Was blieb, als Quelle verschwand

20.10.2011, 13:00 Uhr
Blick in die Fotostudios in der Nürnberger Tillystraße, wo die Aufnahmen für die Quelle-Kataloge gemacht wurden.

Blick in die Fotostudios in der Nürnberger Tillystraße, wo die Aufnahmen für die Quelle-Kataloge gemacht wurden. © Stefan Koch

Was Quelle war, davon hatte Stefan Koch noch keine Vorstellung, als er von Mitarbeitern dieses großen Unternehmens für den ersten Job seines Lebens ausgewählt wurde. Bei jenem Fototermin trug er ein blauweiß geringeltes T-Shirt, eine kurze Latzhose und ordentlich hochgezogene Socken in den Sandalen; er war zwei Jahre alt und seine Aufgabe war es, auf einem flauschigen „Sitz-Lämmchen“ Platz zu nehmen und möglichst vergnügt dreinzublicken. Es gelang ihm ganz gut, das Bild erschien im Quelle-Katalog von 1980/81.

30 Jahre später gibt es Quelle nicht mehr — aber Koch kann nun Einiges darüber erzählen, was Quelle war. Die Zeit hat ihn jüngst um ein Interview gebeten, auch das Manager Magazin berichtete über ihn. Seine Geschichte ist die eines 33-jährigen Fotografen, zu dessen Leben Quelle auch nach der Episode mit dem Plüsch-Lämmchen gehörte. Quelle, das war für ihn, der in der Fürther Südstadt aufwuchs, bald das Kaufhaus, in dem die Eltern einkauften. Später, „als blutjunger Werbefotograf“, fotografierte er Rasenmäher, Badezimmer und Haustüren für die Heimwerker-Kataloge des Unternehmens.

Die Aufmerksamkeit der Medien hat Koch mit anderen Fotografien geweckt. Es sind eindringliche Bilder, die nach dem Ende von Quelle entstanden. Sie geben Einblicke in verlassene Büroräume und leere Hallen, zeigen Stühle, auf denen niemand mehr sitzt, und Blumentöpfe, die niemand mitgenommen hat. An einer Wand hängt ein Lebkuchenherz, an einer anderen erinnern bunte Zettel an Termine, die ausgemacht wurden, als noch niemand ahnte, dass Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg am Abend des 19. Oktober verkünden würde, dass die Abwicklung des Unternehmens beschlossen war.

Stefan Koch erfuhr von der Nachricht im schottischen Aberdeen, wo er damals als Fotojournalismus-Student ein Auslandssemester verbrachte. „Ich konnte es nicht fassen“, sagt er, in den Tagen danach habe er alle Informationen verschlungen, die er im Internet zum Thema fand. Schnell hatte er den Wunsch, den Untergang des Unternehmens für eine Studienarbeit mit Bildern zu dokumentieren.



Zugang zu den Quelle-Immobilien zu bekommen, gestaltete sich indes schwierig. „Die Eigentümer saßen über ganz Europa verteilt“, sagt er, zu allem Überfluss hielten sie von seiner Idee nicht viel: „Immer hieß es: Nee, das ist nichts für uns.“ Einige Türen öffneten sich schließlich doch. Koch ging mit seiner Kamera unter anderem in der Personalverwaltung in der Hornschuchpromenade und im Retourenlager in der Leyher Straße auf Spurensuche. „Ich hab versucht, den Mitarbeiter zu finden, auch wenn er nicht mehr da war: wo erkennt man noch Leben — oder früheres Leben.“

Oft schlossen ihm ehemalige Quelle-Mitarbeiter auf. So begegnete Koch etwa einem Mann, der die Retourenannahme mitkonzipiert hatte. „Und jetzt steht er da und muss sie verschrotten. Der Moment und die glasigen Augen dazu, das war für mich sehr bewegend.“

Koch beschloss, das Projekt auszuweiten. Zu den Aufnahmen der Innenräume gesellten sich Portraitfotos und Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern. Das Ergebnis hat er als Diplomarbeit an der FH Hannover abgegeben. Er bekam dafür bereits den Preis „Geschossen + gedruckt“ der Lüdenscheider Druckerei Seltmann und den „Best Portfolio-Preis“ des Freundeskreises des Hauses der Photographie in Hamburg. Bis zum 3. November sind die Fotografien in der Hamburger Galerie Kulturreich zu sehen. Enden soll seine persönliche Quelle-Geschichte damit nicht. Eine Ausstellung in Fürth oder Nürnberg und ein Bildband sind geplant.

Koch sucht für das Projekt noch weitere Quelle-Mitarbeiter. Informationen unter www.meine-quelle-geschichte.de

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