11°

Freitag, 05.06.2020

|

zum Thema

Veitsbronner Arzt empört Kollegen mit Spendenaufruf

Mediziner bat auf Facebook wegen der Corona-Krise um Geld - Ärztekammer bleibt gelassen - 27.03.2020 10:04 Uhr

„Mir geht‘s nicht drum, dass ich mehr Geld verdiene“: HNO-Arzt Christian Welsch bat in einem Facebook-Video um Spenden. © Screenshot: Luisa Degenhardt


Wie viele Mediziner behandelt der Veitsbronner HNO-Arzt Christian Welsch aktuell keine Patienten, weil es ihm an der nötigen Ausrüstung zum Schutz vor Ansteckung fehlt. Seit Montag ist seine Praxis geschlossen. Mit Videos wendet er sich nun auf Facebook an die Öffentlichkeit und erteilt in salopper Manier Ratschläge zum Verhalten in Corona-Zeiten. Dass er dabei um finanzielle Hilfe für seine Praxis bittet, löst kontroverse Reaktionen aus.

"Tagebuch des Ohrenarztes" nennt Welsch seine Filmbeiträge. In einer Folge appelliert er an "jeden Veitsbronner, der mich gut findet" und "alle, die dieses Video mögen": "Schickt mir diesen Monat pro Nase im Haushalt einen Euro." Dazu hält er ein Papier mit Bankdaten in die Kamera und verspricht Transparenz.

Welsch, der seinen Spendenaufruf als "Solidaritätsexperiment" sieht, beteuert, er wolle das Geld nicht für sich. Sondern: Es gehe ihm darum, seinen Beschäftigten Kurzarbeit und schlimmstenfalls die Kündigung zu ersparen. Seinen Ansatz erklärt er mit Verweis auf Karlheinz Böhm, den Gründer der Stiftung "Menschen für Menschen". Dessen Wohltätigkeitsarbeit in Afrika nahm 1981 mit einer solchen Eine-Mark-pro-Kopf-Idee ihren Anfang.

Bilderstrecke zum Thema

Corona-Krise: Leere Straßen und Plätze in Fürth

Die seit Samstag geltenden Ausgangsbeschränkungen sorgen auch in Fürth für sehr leere Straßen und Plätze. Auch auf dem Fürther Markt herrschte große Stille.


Die Netzgemeinde reagiert auf die Posts aus Veitsbronn mit viel Dankbarkeit und Euphorie, mit Herzchen- und Daumen-hoch-Symbolik. "Finde ich super, und keinem tut es weh", lobt jemand. Ein anderer schreibt: "Ich spende gern, wenn wir dadurch Arbeitsplätze retten können." Und immer wieder geben Leute an, schon überwiesen zu haben.

In den Online-Jubel mischt sich aber auch Kritik. Etwa die: "Ein Arzt, der in einer Krise wie dieser feige seine Praxis schließt und um Hilfe bettelt, hat seinen Beruf verfehlt. Schämen Sie sich."

Hell empört ist Jürgen Schwarz-Boeck. Der Oberasbacher HNO-Arzt und CSU-Stadtrat findet den Spendenaufruf "völlig unangemessen". Einem Gastronomen etwa brächen in der gegenwärtigen Krise schlagartig alle Einnahmen weg, argumentiert er. Mediziner hingegen seien dank des Krankenkassensystems deutlich besser abgesichert. Außerdem gebe es neben der Kurzarbeit-Regelung jetzt einen milliardenschweren Rettungsschirm für Firmen in Not. "Hier eine Parallelspendenwelt aufzubauen, geht gar nicht", zürnt Schwarz-Boeck. Ein Nürnberger Kollege sieht das ähnlich: "Patienten in der jetzigen Zeit anzubetteln, halte ich für sehr merkwürdig und unärztlich."

 


Corona-FAQ: Die häufigsten Fragen zum Virus.


 

Inzwischen wurde gegen Welsch Anzeige bei der Bayerischen Landesärztekammer erstattet. In München bewertet man den Vorgang unaufgeregt. Auf FN-Nachfrage sagt Sprecher Florian Wagle, angesichts der Corona-Krise, die für viele Betriebe Liquiditätsengpässe zur Folge hat, sei "die Sachverhaltsdarstellung von Herrn Welsch nachvollziehbar". Ein Spendenaufruf sei "zwar eher ungewöhnlich", doch habe der Veitsbronner Arzt nicht nur zu Spenden für sich, sondern auch für andere Mediziner und Selbständige aufgerufen. "Wir sehen dies unter Berücksichtigung der Umstände nicht als problematisch an."

In der Tat bittet Welsch die "lieben Veitsbronner", ihre Hausärzte, Orthopäden oder Zahnärzte ebenfalls zur Spendenakquise zu ermuntern. Er ruft auch zu Solidarität mit anderen Betrieben auf und teilt Facebook-Posts, die um Unterstützung für örtliche Gaststätten bitten.

Dass die Standesvertretung Welsch nicht abmahnt oder zumindest auf Unterlassung besteht, überrascht die Kritiker unter den Ärzten. "Mehr als verwundert" zeigt sich der Nürnberger HNO-Arzt, der findet, dass "diese Krise eine besonders hohe moralische Erwartung an unseren Berufsstand stellt" und überdies meint, sein videoaffiner Kollege könne sich "doch zum Einsatz in einer Klinik melden".

Während auch Schwarz-Boeck die Stellungnahme der Ärztekammer "höchst erstaunt" zur Kenntnis nimmt, freut sich Christian Welsch darüber. Aber er will es sich auch nicht mit seinen Kollegen verscherzen und herausfinden, ob die Kritiker in der Mehrheit sind. Sollte sein Spendenaufruf "das große anstößige Ding sein", sagt er, dann lasse er lieber die Finger davon. In den ersten 24 Stunden sollen übrigens 58 Euro zusammengekommen sein.

2

2 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Fürth