Donnerstag, 01.10.2020

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Fünf Tote nach Feuer in Nürnberg: "Haben den Kampf leider verloren"

Fehlten in dem Gebäude Warnmelder? Polizei geht nicht von Brandstiftung aus - 02.03.2019 14:32 Uhr

Die Schäden an dem Haus sind aus der Luft deutlich erkennbar.

© ToMa


Am Nachmittag nach der Tragödie zeugen Schäden an der Fassade von dem verheerenden Feuer. Über den Fenstern klebt schwarzer Ruß, die Rahmen sind verzogen, die Dachrinne des kleinen weißen Hauses ist weggeschmolzen. Hier, in einem Industriegebiet im Nürnberger Stadtteil Sandreuth, starben in der Nacht auf Samstag fünf Menschen. Eine Frau und ihre vier Kinder, eines von ihnen im Säuglingsalter, die anderen sieben, fünf und vier Jahre alt.

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Wohnhausbrand in Sandreuth: Frau und Kinder tot geborgen

Den Einsatzkräften bot sich in der Nacht zum Samstag ein Schreckensszenario: Ein Einfamilienhaus im Nürnberger Stadtteil Sandreuth stand in Vollbrand. Im Inneren des Gebäudes fanden die Einsatzkräfte eine Frau und ihre vier Kinder, darunter auch ein Säugling, leblos auf. Trotz umgehender Reanimationsmaßnahmen konnten die Retter das Leben der fünf Menschen nicht mehr retten.


Das Feuer, darauf lässt zumindest der Notruf schließen, brach gegen 3 Uhr aus - in einer Gegend, in der kaum Menschen wohnen. Ein Industriegebäude reiht sich an das nächste, die Alarmierung ging wohl von einer Großbäckerei aus. Ein Fahrer dort habe das Gelände nicht mehr verlassen können und rief seinen Chef.


Feuer-Tragödie mit fünf Toten: Schock in Sandreuth sitzt tief


Leute schrien, Feuer loderte auf, dichter Qualm drang aus den Fenstern. So zumindest skizzieren Augenzeugen die Situation in der Nacht. Überwachungsaufnahmen zeigen, wie sich die Flammen an der Fassade des Hauses entlangfressen. Insgesamt lebten wohl neun Menschen darin, vier von ihnen konnten sich selbst ins Freie retten.

Es waren dramatische Minuten, sagt auch Mohamed. Er ist Bewohner einer Asylbewerberunterkunft direkt neben dem Brandhaus. Der junge Mann schlief bei offenem Fenster, als er die Flammen und den Rauch bemerkte. "Ich habe das ganze Haus wachgemacht und gerufen", sagt er. "Alle aus der Unterkunft wollten helfen." Nach eigenen Angaben griff sich der Iraner einen der Feuerlöscher, die überall in den Räumlichkeiten verteilt sind - und begann zu sprühen. "Doch die Flammen kamen immer wieder." Ein älterer Mann habe vor dem Brandhaus gestikuliert, gerufen, dass darin Kinder seien. "Deswegen wollten wir sie retten", sagt Mohamed, der mit anderen Ersthelfern von der Polizei weggeschickt wurde. "Wir waren voll dabei." 

Mit diesen Feuerlöschern versuchten mehrere Asylbewerber die Flammen zu bändigen.

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"Das lässt uns nicht kalt" 

Mit schwerem Atemschutz durchkämmte die Feuerwehr das Gebäude, versuchte das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Im Obergeschoss fanden die Retter fünf leblose Körper. Mehrere Versuche, die Kinder und die Frau wiederzubeleben, scheiterten. Ein kompletter Löschzug der Feuerwehr war nur mit der Reanimation beschäftigt. "Also 20 Einsatzkräfte, die nichts anderes getan haben, als vor Ort um das Leben der Menschen zu kämpfen", sagt Thomas Schertel, Sprecher der Nürnberger Berufsfeuerwehr. "Und diesen Kampf leider verloren haben."

"Wir sind erfahren, aber das lässt uns nicht kalt", sagt Schertel. "Wir müssen beruflich professionell mit der Situation umgehen. Die Belastung darf also nicht die Rettung der weiteren Personen betreffen." Und dennoch sind die Feuerwehrleute nach dem Einsatz gezeichnet, einige Kollegen seien in den Morgenstunden ausgetauscht worden, um sie nicht zu überfordern. 

"Keine Hinweise auf Brandstiftung"

Wie es zu dem Brand kommen konnte, ist unklar - auch, warum die Opfer nichts von den Flammen bemerkten. Ob in dem Haus Feuermelder angebracht waren, konnte ein Polizeisprecher zunächst nicht sagen. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen, die Experten stehen aber noch ganz am Anfang. "Es gibt derzeit keine Hinweise auf Brandstiftung", so die Polizei.

Die Brandermittler sind auch am Nachmittag noch im Einsatz.

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Noch in der Nacht eilten Seelsorger nach Sandreuth. Die sogenannte Psychosoziale Notfallversorgung, kurz PSNV, betreut nicht nur die Angehörigen und Opfer, sondern auch die Einsatzkräfte. "Sofern sie das gerne möchten", sagt Schertel von der Nürnberger Berufsfeuerwehr. Insgesamt seien "bestimmt 150 Mann vor Ort gewesen", erklärt er. Dazu rund 60 Kräfte des Rettungsdienstes. Ein Großeinsatz, mitten in der Nacht. "Die Situation für die ersten, die hier eingetroffen sind, war dramatisch."

Viele Glutnester und jede Menge Arbeit

"Es hat mehrmals kleine Glutnester gegeben, die aufgeflammt sind, weil sich das Feuer auch auf versteckten Wegen durch das Haus gezogen hat", sagt Schertel über die Minuten, als die Retter gegen die Flammen kämpften. Immer wieder mussten Teile des Gebäudes geöffnet und abgelöscht werden. Gerade dort, wo die Flammen besonders stark wüteten, sei es derart heiß gewesen, dass der Putz von den Wänden platzte. Stundenlang sei man mit den Nachlöscharbeiten beschäftigt gewesen.

Nachbarn sagten der Deutschen Presse-Agentur, bei der toten Frau habe es sich um die Mutter der Kinder gehandelt. Die Behörden bestätigen das zunächst nicht. Stunden nach dem Brand bleiben viele Fragen offen. Fragen, die die Kriminalpolizei nun versucht zu beantworten. Mit weißen Schutzanzügen tasten sich die Experten in dem Gebäude voran. Sie schaufeln und sichern auch am Samstagnachmittag noch Brandgut. Die Arbeit für die Ermittler, das zeichnet sich ab, hat gerade erst begonnen. 

Tobi Lang Online-Redakteur E-Mail

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