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Zum Schnabulieren ab ins städtische Gemüsebeet

In Andernach dürfen Bürger kostenlos ernten, was in den Grünanlagen der Stadt wächst - 03.06.2014 11:00 Uhr

Auch am Mariendom in Andernach stößt man auf Gemüsebeete. Wer möchte, darf sich hier bedienen. © Christoph Maurer


Dass das eine große Sache werden könnte, gesteht Christoph Maurer, Sprecher des 30 000 Einwohner zählenden Städtchens Andernach, nein, das habe er nicht geglaubt. 2010 fing alles an. Nach dem Motto „Stachelbeeren statt Stiefmütterchen“ hatten sich findige Köpfe im örtlichen Rathaus überlegt, dass sie hie und da abrücken könnten von den klassischen Blumenrabatten. Sie ließen also 101 selten gewordene Tomatensorten an die historische Stadtmauer pflanzen: Tomaten für alle, der Schlossgarten als Naschgarten.

Es war ein Versuch, er traf einen Nerv. In vier Jahren haben die Andernacher ihre „Essbare Stadt“ zu einem Garten Eden ausgebaut: Zur Erntezeit kann man sich hier im Vorübergehen holen, was das Herz begehrt: Trauben, Tomaten, Kartoffeln, Kohl, Birnen, Bohnen, Äpfel, Aprikosen. Maurer sagt, man begegne dem nahrhaften Bio-Angebot jetzt überall in Andernach, frühere Schmuddelecken „sehen toll aus“. Dass Leute ihre Küche verlassen, um sich zwei Handvoll Bohnen und ein paar Zweige Bohnenkraut fürs Mittagessen holen, sei normal. Vandalismus sei kein Problem, und einen ganzen Lieferwagen lade sich keiner voll: „Die soziale Kontrolle funktioniert.“

Auch angenehm für die Menschen im Mini-Schlaraffenland am Mittelrhein: Sie müssen weder gießen noch Unkraut jäten. Denn: Bewirtschaftet werden die Flächen, aktuell 2000 Quadratmeter, von einer gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft. Da werkeln Gärtner neben Langzeitarbeitslosen, die wieder an regelmäßige Arbeit herangeführt werden sollen. Weitere positive Nebenwirkung: An den Beeten kommt man ins Gespräch. Und das kann schon mal Augen öffnen. Maurer sagt, bei den Weinstöcken habe es anfangs Misstöne zwischen ein paar Deutschen und Griechen gegeben. Die einen waren scharf auf die Trauben, die anderen auf die Blätter. Die Deutschen fürchteten angesichts weggeknipster Blätter um die Pflanzen — bis sie verstanden, dass die bei dosiertem Laubverlust ihre ganze Kraft in die Früchte stecken können.

Mehrfach ausgezeichnet

Die „Essbare Stadt“ wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ des Magazins Zeit Wissen. Ihre Repräsentanten erklären das Projekt immer wieder aufs Neue Touristen, Journalisten, Fachleuten. Der Stadtsprecher berichtet, man habe aktuell 350 Anfragen von Städten vorliegen, die erwägen, Andernach nachzuahmen. Fürth dürfte nicht darunter sein.

Dietmar Most, Chef des Stadtplanungsamts, hört zum ersten Mal von den Wegen, die seine Kollegen am Rhein beschreiten. „Interessant“, urteilt er, doch fallen ihm auch gleich Wenns und Abers ein. Zum Beispiel: Was sagen die Einzelhändler, wenn es das, was sie verkaufen, um die Ecke umsonst gibt? In Andernach gab es von dieser Seite Zuspruch, so Maurer. Begründung: Zum einen übersteige der Bedarf das Angebot bei weitem, zum anderen mache die Selbstbedienung erst Appetit auf Kohl und Co..

Auch für Birgit Auerswald, die im Fürther Grünflächenamt das Sachgebiet „Pflege und Unterhalt“ leitet, tun sich spontan Fragen über Fragen auf: Wer soll sich um die Flächen kümmern? Wie macht man den Leuten im Fall des Falles klar, dass sie Tomaten im Park pflücken dürfen, Rosen aber nicht? Wer stellt sicher, dass keine Hunde ans Gemüse pinkeln? Auerswald gefallen die sozialen Aspekte der „Essbaren Stadt“, doch die Skepsis überwiegt. Vor allem stört sie sich an einer „Entwertung“ von Lebensmitteln, in denen Arbeit steckt, durchs kostenlose Anbieten. Und, so fragt sie: „Warum soll ich als Stadt investieren, und andere fahren die Ernte ein?“

Begeistert reagiert dagegen Elfriede Leichsenring: „Ein toller Ansatz!“ Auch mit Blick auf eine neue Studie, wonach fast ein Drittel der Weltbevölkerung zu viel wiegt, fände es die leitende Diätassistentin am Fürther Klinikum genial, den Leuten „Cocktailtomätchen“ und andere gesunde Leckereien so offensiv unterzujubeln.

Oberbürgermeister Thomas Jung dämpft die Euphorie: „Wir werden sicher nicht den Rosengarten opfern für ein Kohlrabibeet.“ Doch der Rathauschef weiß um den Trend zum Urban Gardening, zu allen denkbaren Varianten des Gartenbaus, die die Städte erobern und ein modernes Lebensgefühl spiegeln. Jung verweist auf Formen, die es gibt in Fürth; die Interkulturellen Gärten, die neuen Hochbeete auf vielen Schulhöfen. Im Herbst, sagt er, soll etwas Neues hinzukommen: eine Streuobstwiese. In Burgfarrnbach will die Stadt 40 Bäume pflanzen. Und wenn die erst einmal Früchte tragen, dürfen die Fürther ernten: Kirschen, Birnen, Äpfel . . . 

Birgit Heidingsfelder

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