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Zirndorf: Der Vestner Turm überstand das Kriegsende nicht

Die Wehrmacht sprengte das Wahrzeichen, bevor die US-Army anrückte - 08.05.2020 10:53 Uhr

So kannten die Zirndorfer den historischen Vestner Turm. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in der Biberstadt sprengte ihn die Wehrmacht.

© Repro: Geschichtswerkstatt Zirndorf


In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wurde die Bevölkerung der Bibertstadt zwar häufig in die Luftschutzräume geschickt, doch die Angriffe galten meist der Nachbarstadt Nürnberg. Zirndorf blieb weitgehend verschont, es gab wenige Schäden. Wie die Einwohner das Kriegsende erlebten, konnten die Amateurhistoriker der Geschichtswerkstatt durch Recherchen in den Archiven und Gespräche mit Zeitzeugen ermitteln.

Der 16. April 1945 war ein schöner Frühlingstag. Keine Wolke zeigte sich am Himmel und es wurde sehr warm. Viele gingen Menschen an diesem Montag nicht mehr zur Arbeit, weil die meisten Zirndorfer Betriebe ihre Produktion eingestellt hatten. Doch die Angst vor den feindlichen Soldaten und auch vor den eigenen Scharfmachern der SS verhinderte, dass sie das schöne Wetter genießen konnten. Nur die Kinder spielten unbekümmert und weitgehend ahnungslos in den Höfen und Gärten.

Von Westen war Donnergrollen zu hören – das Artilleriefeuer der US-Armee. Sie bewegte sich auf den Raum Nürnberg/Fürth zu. Die Zirndorfer hofften auf ein baldiges Kriegsende, sie fürchteten dabei jedoch um ihr Hab und Gut. Auch das Leben war bedroht, wenn sich die Wehrmacht oder die SS entschließen sollten, die Stadt doch noch zu verteidigen. Dann musste man mit Beschuss von beiden Seiten rechnen.

Der Nürnberger Reichsverteidigungskommissar Karl Holz hatte verfügt, beim Näherrücken der amerikanischen Truppen die Städte zu "Bollwerken" auszubauen: "Jeder Verräter oder jede Verräterin, die weiße Fahnen hissen, verfallen unweigerlich dem Tode und werden aufgehängt. Jedes Haus, an dem weiße Fahnen hängen, wird gesprengt oder niedergebrannt."

Hitler-Büste in der Odelgrube

Die Zirndorfer vernichteten indes belastende Schriftstücke mit Hakenkreuz, NS-Emblem und das Hitlerbuch "Mein Kampf". Parteiabzeichen verräumten sie, damit die Amerikaner keine Hinweise auf die Zugehörigkeit zur NSDAP finden konnten. Die Hitlerbüste versteckte ein Bauer in der Odelgrube.

Die Amerikaner trafen bei ihrem Vorstoß in Richtung Fürth und Zirndorf am 17. April auf wenig Widerstand. Beim Vestner Wald schoben die US-Panzer die vom Volkssturm mit Baumstämmen errichteten Barrikaden zur Seite. Nachmittags gegen 15 Uhr sprengten die deutschen Truppen den Vestner Turm, der während des Krieges als Flakleitstelle für die Luftabwehr gedient hatte. Dass der Turm zerstört werden würde, war in der Zirndorfer Bevölkerung vorher bekannt geworden.

Zeitzeugen berichteten, dass sie als Kinder in gehöriger Entfernung der Sprengung zugeschaut hatten. Von der Anhöhe beim Kinderheim Sonnenblick am östlichen Rand der Stadt hatte man eine besonders gute Sicht. Die Explosion war gewaltig, die Einzelteile flogen bis zu den Wohnhäusern der Umgebung. Wer seine Fenster nicht geöffnet hatte, musste die Scherben zusammenkehren.

