Vom Vergessen und Erinnern

16.2.2015, 06:00 Uhr
Heimatkunde der anspruchsvollen Art — damit haben sich Gymnasiasten aus Langenzenn beschäftigt. Sie stehen vor einem 1934 errichteten Gebäude.

Heimatkunde der anspruchsvollen Art — damit haben sich Gymnasiasten aus Langenzenn beschäftigt. Sie stehen vor einem 1934 errichteten Gebäude. © Foto: Heinz Wraneschitz

In der Zennstadt weilte Streicher über ein halbes Dutzend Mal. Es gibt Bilder, die belegen, dass der Herausgeber der antisemitischen Hetzzeitung „Der Stürmer“ eine Menge Menschen auf dem proppenvollen, fahnengeschmückten Prinzregentenplatz begeisterte. Doch die Stadtchronik jener Zeit ist eher mit Kriegseinwirkungen von außen und Hochwassermeldungen gefüllt. Streichers Reden sind dort nur Randnotizen, erzählen die 15 Gymnasiasten des Projekt-(P-)Seminars „Spuren der NS-Zeit und Erinnerungsorte in Langenzenn“.

Anderthalb Jahre lang, zwei Mal jede Woche für je vier Stunden und in ihren „aktiven Ferien“ sind die Schüler des Wolfgang-Borchert-Gymnasiums (WBG) für ihre Projektarbeit durch die Zenngrundstadt gelaufen, haben sich durch das Stadtarchiv gewühlt, haben mit zwei Zeitzeugen gesprochen.

Geschichte vor der Haustür

Nun übergaben sie ihrer Projektbetreuerin Rita Perschke-Leis in zwei Ordnern einen Stadtrundgang mit historischen Bildern und den dazu passenden Erklärungen. Studiendirektorin Leis, die Geschichtsbetreuerin des WBG, wird diese beileibe nicht wegschließen: Die Arbeit sei als Material für die 9. Klassen des Gymnasiums gedacht. Sie sollen künftig im Rahmen ihres Unterrichts erfahren und erlaufen, was vor ihrer Haustür im Nationalsozialismus passierte.

Und das war eine ganze Menge. „Es gibt einen Ausländer- und Russenfriedhof außerhalb in Richtung Alitzberg. Lediglich ein Gedenkstein ohne Namen markiert den Platz, obwohl dort mindestens 39 Opfer vergraben wurden. Der Ort sieht heruntergekommen aus, nur am Volkstrauertag wird ein Kranz gewechselt. Die meisten Leute wissen von dem Friedhof nichts. Eine Beschilderung gibt es nicht“, berichtet das Schülerteam, das sich damit beschäftigte.

Eine andere Gruppe kümmerte sich um das ganz zu Beginn der Nazizeit entstandene Heim der Hitlerjugend HJ. „Wo das Heim war, stehen heute die Hochhäuser. Es wurde mit Spenden finanziert, auch von außerhalb“, haben die Seminaristen herausgefunden.

Sehr nahe am Kernort, dort, wo heute ein Altstoff-Unternehmen residiert, befand sich ein Arbeits- und Erziehungslager der Gestapo. In dem KZ-ähnlichen Straflager waren Zivilisten wie gefangene Soldaten eingesperrt, „von der Ostfront nach Langenzenn gebracht, danach oft weitergeschickt ins KZ. Viele sind hier gestorben, genaue Zahlen sind nicht bekannt. Denn sie wurden verbrannt oder ohne Pfarrer, Kreuz und Totenliste begraben“, so die Erkenntnisse der Jugendlichen. Die Lehrerin ergänzt: „Die Gefangenen arbeiteten in den Ziegeleien. Ja, manche Langenzenner wollten helfen. Aber in der Nachkriegszeit schwieg der Ort.“ Erst seit 2009 stehe ein Gedenkstein in der Veit-Stoß-Straße. Auffällig dagegen bis heute: Das 1934 errichtete Lager des Reichsarbeitsdienstes RAD. Denn es existiert noch, wenn auch in völlig anderer Funktion. Etwa 200 Männer aus der Stadt und von außerhalb, zwischen 18 und 25 Jahre alt, mussten hier Dienst tun, ein halbes Jahr lang für 25 Pfennige am Tag. Sie lernten zum Beispiel Gräben ausheben, gewiss als Vorstufe zum Kriegsdienst, hat die zuständige Schülergruppe herausgefunden.

In NS-Architektur

Kurz vor Kriegsende 1945 übernahmen die US-Amerikaner die Gebäude, um hier Kriegsgefangene zu kasernieren. Später diente der Komplex als Notunterkunft für Heimatvertriebene. 1952 wurde daraus ein Industriebetrieb: Die Firma Schwaiger ist bis heute dort in dieser erkennbar „echten NS-Architektur“ tätig.

Mark Tänzler, Geschäftsführer von Schwaiger, erklärt dazu: „Uns ist bewusst, wie unser Firmengebäude entstanden ist. Aber ich empfinde es als wichtig, dass auch Schüler sich intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus hier im Ort und mit der Vergangenheit der Region auseinandersetzen.“

„Die Schüler verorten die NS- Geschichte allenfalls in großen Städten wie Berlin oder München, auch noch in Nürnberg. Dass die Ideologie der Nazis und die Umsetzung im Alltag der Deutschen intensiv bis in die kleinen räumlichen Strukturen gewirkt haben, dass NS-Organisationen wie Hitlerjugend, Bund deutscher Mädels, SA oder ,Volkswohlfahrt‘ und andere in den Heimatorten der Schüler gezielt ausgeprägt waren, wissen sie in der Regel nicht. Der Geschichtsunterricht geht selten in die Lokal- oder Regionalgeschichte“, bestätigt Studiendirektorin Leis. Deshalb war sie wohl mehr als erstaunt, als über 40 Schülerinnen und Schüler ihr P-Seminar-Angebot annehmen wollten.

Dass ausgerechnet Jugendliche zeigen, dass sie Interesse haben an der Geschichte der Heimatstadt, auch und gerade zu Zeiten des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945, lässt die Lehrerin hoffen. Langenzenn könnte als Beispiel für Gymnasiallehrer andernorts dienen, die NS-Geschichte am eigenen Schulort aufzuarbeiten.

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