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Verborgene Geschichte

Was wird eigentlich aus dem Wirtshaus „Gaulstall“? - 24.09.2010 22:00 Uhr

Der „Gaulstall“ in der Blumenstraße: Viel Aufhebens um die Besonderheit der Wirtschaft, über der Jakob Wassermann als Junge gewohnt hat, wurde nie gemacht. © Hans-Joachim Winckler


Wer heute an der Gaststätte „Gaulstall“ in der Blumenstraße vorbeigeht, wird die Fensterläden geschlossen vorfinden, an der Fassade hängt das große Plakat einer Immobilienfirma, die das Objekt zur Verpachtung anbietet. Vor ein paar Wochen ist die Wirtin gestorben und mit ihrem Tod endete vorerst die lange Geschichte einer Fürther Institution, die, so unscheinbar sie auch war, doch wie wenige andere weit über die Grenzen ihrer lokalen Bedeutung hinaus bekannt wurde.

Die Luis’, die den „Gaulstall“ Jahrzehnte resolut und mit einem unvergleichlichen Altstadt-Charme führte, machte nie viel Aufhebens um die Besonderheit ihrer Wirtschaft und um das Haus, in dem sie sich befindet. Sprach man sie darauf an, bekam man ein knappes „Was willst denn wissen?“ zu hören – und meist eine rudimentäre Antwort, die aus zwei, drei Fakten bestand.

Tiefer ließ die Luis’ keinen blicken, und einen Blick in Haus und Hinterhof werfen schon gleich gar nicht. Da sei das „Quecksilber“ drin, herrschte sie scharf, und niemand wagte mehr nachzufragen. Saß man in der Gaststube, konnte man manchmal durch die Scheibengardinen draußen auf der Straße eine Besuchergruppe beobachten, die vor dem Anwesen Halt machte: man verrenkte die Köpfe und blickte zum ersten Stock hinauf. Was gab es da zu sehen? Keine Tafel am Haus gab je einen Hinweis.

„Die Familie Ratgeber wohnte im ersten Stock eines Hauses, in dessen Erdgeschoss sich eine Wirtschaft befand. Jede Nacht drang großes Lärmen herauf, in jeder Sonntagsnacht kam es zu einer Schlägerei, und ein Gestochener brüllte alle schlafenden Bewohner wach. Schlimmer war aber für Engelhart das allwöchentliche Schweineschlachten. Das Todesgeschrei schnitt ihm furchtbar durch die Brust, seine Phantasie war damit belastet, sein Denken wurde verdunkelt, und wenn das Tier unter dem letzten Messerstich ersterbend wimmerte, schlich Engelhart totenbleich in die Kleiderkammer, riss eine Schranktür auf und steckte den Kopf zwischen die hängenden Gewänder, um nichts zu hören. Es war ein Glück, dass seine Eltern, kurz nachdem er fünf Jahre alt geworden war, in die nahe gelegene Theatergasse verzogen...“

Die Luis’ kannte dieses Zitat gut, sie wusste auch, dass sich im Hinterhof noch immer diese ominösen Haken an der Wand befanden, an die man früher eben jene erwähnten Schweine zum Ausbluten hängte, von denen der Autor der dunklen und trüben Kindheitserinnerungen schrieb: Jakob Wassermann, Fürths Vorzeige-Literat, nach dem gar ein anerkannter Literaturpreis benannt ist, wuchs hier auf und erlebte erste Jahre, deren negative Prägung er nie vergessen sollte.

Die Wohnung über dem „Gaulstall“ war von 1873 bis 1878 weniger Heimat für das Kind als ein Ort der Angst und der Verunsicherung; die Gegend rund um die Theaterstraße (in die man später auch zog) war ihm verhasst: „...viel Werktätigkeit und Hastigkeit war in allen Straßen der Nähe und spielende, schlecht gekleidete Kinder schrien und lärmten in allen Höfen.“ Er wird sich einmal gar an die „Sphäre dämonischen Kleinbürgertums“ erinnern.

Doch trotz dieser konsequenten Aburteilungen: Das Haus mit dem „Gaulstall“ bleibt die augenfälligste Stätte in Fürth, die noch an den „großen Sohn“, wie man da wohl gerne sagt, denken lässt. Das Geburtshaus in der Alexanderstraße ist längst abgerissen: An der Fassade klebt nur ein Gedenkschild auf schmutziger Sandsteinplatte, viel zu weit oben, als dass man es registrieren könnte. Begraben ist Jakob Wassermann zudem auch nicht auf dem jüdischen Friedhof seiner Heimatstadt, sondern in seiner – wie er selbst sagte – wirklichen späteren Heimat, im österreichischen Altaussee.

Und jetzt hat auch noch der „Gaulstall“ geschlossen, die Luis’ ist tot und wird niemandem mehr von dem berühmt gewordenen Kind Jakob erzählen können, das vor über einem Jahrhundert durch den Hausgang schlich und nichts als den Weg ins Freie suchte.

Na ja, wie gesagt: Erzählt hat die Luis’ auch nie so richtig. Aber ein wenig fühlte sie sich schon als eine Art Museumswärterin einer in den alten Mauern festgesetzten Vergangenheit. Und bei ihr konnte man dann bei einem Bier auf den Holzbänken einen Augenblick hocken, einen der autobiografisch durchsetzten Romane Wassermanns vor sich, und man hatte die Situation, die da beschrieben wurde, so nah vor Augen, als wäre keine Zeit verstrichen.

Die Wohnung der Wassermanns im ersten Stock steht immer noch leer, die Gaststätte ist zur Verpachtung freigegeben. Es gibt kleinere und unscheinbarere Städte als Fürth, die aus solch einer Chance etwas gemacht haben...

  

Bernd Noack

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