Zement, Sand, Wasser, Freiheit

10.4.2014, 13:00 Uhr

© Hans-Joachim Winckler

Ist das nun ein Gemälde? Oder nicht eher ein Flachrelief? Mehrere vertikale Sektoren durchziehen das Breitwandformat, mal mehr, mal weniger gerade, schräg, geschlängelt. Dazu ist jeder dieser Sektoren in einem anderen Farbton gehalten. Wer genauer oder schräg von der Seite hinschaut, erkennt, dass jeder Sektor sich auf einer anderen Ebene der Raumtiefe befindet, wenn auch nur um wenige Millimeter. Dieser Abschnitt hebt sich hervor, der andere versinkt in der Bildtiefe, der nächste wiederum nimmt ein mittleres Niveau ein.

Ein anderes Bild zeigt sieben schlanke Gestalten. Keine Arme, keine Beine, nur Kopf und Rumpf. Und doch drängt sich dem Betrachter unmittelbar der Eindruck von Tanz, Bewegung und Schwung auf. Wobei ausgerechnet die statische Zentralfigur die schwungvollsten Kurven aufweist.

Tiefe Kratzmuster

Dann wiederum studiert man geometrische, figurative oder auch chaotisch-organisch anmutende Bilder, teils in erdigen Farben, teils glatt, teils schraffiert oder aufgeraut, mit tiefen Kratzmustern versehen, oder auch diskret glänzend.

All diese Bilder bestehen aus Zement, Sand und Wasser. Millimeterdünn aufgetragen auf Leinwand im Holzrahmen, hernach behandelt, bemalt und gelegentlich mit Lack versehen. Wie kommt man bloß auf so eine Idee? Egon Junge (56) ist als Künstler ein Spätberufener, ein Quereinsteiger. Jahrelang ging er einem ordentlichen Beruf nach, dann suchte er die Freiheit und das Risiko des Künstlers. Eines Tages entdeckte der Wahlfürther bei einem Kollegen Bildsegmente, worin die Farbe sich dick übereinander häufte, teils sogar mit Zement verstärkt. „Diese Idee hielt ich für ausbaufähig“, erzählt Junge. Es folgten Phasen des Experimentierens, „denn es kommt jedes Mal auf die Konsistenz an, auf das Mischverhältnis von Zement, Sand und Wasser“.

Die Motive für seine namenlosen Bilder findet Junge in der Natur, etwa an einer Kalkwand mit Auswaschungen durch Regenwasser. Oder an einer abblätternden Fachwerkhausfassade in der Normandie. Die geometrischen Experimente erinnern manchmal an den späten Max Ernst, geometrische Figürchen hingegen an Sgraffito der fünfziger Jahre.

Gelegentlich zwingt Junge den Betrachter zum genauen Hinschauen. Etwa bei vier Stelen mit scheinbar gleicher Ornamentierung. Erst bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass Form- und Farbverteilung bei jeder Stele divergieren. Wie Geschwister, die einander ähneln und doch unverwechselbare Züge aufweisen.

Ein Bild aber sticht aus dem Ganzen heraus: eine Gestalt mit ovalem Kopf, ohne jegliche Gesichtszüge, dafür einem offenstehenden Mund. Schon ist die Assoziation da: Edvard Munchs „Schrei“ hat da Pate gestanden. Aber wie schafft es Junge bei aller Abstrahierung, die Kenntlichkeit zu wahren, die Assoziationsverknüpfung auf den richtigen Weg zu lenken, ohne plakativ oder plagiatorisch zu werden? Auch eine Leistung!

Siehe „Fürther Kunststücke“ auf dieser Seite.

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