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Wortlos, wunderbar

„Das Mikwen-Projekt“ im Jüdischen Museum Franken - 18.11.2010 12:52 Uhr

Intimität, Verletzlichkeit, Offenheit: Die amerikanische Fotografin Janice Rubin folgte mit der Unterwasserkamera Frauen zur rituellen Reinigung in die Mikwe. Repro: Hans Winckler


Wasser umspült den zusammengekauerten Körper der Frau. Die langen Haare umschweben sanft ihren Kopf, den sie vollkommen untergetaucht hat. Ein Bild, das an Ultraschallaufnahmen von Embryonen erinnert. Es ist ein Ausdruck von absolutem In-sich-gekehrt-Sein, die komplette Konzentration auf etwas, das keine Ablenkung, keine Zerstreuung duldet.

Mit einer Unterwasserkamera folgte die amerikanische Fotografin Janice Rubin jüdischen Frauen zur rituellen Reinigung in die Mikwe. Die Tradition dieses Bades wurzelt in der Thora. Mit der Entstehung des Talmud im zweiten Jahrhundert wurde der Mikwen-Besuch für Frauen nach ihrem monatlichen Zyklus zur Pflicht. Im 19. und 20. Jahrhundert verbreitete sich mit dem liberalen Judentum allerdings die Ansicht, dass das Untertauchen im Ritualbad – mangels eines biblischen Gebots – nicht verpflichtend ist, sondern eine Entscheidung, die jede Frau für sich treffen kann.

Das Projekt, zu dem die Schriftstellerin Leah Lax sensible Interviews beisteuerte, entwickelte sich vor diesem Hindergrund zu einer ungemein inspirierenden Auseinandersetzung mit der modernen Wahrnehmung eines Frauenlebens, mit Körperlichkeit, Rollenverständnis und sexueller Identität.

Die Frauen, die Janice Rubin und ihre Kamera bei ihrem Erleben der Mikwe zuließen, werden auf eine ungewöhnlich zurückhaltende Weise gezeigt. Keine entblößt sich oder ihre Gefühle. Dennoch sind die Aufnahmen geprägt von Intimität, Verletzlichkeit und Offenheit. Aus diesem spannungsreichen Verhältnis entwickelt sich für den Betrachter der Bilder eine außergewöhnlich intensive Auseinandersetzung mit einer modernen Interpretation des Ritualbades. Nicht länger scheint es ausschließlich um Reinheit nach den religiösen Gesetzen zu gehen. Das Untertauchen im lebendigen Wasser der Mikwe charakterisiert vielmehr wesentliche Übergänge im Leben der Frauen. Die prägnanten Interviews, die einige der Fotos begleiten, berichten vom Gesunden nach schwerer Krankheit, vom Abschied von der Jugend, dem Beginn einer Ehe oder von ihrem Ende. Es wird ein Zeichen gesetzt für eine ganz persönliche Veränderung, an deren Beginn eine Reinigung der Gefühle steht.

Umstrittenes Gebot

Zu den Texten, die auf zwei Licht-Stelen präsentiert werden, gehören aber auch Aussagen von Frauen, die die Mikwe ablehnen. Christiane Twiehaus, Kuratorin der Ausstellung, macht klar: „Das Gebot, sich reinigen zu müssen, ist bis heute umstritten, es konnte dadurch zur Diskriminierung der Frauen kommen.“ In manchen Gemeinden war es ihnen einst zum Beispiel nicht gestattet, während ihres Zyklus’ auf die Straße zu gehen. Eine Frau notierte: „Ich habe mir die Mikwe unterirdisch, heimlich, dunkel und kalt vorgstellt, weil es mich als Frau dreckig darstellt, mich dreckig macht.“ Dem gegenüber stehen die Worte einer anderen Frau, die schrieb: „Für mich war die Mikwe eine wortlose, wunderbare Sache.“

Daniela Eisenstein, Leiterin des Jüdischen Museums Franken, erklärte bei der Projekt-Vorstellung, dass die Schau in Etappen zu sehen ist; ab 26. Januar wird der zweite Teil der Fotos präsentiert. Zum Begleitprogramm der Sonderausstellung werden wieder Führungen gehören, zu denen stets auch ein Blick auf die 1702 erbaute Mikwe im Keller des Museums gehört, die bis heute vom Grundwasser gespeist wird.

„Das Mikwen-Projekt“: Fotografien von Janice Rubin und Texte von Leah Lax. Jüdisches Museum Franken in Fürth, Königstraße 89. Bis 23. Januar 2011. Neue Bildauswahl folgt ab 26. Januar. Bis 13. März.

 

Sabine Rempe

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