Knapp fünf Jahre Haft

Fürther Klinikum: Ex-Personalchef veruntreute eine halbe Million Euro

20.7.2021, 14:46 Uhr
Interne Unternehmensregeln sollen sicherstellen, dass das Unternehmen integer und seriös am Markt agiert. Mangelnde Compliance am Klinikum Fürth machten den Betrug erst  möglich.

Interne Unternehmensregeln sollen sicherstellen, dass das Unternehmen integer und seriös am Markt agiert. Mangelnde Compliance am Klinikum Fürth machten den Betrug erst möglich. © Wolfgang Händel, NNZ

Als Personalchef des Fürther Klinikums stand ein Betriebswirt (45) weit oben auf der Karriereleiter – im August 2020 folgte sein tiefer Fall: Eine Gerichtsvollzieherin pfändete das Bargeld aus seinem Portemonnaie, griff auf seine Konten zu, verkaufte seinen Porsche Boxster und gab seinen Audi Q7 an die Leasingfirma zurück.

110.000 Schaden beglichen

Nun hat der Betriebswirt fast ein Jahr U-Haft hinter sich, die Strafhaft noch vor sich und hört im Landgericht Nürnberg-Fürth, dass seine teure Uhr und sein edler Füller noch versteigert werden. Sein Vermögen und seine Statussymbole fallen unter die Arrestbeschlüsse. Freiwillig gezeigte, tätige Reue ist dies nicht, doch begleicht dies 110.000 von 471.000 Euro veruntreutem Vermögen.

Die 18. Strafkammer erkennt auf 42 Fälle des Betrugs und verhängt vier Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe. "Sein Arbeitgeber hat es ihm einfach gemacht, eine wirkliche Innenrevision gab es nicht. Vier-Augen-Prinzip: Fehlanzeige", so Richter Cornelius Sello in der Urteilsbegründung.

Verdacht: Neumarkter Klinik ebenfalls geprellt

In seinem Schlussplädoyer hatte Staatsanwalt Markus Schönlau auch auf die Gier des Angeklagten verwiesen: Der Betriebswirt habe bereits Jahre vorher, als Personalchef, auch das Klinikum Neumarkt geprellt. Die Rede ist von etwa 352.000 Euro. Als er aufflog, schob er die Schuld einem Kollegen aus der Chefetage in die Schuhe und behauptete, dass er von diesem erpresst worden sei. Anhaltspunkte gibt es dafür nicht.

Seine Masche setzte der Mann in Fürth fort: Er hatte im Jahr 2015 die „Wintodo“ gegründet, eine Firma für Personaldienstleistungen. Seine Mutter, mittlerweile verstorben, damals 73 Jahre, setzte er als Geschäftsführerin ein.

Scheinrechnungen gestellt

Zwischen November 2018 und Juli 2020 stellte der Betriebswirt, der in Fürth 110.000 Euro brutto im Jahr verdiente, Scheinrechnungen im Namen der "Wintodo" aus. Als Personalchef bestellte, prüfte und bezahlte er diese Rechnungen – indem er einfach schriftliche Bitten um Überweisung, versehen mit seiner Unterschrift, in die Buchhaltung legte, so Richter Sello.

Der Bedarf des Mannes nach Geld und sein Wunsch nach Geltung beschränkte sich nicht auf Edelkarossen und luxuriöse Kugelschreiber. Im Jahr 2016 eröffnete er ein Café in Erlangen. "Auch dies sollte sein Ansehen steigern", so Strafverteidiger Jürgen Lubojanski. Der Betriebswirt habe sich über den zweiten Bildungsweg hochgearbeitet, am Ende berauschte er sich an seinem Erfolg.

Akribische Beweisaufnahme

Die akribisch geführte Beweisaufnahme - über Wochen hinweg wurden Zeugen gehört - ergab mangelnde und fehlende Kontrollmechanismen im Fürther Klinikum. Die Mitarbeiter, die hätten prüfen müssen, kannten teilweise noch nicht einmal die Vorschriften. Eine chronische Unterbesetzung von Stellen kommt hinzu und Verdachtsmomente gegenüber des Personalchefs wagte keiner zu äußern. "Eine Einstellung wie aus dem Kaiserreich", merkt Lubojanski an.

Fest steht: Die Strukturen im Klinikum machten den Schmu erst möglich. Doch, so betont Richter Cornelius Sello auch in der Urteilsbegründung, der Betrug wurde auch im Klinikum selbst aufgedeckt. Es war eine Mitarbeiterin des Klinikums, der im Sommer 2020 die üppigen Rechnungen der "Wintodo" für Marketing auffielen. Sie informierte einen Kollegen aus der Buchhaltung und spielte die Papiere einem Wirtschaftsprüfer des Bayerischen Kommunalen Prüfungsverbandes zu.

Die Verteidigung hatte zweieinhalb Jahre Freiheitsstrafe beantragt, der Staatsanwalt forderte fünfeinhalb Jahre Haft. Richter Cornelius Sello spricht von "hoher krimineller Energie" und "raffinierter Vorgehensweise". Die Unterschlagung sei auch nicht mit dem Wunsch des Angeklagten zu erklären, sich selbst für seinen engagierten Einsatz in der Arbeit zu belohnen. 4.900 Euro netto im Monat sei wirklich keine übermäßige Bezahlung. Doch in wirtschaftlicher Not habe sich der Mann nicht befunden - und eine weitere Frage wirft der Richter auch auf: Was hätte sich das Klinikum mit 471.000 Euro selbst leisten können?