Dienstag, 29.09.2020

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Fürther Kultbier Geismann ist zurück - aber nicht in Fürth

Tucher hat eine weitere Traditionsmarke wiederbelebt, davon hat der Fürther aber nichts - 20.07.2020 06:00 Uhr

Ein Schaufenster in der Berliner Kurfürstenstraße preist Geismann-Bier an. Das weiße „G“ im roten Dreieck lässt auf Fürther Brautradition schließen. Über allem weht die Bayern-Fahne.

© Foto: Thomas Wilfert


Es stimmt tatsächlich. Ein einzelner Mausklick katapultiert uns in die ruhmreiche Vergangenheit Fürther Bierhistorie. Und doch ist es die Gegenwart. Auf ihrer Internetseite bewirbt eine Getränkemarktkette Geismann-Bier. Zum Kauf. Im Hier und Heute. Dazu muss man wissen: In Fürth ging die letzte Halbe vor etwa fünf Jahrzehnten über den Tresen. Aber in Berlin, in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen, Brandenburg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein kann man sich offenbar jeden Tag ein kühles Geismann schmecken lassen. Hell, Weizen oder Export.

Dass es sich um eine andere Brauerei handelt, die zufällig genauso heißt, ist ausgeschlossen: Das Logo auf den Flaschen, ein stilisiertes "G" in einem roten Dreieck, umgeben vom bayerischen Rautenmuster, spricht eine eindeutige Sprache. Aber wie passt das alles zusammen? Geismann war doch mausetot?

Bei Tucher an der Stadtgrenze sollte man mehr darüber wissen. Die Brauerei, die in den vergangenen Jahren bereits die Fürther Biere Grüner und Humbser wiederbelebt hat, hält auch an Geismann Markenrechte. Ein Telefonat kommt leider nicht zustande. Er sei "terminlich stark eingebunden", lässt uns der Marketing-Verantwortliche wissen. Fragen daher bitte nur per Mail.

Was ist drin in diesen Flaschen?

Na gut. Schriftlich erfahren wir, dass die Kette "Getränke Hoffmann" aus Brandenburg auf Tucher zugekommen sei "mit dem Wunsch nach einem authentischen Bier von hier". Geismann werde deshalb "exklusiv für diesen Kunden gebraut und abgefüllt" – und zwar seit September 2017. Das überrascht. Seit fast drei Jahren gibt es wieder Geismann-Bier, und in Fürth weiß das fast niemand.

Bilderstrecke zum Thema

Die "großen Fünf" aus Fürth: Die lange Brautradition der Kleeblattstadt

Im Jahr 2016 feierte das Reinheitsgebot 500-jähriges Jubiläum. Laut dem Gebot, das am 23. April 1516 erlassen wurde, soll Bier nur Hopfen, Malz und Wasser enthalten. Grund: In das damalige Grundnahrungsmittel gelangten oft auch andere Stoffe, beispielsweise giftige oder berauschende Pflanzen wie Pilze und Tollkirschen. Auch der Standort Fürth glänzte lange Zeit mit großen Brauereien. Zu den "großen Fünf" zählten seit Mitte des 19. Jahrhunderts Geismann, Grüner, Humbser, Bergbräu und Evora.


Stellt sich die Frage: Was ist drin in diesen Flaschen? Bier wie in den 1960er Jahren, als Geismann noch eine eigenständige Brauerei war, kann es nicht sein. Ex-Tucher-Chef Fred Höfler hatte schon vor Jahren in einem FN-Interview gesagt, die alten Rezepte gebe es nicht mehr. Also ein ganz neues Bier? Oder womöglich ein Altbekanntes mit einem neuen Etikett?

Dazu teilt Tucher mit: Seit den 60ern habe sich unter anderem die Brautechnik geändert, weshalb die Geismann-Biere ohnehin nur angelehnt sein könnten "an alte Rezepturen für Pilsener, Helles und Export". Und weiter: "Die Geismann-Biere werden von uns mit spezifischen Rohstoffen und nach individuellen Rezepturen gebraut, so dass sie sich hinsichtlich Geruch, Aussehen und Geschmack von unseren anderen Biermarken unterscheiden." Und warum gibt es Geismann nicht in Fürth? Weil es in Franken keine Getränke-Hoffmann-Filiale gibt. So einfach ist das.