Die Soldaten der Wehrmacht und der SS zogen in Richtung Schwabach ab. Die US-Streitkräfte nahmen am 18. April auf dem Weg nach Zirndorf die Orte Weinzierlein, Wintersdorf, Leichendorf, Bronnamberg, Banderbach und Weiherhof ein. Gegen 9 Uhr telefonierte der Gastwirt Schultheiß aus Weiherhof ins Zirndorfer Rathaus und meldete, dass die Amerikaner auf dem Weg nach Zirndorf seien. Über die Kneippallee und die Banderbacher Straße rückten die amerikanischen Soldaten ins Zentrum vor. Nach Berichten von Augenzeugen kamen sie fast lautlos in die Stadt. Nahe an den Häusermauern, das Gewehr im Anschlag, kontrollierten sie die Altstadt. Die Panzer blieben vorerst zurück.

Der amtierende zweite Bürgermeister Konrad Körnmayer wollte noch zwei Polizisten zur Erkundung losschicken. Die kamen aber nicht weit, denn die ersten US-Soldaten standen bereits am Marktplatz. Georg Wolf, der Leiter der Stadtpolizei, informierte die regionale Führung der Wehrmacht über den Einmarsch der Amerikaner. Oberinspektor Hans Lämmermann schrieb in einem Bericht: "Er erhielt Befehl, die wenigen Feindkräfte gefangen zu nehmen und die Stadt zu verteidigen; bei Weigerung werde mit Artilleriefeuer deutscherseits geantwortet. Noch während dieses Telefongespräches fuhr ein offener Jeep mit vier Amerikanern vor das Rathaus. Der Offizier und seine drei Begleiter kamen sofort in die Polizeiwache." Sie verlangten die bedingungslose Kapitulation und das Hissen weißer Fahnen, zuerst am Rathaus.

Bürgermeister Körnmayer bat, wegen der Drohung der Wehrmacht, von den weißen Fahnen abzusehen. Der amerikanische Offizier ließ sich darauf nicht ein und gab noch zehn Minuten Bedenkzeit. Oberinspektor Lämmermann notierte weiter: "Vor dem Rathaus hatte sich trotz Feindanwesenheit (die amerikanischen Soldaten hatten die Bevölkerung aufgefordert, in die Häuser und Keller zu gehen) eine große Menschenmenge angesammelt, die den Bürgermeister zur Hissung der weißen Fahne drängte. . .

Körnmayer schilderte die schlimme Lage und fragte, ob einer unter ihnen sei, der die Stadt verteidigen wolle. Ein lautes hilfesuchendes Nein erscholl. Die weiße Fahne wurde aus dem Fenster des Rathauses gehängt. Schnell folgten die anderen Häuser.

Beschuss aus Nürnberg

Nun wartete man, wie die Wehrmacht auf die Befehlsverweigerung reagieren würde. Einige Zeit verging, bis Artilleriegeschosse aus Nürnberg im Norden der Stadt einschlugen. Größere Schäden entstanden dadurch nicht. Als die amerikanischen Soldaten zur Bibert kamen, sahen sie die zerstörte Steinbrücke. Sie war von den Deutschen gesprengt worden, als sich die Wehrmacht und die SS zurückzogen. Dass die Zerstörung der Brücke sinnlos war, konnte man sehr schnell erkennen. Die Amerikaner ließen sich bei ihrem Vormarsch nach Altenberg nicht aufhalten.

Nach einer Anordnung der US-Armee hatten der Bürgermeister und die Beamten im Rathaus weiterhin ihre Aufgaben zu erfüllen. Der angebotene Rücktritt von Konrad Körnmayer wurde abgelehnt. Der amtierende NSDAP-Ortsgruppenleiter Johann Langenfelder hatte sich rechtzeitig in Sanitätsuniform in das Lazarett der Zirndorfer Flakkaserne geflüchtet. Auch andere führende Nationalsozialisten hatten sich Rot-Kreuz-Binden besorgt und suchten Schutz im Lazarett. Sie wurden dort aber von der Besatzungsmacht festgesetzt.

Mehr Informationen über das Kriegsende und die Nachkriegszeit gibt es im Band 5 der Buchreihe "Zirndorfer Geschichte und Geschichten", erhältlich für 15 Euro in der Bücherstube Zirndorf und bei der Geschichtswerkstatt (Telefon 0911 - 60 16 88)

KLAUS ÜBLER

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