Wilhermsdorf holt die Opfer ans Licht

18.10.2018, 14:00 Uhr
Wenn Robert Hollenbacher Führungen über den jüdischen Friedhof Wilhermsdorf macht, ist die Nachfrage immer sehr groß.

Wenn Robert Hollenbacher Führungen über den jüdischen Friedhof Wilhermsdorf macht, ist die Nachfrage immer sehr groß. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Was hat Sie bewogen, sich auf die Spuren jüdischen Lebens in Wilhermsdorf zu begeben, Herr Hollenbacher?

Robert Hollenbacher: Als Kind habe ich mit meiner Familie in unmittelbarer Nachbarschaft des sogenannten Judentores, das war ein Turmhaus, gewohnt. Und meine Mutter hat immer von ihrer Freundin Irmgard erzählt. Sie war die einzige Bewohnerin des Hauses, die der Verfolgung entkommen ist. Aber von den anderen Mitgliedern der Familie Neuburger wussten wir nichts. Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit im Jahr 2005 hat die damalige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Fürth, Gisela Naomi Blume, eine Führung über den jüdischen Friedhof in Wilhermsdorf gemacht. Ich habe dazu einen Vortrag über das Leben der jüdischen Gemeinde in Wilhermsdorf gehalten.

 

Danach haben Sie sich intensiv mit der Thematik beschäftigt und unter anderem Zeitzeugen interviewt. Wollten die Menschen überhaupt etwas erzählen?

Hollenbacher: Ich habe mit 20 Wilhermsdorfern gesprochen, von denen heute nur noch wenige leben. Die Bereitschaft war groß. Ich hatte dabei natürlich den Vorteil, dass ich die Leute in der Regel gut kannte.

 

Dabei sind aber doch sicher nicht nur die Namen von Opfern, sondern auch von Tätern gefallen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Hollenbacher: Ich habe keine Dokumente zum Thema, etwa Polizeiberichte, sondern nur die mündlichen Überlieferungen. Wenn ich Führungen über den Friedhof oder durch den Ort mache und über die Reichspogromnacht spreche, die in Wilhermsdorf übrigens nicht vom 9. auf den 10. November 1938, sondern schon drei Wochen vorher stattgefunden hat, dann nenne ich keine Namen.

 

Was ist an diesem 19. Oktober 1938 in Wilhermsdorf passiert?

Hollenbacher: Bei den Häusern der jüdischen Wilhermsdorfer wurden Türen und Fenster eingeschlagen, Betten aufgeschlitzt und auf die Straße geworfen. Menschen, auch junge Mädchen, wurden geschlagen, das war eine fürchterliche Geschichte.

 

Wie funktionierte das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden in Wilhermsdorf bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten?

Hollenbacher: So weit mir bekannt ist, sehr gut. Juden waren in Vereinen, im Gemeinderat oder bei der Freiwilligen Feuerwehr engagiert, wo sie sogar einmal den Kommandanten stellten. Die Pinselfabrik Michelsohn & Keiner beschäftigte fast 120 Leute, vermutlich fast aus jeder Wilhermsdorfer Familie jemanden. Im Judentor betrieben die Neuburgers ihre Schneiderei und ihren Stoffhandel. Da gab es den Spruch: ,Beim Neuburger kaufst ein‘.

Wie viele Wilhermsdorfer Juden wurden ermordet?

Hollenbacher: Ich habe die Namen von fast 50 Opfern. Eine große Hilfe bei der Recherche war mir dabei unter anderem Gerhard Jochem vom Stadtarchiv Nürnberg, der übrigens aus Wilhermsdorf stammt. Bei der Suche nach den Nachfahren hat mich eine Enkelin der Familie Michelsohn sehr unterstützt. Am Wochenende werden 19 Personen aus Israel, den USA und Deutschland als Gäste der Gemeinde kommen.

Mussten Sie im Rathaus groß Überzeugungsarbeit für diesen Besuch leisten?

Hollenbacher: Nein, die Gemeinde, allen voran Bürgermeister Uwe Emmert, war sehr offen, entgegenkommend und interessiert. Das Rathaus hat einen Flyer machen und fünf Infotafeln aufstellen lassen, die im Ort auf verschwundene oder noch vorhandene Gebäude, wie die ehemalige Synagoge, hinweisen.

 

Wie wird der Besuch gestaltet?

Hollenbacher: Am Ehrenhain werden am Gedenkstein die Tafeln mit den Namen der Opfer angebracht, Schulkinder werden sie verlesen. Das Kaddisch, das jüdische Totengebet, wird von einem Kantor vorgetragen. Bürgermeister Emmert, Landrat Matthias Dießl und ein Nachkomme der Familie Michelsohn sprechen. Der Posaunenchor, der evangelische und der katholische Kirchenchor sowie Mädchen und Jungen der Grundschule untermalen alles musikalisch. Danach gibt es einen Empfang mit Bewirtung im Rathaus. Ich mache eine Führung, dafür hat die Gemeinde einen Bus gemietet.

 

Sind Sie bei Ihren Nachforschungen zur jüdischen Geschichte eigentlich auf etwas gestoßen, was Sie noch nicht klären konnten?

Hollenbacher: Im ehemaligen israelitischen Schulhaus gab es eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad. Der Raum wurde verfüllt, man sieht nur noch ein paar Stufen. Angeblich hat es aber früher noch zwei Mikwen gegeben. Ich habe Beschreibungen dazu gelesen, kenne Namen, aber keine Hausnummern. Ich weiß also nicht, wo die Gebäude standen und ob sie heute noch existieren

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