Freitag, 21.02.2020

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Welche Rolle spielt die Handschrift heute noch?

Anworten geben eine Lehrerin und eine 33-Jährige mit dem Hobby Handlettering - 24.01.2020 16:00 Uhr

Am Anfang fühlt sich die Schreibschrift noch etwas seltsam an, purzeln die Buchstaben noch eher ungelenk aufs Papier. Doch dann, viele Schwungübungen später, entwickelt sich ein ganz individueller Schreibstil, der einen ein Leben lang begleitet – zumindest wenn das Schreiben auf Tastaturen nicht überhand nimmt. © Patrick Pleul/dpa


Wenn für Kinder mit der Schule der vielbeschworene Ernst des Lebens beginnt, folgt meist wenig später ein Aha-Erlebnis: endlich schreiben zu können. "Das ist oft ein sehr putziger Moment, wenn sie erste Worte zu Papier bringen", erzählt Regine Bayer, die seit 28 Jahren unterrichtet und Konrektorin an der Cadolzburger Grundschule ist. Von Anfang an führen ihre Erstklässler ein Tagebuch, in dem sie ihre Erlebnisse festhalten können. Zuerst, erzählt Bayer, finden sich fast ausschließlich Bilder darin, nach und nach werden sie mit Wörtern ergänzt, später beinahe ganz durch sie ersetzt.

Dass auch heute, in Zeiten, in denen die Tastatur dem Stift immer öfter den Rang abläuft, in den Schrifterwerb noch viel Zeit und Energie gesteckt wird, begrüßt Bayer. "Schreiben ist ja auch ein Kulturgut", sagt sie. Um eine ansehnliche Handschrift zu entwickeln, erfordere es viel Übung und Training. Damit die Kinder die Buchstaben mit allen Sinnen erfahren, werden sie auch mal in den Sand gemalt, aus Knete geformt oder die Kleinen legen sie mit ihren Körpern auf dem Boden nach.

Wenn nach den Druckbuchstaben dann die Schreibschrift folgt, meist ist das in der zweiten Klasse der Fall, und dann auch ein Füller zum Einsatz kommen darf, ist das ein weiterer großer Moment für die Schüler. Viele empfinden die Schreibschrift als die Schrift der Großen, der Erwachsenen, sagt Bayer. Wie viel die Kinder, wenn die erste Begeisterung irgendwann nachlässt, zu Hause tatsächlich noch mit dem Stift schreiben, vermag sie nicht zu beurteilen. Bei ihren eigenen Kindern beobachtet sie aber, dass diese Vorlesungen an der Uni inzwischen per Laptop mitprotokollieren und nicht wie früher mit Stift und Zettel.

Sie selbst schreibt nicht nur zusammen mit ihren Schülern, auch in ihrem Alltag greift Bayer lieber zu Papier als zum Computer. Und zu besonderen Anlässen wie Geburtstagen oder Weihnachten verschickt sie nach wie vor auch gern eine handgeschriebene Karte.

Das tut auch Stefanie Seischab gern – wobei das Schriftbild ihrer Postkarten ganz besonders ist. Die 33-Jährige hat vor einigen Jahren nämlich Handlettering für sich entdeckt und lehrt diese besonders kunstvolle Art zu schreiben, die an die Kalligraphie angelehnt ist, inzwischen an der Fürther Volkshochschule.

Ein Faible dafür, etwas schön zu gestalten, habe sie schon immer gehabt, sagt Seischab. "Wenn mir eine Mitschrift in der Schule nicht gefallen hat, hab ich sie noch einmal gemacht", sagt sie. Auch wenn sie sich jetzt Notizen macht zu einer Reise oder ein Fotoalbum anlegt, wird daraus ein kleines Kunstwerk. Auswirkungen hat dieses Hobby auch auf ihre alltägliche Schrift. Ordentlicher sei sie geworden, den billigen Kugelschreiber habe sie durch einen Füller ersetzt. Überhaupt, die Schreibgeräte: Eine Fülle davon hat sie inzwischen angesammelt, damit für jeden Anlass und jede Art des Schreibens möglichst der passende Stift dabei ist.

Seischab, die schon immer kreativ war, gefällt am Handlettering, dass man es quasi überall machen und dabei völlig abschalten kann. Das schätzten auch die Teilnehmer ihrer Kurse, übrigens fast ausnahmslos Frauen. Vielleicht ist das Interesse am Schriftbild auch eher weiblicher Natur. Regina Bayer nämlich beobachtet, dass vor allem Mädchen etwa ab der vierten Klasse anfangen, mit ihm zu experimentieren. Viele gehen dann vorübergehend zurück zur Druckschrift und verbinden sie dann wieder neu zu einer eigenen Schreibschrift. So entsteht irgendwann die ganz persönliche Handschrift, die einen ein Leben lang begleitet.

Gwendolyn Kuhn

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