt Krömer – und wenn Gasde zurückdenkt, grinst er schon breit. Krömer, heute eine große Nummer, war noch unbekannt, die Comödie hatte – für den Saal mit 386 Plätzen – gerade 100 Karten verkauft. Die Hälfte davon an eine Reisegruppe aus Offenbach, bereits ergraute Ballett-Schülerinnen, die sich auf Waltraud & Mariechen freuten. Aber auf der Bühne spielte Krömer. Originaltitel des Programms: „Na, du alte Kackbratze“. Die Damen verließen unter Geschrei das Haus.

So schlimm war’s nie mehr, Gott sei Dank. Aber der TV-bekannte Kölner „Nightwash“Humor aus dem SB-Waschsalon – der beispielsweise kommt in Franken nicht an. Es sei denn, Bademeister Schaluppke kommt allein. Und Gasde rührt die Werbetrommel mit Anzeigen oder Radiospots.

Über die Jahre hat er viele und vieles gesehen. „Ich schaue mir an: Mit welchem Besteck arbeitet er? Wie bringt er die Leute zum Lachen?“ Dass das Wissen über „die Masche“ auf der Bühne nur wenig hilft, hat Gasde im vergangenen Jahr am eigenen Leib gespürt.

Als Moderator führte er durch die Bläid-Night, eine Mix-Show mit ganz unterschiedlichen Komödianten. Die härteste Nuss: Wie von Michael Krebs mit seinem Kracherles-Humor zu Feingeist und Sprachverzwirbler Philipp Moll überleiten? Gasde entschied sich für den Tonfall des Beerdigungsredners. „Wir schalten jetzt von RTL zu Arte um, von Dur zu Moll.“

Apropos Fernsehen. „BR Hauptstadtstudio“ klebt, feinsäuberlich gedruckt, auf der Tür. Das Werk eines Spaßvogels, ein bisschen stimmt’s aber auch. Der Bayerische Rundfunk dreht mehrere Tage im Jahr in der Comödie, „Otello darf nicht sterben“, „Tortenschlacht“, „Supernarr“. Die Zusammenarbeit ist erprobt, als Ansprechpartner ist Gasde trotzdem gefragt. Wie ist das mit dem Parkhausschein? Wohin kann man später gehen? Spannend, na ja… Marcel Gasde zuckt die Schultern. Nötig eben.

Doch der Job birgt auch Überraschungen. Sänger Max Mutzke etwa brachte spontan eine Vorgruppe mit, manche Comedians haben einen eigenen Koch dabei und wünschen hinter der Bühne ein Buffet. Für Josef Hader übrigens war dort eine Garderobe aufgebaut. Ganz wie im Klischee: leere Whisky- und Wodka-Flaschen lagen herum, auf einer Spiegelfliese eine Kreditkarte und eine Linie Puderzucker, der aussieht wie Kokain. Ausgerechnet an diesem Tag ging eine Besuchergruppe durchs Haus.

Und wie ist es wirklich? Gasde betreut die Künstler auch nach dem Auftritt, sitzt mit ihnen bis eins, zwei in der Nacht zusammen. „Früher wurde viel getrunken, heute ist für die meisten nach zwei Vierteln Schluss“, sagt er. Mancher fährt sofort nach dem Auftritt weiter. Günter Grünwald etwa, der die Zugabe vor dem Schluss gibt und zum Publikum sagt: „Wenn Sie noch klatschen, bin ich schon in Greding.“

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