Auf ihrer Internetpräsenz widmet die Getränkemarktkette dem Geismann-Bier eine komplette Unterseite. "Die Rückkehr der Kultmarke", steht dort in großen Lettern, "mehr als 250 Jahre lang war die Geismann Brauerei aus der lebendigen fränkischen Bierlandschaft nicht wegzudenken. Jetzt kehrt die Kultmarke zurück. Drei leckere Sorten im schicken Design der 1960er-Jahre, die Sie im 20er-Kasten mit 0,5-Liter-Flaschen erhalten."

Wir rufen bei Getränke Hoffmann an, Vorwahl 033708. Die Zentrale steht in Groß Kienitz, einem Ortsteil der Gemeinde Blankenfelde-Mahlow südlich von Berlin. In der Warteschleife singt eine Frauenstimme mit Inbrunst "Bier, Wasser, Saft und Wein kaufen wir bei Hoffmann ein." Doch auch in Groß Kienitz heißt es schnell: Fragen bitte nur per Mail.

Wir sind geduldig. Die Vorab-Recherche ergibt: Getränke Hoffmann ist ein Gigant mit 460 Filialen in sieben Bundesländern. Überall kann man Geismann kaufen. Am Abend gibt es Antworten auf unsere Fragen. Wie gut kommt es denn beim Kunden an?, wollten wir wissen. "In Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen ist das helle Vollbier sehr beliebt, gefolgt von den Sorten Weißbier und Edel Export." In Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz gehöre es hingegen erst seit Anfang 2019 zum Sortiment. "Hier ist es noch nicht so gefestigt wie in den anderen Regionen, findet aber dennoch Resonanz."

Es ist ein tiefer Stich ins Herz des Lokalpatrioten. Das alles fühlt sich an, als sei das eigene Kind grußlos in die Fremde gezogen, und weil es sich nicht bei den Eltern meldet, holt man notgedrungen und ein bisschen verzweifelt Erkundigungen ein: Wie geht’s dem Bub, da wo er ist, wie schlägt er sich denn so? Auf jeden Fall verkauft er sich nicht unter Wert. Alle drei Geismann-Sorten sind für 17,99 Euro der Kasten zu haben. Ohne Pfand.

Ein Transparent weist 1953 auf das Starkbierfest im Geismannsaal hin, wo der Doppelbock „Poculator“ in Strömen fließt.

© Foto: VNP/Fritz Wolkenstörfer


Ein weiterer Anruf darf bei diesem Thema nicht fehlen. Am Telefon: Felix Geismann, in Fürth lebender Spross der einstigen Brauerei-Dynastie und offenbar einer der wenigen Einheimischen, die von der Rückkehr wissen. "Schau amol." Mit diesen Worten schickte ihm ziemlich schnell irgendwer einen Hinweis auf das neue Bier, das seinen Namen trägt.

"Glattgespültes Marketing"

Geismann über Geismann: "Eine glattgespülte Marketing-Nummer." Mit Fürther Bierhistorie habe das nichts zu tun. Ein Weizen habe Geismann nie gebraut. Berühmt war die Brauerei für ihr Helles, das angeblich erste bayerische Pils und natürlich: den Poculator, einen Doppelbock, der beim Starkbierfest im legendären Fürther Geismannsaal in Strömen floss. Noch heute biete Tucher den Poculator an, allerdings unter der Marke Kloster Scheyern. "Bizarr", findet Geismann. "Tucher verschenkt hier viel Potenzial." Er habe so einen Verdacht, sagt er, warum die Brauerei das alte Geismann neu aufgelegt hat: "Da will jemand das Markenrecht warmhalten." Probiert hat er das neue Geismann bislang nicht. "Da kam’s noch nicht dazu."

Zurück zur Internetseite von Getränke Hoffmann. Illustriert wird das Geismann-Bier dort mit drei Flaschen und einem Maßkrug vor dem pittoresken Panorama eines Bergsees. "Bier aus Bayern" steht auf dem Plakat. So was denkt man sich in Groß Kienitz, Gemeinde Blankenfelde-Mahlow aus.

Der Fürther schmunzelt, weil er weiß: Um in einen See wie diesen zu hechten, müsste er ein paar Stunden mit dem Auto fahren. Eine ähnlich lange Strecke hätte er vor sich, um eine Flasche Geismann, ein einst großes Fürther Bier, zu kaufen. Von daher passt das schon auch irgendwie mit diesem Bergsee.


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