Montag, 21.10.2019

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Wenn der Sohn Mama kaum noch versteht

Im Zirndorfer Sprach- und Lerncafé vermitteln Ehrenamtliche Deutsch-Kenntnisse - 12.03.2019 11:00 Uhr

Sprache verstehen heißt für Dieter Konrad (rechts) auch, die Kultur zu verstehen. © Foto: Burghardt


Konzentriert schaut Frau N. auf eine Abbildung im DIN- A4-Format. Sie zeigt eine junge Frau beim Kauf von Kleidung. Die Frau hat blonde Haare. Links neben ihr ist eine dunkelhaarige Verkäuferin zu sehen, sie berät die Kundin. Im Hintergrund steht ein gelbes Schild, das auf die aktuelle Rabattaktion hinweist.

In etwa so beschreibt Frau N., die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, die Szene auf dem Bild. Das schafft sie größtenteils alleine. Fehlt ihr ein Wort, dann fragt sie einfach Ingrid, die ehrenamtlich im Sprach- und Lerncafé Zirndorf arbeitet und gerne beim Lernen neuer Vokabeln und deren Schreibweise hilft. Frau N. hört aufmerksam zu und notiert sich alles Wichtige. Schließlich kommt sie hierher, um ihr Deutsch zu verbessern und so bald einen Job zu finden. In Syrien war Frau N. Lehrerin. Nun drückt sie selbst wieder die Schulbank.

In lockerer Atmosphäre

"Wir möchten den Menschen in lockerer Atmosphäre bei einer Tasse Kaffee oder Tee die Möglichkeit geben, ihre Sprachkenntnisse und das Wissen über ihr Umfeld zu erweitern", erklärt Dieter Konrad, zusammen mit Johanna Endler Initiator des Zirndorfer Sprach- und Lerncafés. Mitte September vergangenen Jahres öffnete es erstmals seine Pforten. Ein notwendiger Schritt, meint Konrad.

Endler und er sind Mitglieder der Asylgruppe Zirndorf und beteiligen sich nach wie vor an der Erstbetreuung von Migranten. Irgendwann haben sie sich gefragt, was mit den Menschen eigentlich im Anschluss an diese Erstbetreuung geschieht, vor allem, wenn es um das Erlernen der deutschen Sprache geht. "Meiner Erfahrung nach kommen die meisten dieser Leute mit dem deutschen Umfeld nur schlecht zurecht und versuchen deshalb, unter sich zu bleiben", so Konrad. Zur Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse sowie zur Förderung des kulturellen Verständnisses sei dies aber nicht besonders hilfreich. Eine gute Lösung glaubt der ehrenamtlich aktive Ingenieur im Format des Sprachcafés entdeckt zu haben, das er zuvor schon in mehreren anderen Städten kennengelernt hat.

Schnell haben sich auch in Zirndorf weitere Freiwillige gefunden, acht sind es mittlerweile. Immer dienstags von 17 bis 19 Uhr stehen sie bereit. Das Sprach- und Lerncafé befindet sich in der Mühlstraße 4, in den Räumen der Awo, die das Projekt unterstützt. "Manchmal kommt nur ein Gast, dann wieder über zehn", berichtet Konrad. Insgesamt sei das Sprachniveau aber recht hoch.

So würden viele der Gäste bereits über ein sogenanntes B2- oder sogar C1-Zertifikat verfügen. Diese Bescheinigungen bestätigen ein fortgeschrittenes Sprachniveau. "B2" beispielsweise entspricht der vierten Stufe auf der sechsstufigen Kompetenzskala des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen.

Die Teilnehmer würden häufig um Hilfe für den nächsthöheren Sprachkurs bitten oder um Unterstützung bei einem Bewerbungsschreiben. Doch natürlich würden auch immer wieder Anfänger vorbeischauen. "Wir versuchen, auf alle Situationen individuell einzugehen und, wenn möglich, in jedem Fall zu helfen", sagt Dieter Konrad.

Die meisten seiner Gäste im Sprachcafé haben übrigens keinen Flüchtlingshintergrund, sondern sind entweder aus EU-Ländern oder mit Visa eingereist. Einige von ihnen seien auch schon sehr lange in Deutschland und hätten sich erst jetzt dazu entschieden, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.

Als Beispiel berichtet Konrad von einer türkischen Mutter, die bereits seit über 20 Jahren hier lebt, sich aber nie richtige Deutschkenntnisse angeeignet hatte. Auf die Frage, warum sie es jetzt angehen wolle, antwortete sie, ihr jüngster Sohn habe sie hergeschickt. Sie solle bitte endlich Deutsch lernen, denn das würde auch er hauptsächlich sprechen. Ihr Türkisch könne er leider kaum noch verstehen.

Florian Burghardt

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