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Zirndorfer Metzgerei Grötsch schließt am Samstag

Schicksal, Standortprobleme und kein Nachwuchs: Alteingesessener Betrieb gibt auf - 28.02.2019 18:00 Uhr

Chefin und Inhaberin Birgit Grötsch lässt nach über 30 Jahren Metzgerei und Ladentheke hinter sich. Nach zwei Jahren allein mit der Verantwortung und viel Einsatz der ganzen Familie sehnt sie sich mit den Töchtern und Schwiegersöhnen „auch mal nach freien Wochenenden“. © Foto: André De Geare


An diesem Samstag um 12.30 Uhr gehen die Jalousien des Ladengeschäfts in der Nürnberger Straße das letzte Mal herunter. Familie Grötsch verabschiedet sich ganz unspektakulär. "Spezielle Aktionen, das war nie unser Ding", sagt Birgit Grötsch (56). Eher seien sie Garant dafür gewesen, dass an der heißen Theke neben den Klassikern wie Schäufele und Bratwurst auch ein paar gekochte Kartoffeln zu haben waren.

Ein typischer Familienbetrieb: Birgit Grötsch hat seit 1986 mitgearbeitet, 1995 übernahm das Ehepaar den Betrieb von den Schwiegereltern, die ihn 1961 gekauft hatten. Jürgen Grötsch war Zeit seines Lebens für die Produktion und das Geschäftliche zuständig, Gattin Birgit war gerne im Laden bei ihren Kunden und am Wochenende in der Küche, um Büfetts und Cateringaufträge vorzubereiten. Zehn Mitarbeiter beschäftigte sie bis Ende des Jahres, ehe sich das Team angesichts des nahenden Endes umorientierte und sukzessive anderweitig unterkam. Fachkräfte sind gefragt.

Freizeit blieb auf der Strecke

Zugleich wurden die Öffnungszeiten zurückgefahren, die letzten Wochen war die Metzgerei nur noch vormittags geöffnet. Hinter der Theke, wo zuvor sieben Leute in zwei Schichten gearbeitet hatten, stand Grötsch nun mit der 80-jährigen Schwiegermutter Hannelore, unterstützt vom Rest der Familie. Tochter Ines kümmerte sich als Personalmanagerin um die Belegschaft ihrer Mutter, Lisa, die Jüngere, erledigte als gelernte Steuerfachwirtin die Buchhaltung.

Die beiden Schwiegersöhne Christian und Jonas wiederum haben angepackt, wo es nur ging. Neben 40-Stunden-Jobs andernorts. "Auf Dauer geht das nicht, irgendwann fragt man sich, wann hab’ ich ein Wochenende frei. Das hat uns bewogen zu sagen, jetzt ist gut."

Als "großes Glück" erlebte Birgit Grötsch, dass die beiden langjährigen Metzger in der Produktion bis zuletzt blieben, um das Sortiment in der Theke aufrechtzuerhalten. "Mit meinen Mitarbeitern stand ich immer auf der Sonnenseite, ohne dieses Team wäre der Geschäftsbetrieb in den letzten zwei Jahren nicht möglich gewesen."

Die Metzgerei Grötsch erzählt nicht die Leidensgeschichte, die so viele Fleischerfachgeschäfte ins Aus treibt: Das Geschäft lief gut, die Stammkundschaft war groß und kam teils seit Jahrzehnten. Weder vegetarische noch vegane Trends in den Essgewohnheiten bremsten die Umsätze. Die Schweine kamen aus den Ställen in der Region, in der Zirndorfer Werkstatt wurden sie zerlegt und verarbeitet, "und zwar von Kopf bis Fuß", so Birgit Grötsch. Wenn das Tier schon sterben musste, sollte alles verwertet werden — ihre Art, den Tieren Respekt zu zollen.

Die Wurstportionen allerdings, die an der Theke geordert wurden, schrumpften immer mehr: Für die Chefin das "Phänomen einer Gesellschaft von Singles, die zwei Scheiben Schinken und drei Scheiben Räucherlachs bestellen". Die heiße Theke mit täglich drei verschiedenen Essen hat das kompensiert. "Damit haben wir ein Drittel unseres Umsatzes gemacht. Die Lokale sind voll, die Leute können immer weniger kochen", meint Grötsch.

"Wir haben alles überlebt, den Umbau der Nürnberger Straße, Schweinepest, BSE, Geflügelgrippe." Den Tod des Motors im Betrieb allerdings nicht. "Schicksal. Wenn mein Mann noch leben würde, hätten wir sicherlich noch ein paar Jahre weitergemacht." Doch jemanden von außen zu holen, das schien zu kompliziert: "Mein Mann und ich haben über 25 Jahre den Betrieb gemacht, da griff eines ins andere, ohne viel Worte. Das Vertrauen ist nicht zu ersetzen."

Birgit Grötsch hat versucht, den Laden zu verpachten, vergeblich. Sie kann es verstehen, der Standort Nürnberger Straße bröckele. "Früher", sagt ihre Schwiegermutter, "hatten wir hier lauter kleine Einzelhändler, Fisch, Gemüse, Bäckerei, Schreibwaren. Jetzt sind wir so ziemlich die letzten im Boxerviertel. Da überlegt sich jeder, fahr’ ich wegen 100 Gramm Bierschinken zum Grötsch oder gehe ich gleich in den Supermarkt, wo ich alles auf einmal kriege."

Jahrelang haben die Grötsch’ ausgebildet, "doch das war nichts mehr", sagt die Chefin. Eine der letzten Azubis hinterließ nach nur zwei Wochen die Notiz "Ich halt’ das nicht mehr aus". Dabei schauen frühere Azubis selbst nach zwanzig Jahren noch vorbei und blicken mit den Worten "Bei euch war’s am schönsten" auf ihre Lehrjahre in Zirndorf zurück. Und so scheiterte es ein Stück weit doch auch an einem Punkt, der alle Kollegen plagt: "Es fehlt einfach am Nachwuchs", sagt Birgit Grötsch. "Aber vielleicht wird ein Handwerker eines Tages ja mal besser bezahlt als ein Akademiker", sinniert ihre Schwiegermutter.

Und jetzt? Birgit Grötsch macht erst mal Pause: "Yoga, Radfahren, draußen sein, Wandern in den Bergen, dem Himmel nah sein, das ist meins, doch das kam viel zu kurz in den vergangenen zwei Jahren." Schwiegermutter Hannelore hat etwas Angst vor dem neuen Leben. "Es wird nicht besser oder schlechter, nur anders", sagt ihre Schwiegertochter. Neue Aufgaben warten. Tochter Ines bekommt im Sommer ihr erstes Kind.  

Sabine Dietz

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