11°

Samstag, 19.10.2019

|

Ganzheit des Daseins

Frauen sind anders krank als Männer – Energiefluss harmonisieren - 03.06.2019 10:02 Uhr

Das gemeinsame Interesse an der traditionellen chinesischen Medizin bringt Menschen verschiedener Kulturen zusammen. © sis


Von der Organdurchblutung über die Dicke der Haut bis zum Immunsystem sind Frauen und Männer anders. Mit der Frauen- und Männerheilkunde beschäftigt sich der 50. internationale Kongress für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in Rothenburg seit vergangenem Dienstag bis einschließlich heute. In mehr als 150 Vorträgen, Seminaren und Kursen referieren Experten zum internationalen Austausch. Auch Atem-, Bewegungungs- und Meditationsübungen zur Kultivierung von Körper und Geist gehören zum Programm, ebenso Kalligraphie und Schriftkunst, aber auch Klangkonzerte. Darunter Davide Zavatti mit seinem Cello im Zusammenspiel mit Anne Baumgart und ihrer Klangschalenmusik.

Zwischen den Veranstaltungsorten Reichsstadthalle, Wildbad, Mehrzweckhalle und dem Hotel "Eisenhut" pendelt ein Bus. Die Entfernungen sind auch fußläufig gut erreichbar. Alles ist überschaubar und liegt nah bei­einander – mit viel Natur rundherum. Bei dem fünftägigen Kongress wird ein breites Spektrum an Themen behandelt: Menstruationsstörungen, Ausfluss und-Infektionen, unerfüllter Kinderwunsch, Wechseljahre, Fehlbildungen, Verletzungen und Erkrankungen der Geschlechtsorgane.

Nach chinesischer Vorstellung ist bei jeder Erkrankung der Fluss der Lebensenergie, auch Qi genannt, im Ungleichgewicht. In der Therapie gilt es, diesen Fluss wieder zu harmonisieren, um körpereigene Abwehr und Selbstheilung zu stärken. Die traditionelle chinesische Medizin, die mit gut 4000 Jahren wesentlich älter ist als die westliche Schulmedizin, sieht und behandelt den Menschen in seiner Gesamtheit. Ist also aus Sicht der TCM der sogenannte Nierenfunktionskreis gestört, was sich zum Beispiel an einer Prostatavergrößerung oder auch Entzündung zeigt, versucht man nicht nur das erkrankte Körperteil, sondern den Mensch wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

In der Schulmedizin spielen Hormonwerte, Laborwerte, Ergebnisse von Ultraschalluntersuchung eine große Rolle. Die TCM baut auf den fünf Säulen Akupunktur, Arzneimitteltherapie, Qigong, Tuina (eine spezielle Massagetherapie) und Ernährung auf. Es geht um den Zustand des Qi, des Blutes, der Essenzen, des Ying und Yang.

Die Organfunktion von Milz, Lunge, Niere und Leber wird beurteilt. Wie Spieler in einer Mannschaft haben sie verschiedene Aufgaben und müssen diese gut erledigen, damit der gesamte Organismus optimal funktioniert. Bei der Akupunktur werden bestimmte Punkte im menschlichen Körper mit Nadeln stimuliert, um die Lebensenergie, das Qi, positiv zu beeinflussen.

Neben individuellen Punkten gibt es bei Prostatapatienten einen Punkt an der Fußsohle, den man selbstständig mit den Fingern drücken kann. Er sitzt etwa in der Mitte der Fußsohle neben dem Ballen des großen Zehs. Eine einfache Methode, diesen Punkt zu treffen, ist die Massage mit Hilfe eines Igelballes oder einer Igelrolle. Bei Prostataproblemen, egal ob Vergrößerung oder Entzündung, kann eine Ernährungsumstellung sinnvoll sein: weniger rotes Fleisch, dafür mehr Gemüse. Kürbiskerne enthalten sogenannte Phytosterole, die ähnlich wie Hormone wirken. Wie sich in Laborversuchen gezeigt hat, hemmen diese Stoffe die Bildung von Dihydrotestosteron, was vermutlich bei der gutartigen Pros­tatavergrößerung eine wichtige Rolle spielt.

Hauptursachen bei Männerbeschwerden sind ein Stau von Blut und Energie (Qi), eine geschwächte Verdauung mit Schleimansammlung und daraus resultierende Hitze. Oft ist Energie- (Qi) oder Yang (Wärme)-Schwäche ebenfalls ein großes Thema. Da in der TCM immer ausgleichend gearbeitet wird geht es in erster Linie um die Harmonisierung des Inneren Zustandes. Sprich das Auflösen des Blut- und Energiestaus sowie das Ausleiten von Schleim. Hitze in Form von Entzündungen, Unruhezuständen sowie möglicherweise Bluthochdruck müssen harmonisiert werden. Auch strukturelle (Spermien) und funktionelle (Spermienbeweglichkeit) Defizite gilt es auszugleichen. Puls- und Zungendiagnose helfen dabei, die unharmonischen Zustände aufzudecken. Die Diagnose ist die Basis der Behandlung und entscheidend für den Erfolg. Je länger Beschwerden vorhanden sind, desto länger dauert die Behandlung.

Impotenz und Libidostörungen können emotionale, psychologische Ursachen haben, aber auch körperliche und funktionale Gründe. Meist liegt eine Kombination aus allem vor. Stress und Überarbeitung, eine angespannte Atmosphäre können zur inneren Anspannung führen und die Energie der Fortpflanzungsorgane blockieren.

In der fruchtbaren Zeit des Lebens verlieren Frauen jeden Monat Blut. Im Lebensalter der Wechseljahre sinkt der Hormonspiegel oder wird instabiler. Das führt seelisch zu Dünnhäutigkeit und geringerer Toleranz gegenüber Dingen und Umständen, die früher gut toleriert wurden. Diese Achterbahn der Gefühle kann unangenehm sein, aber gleichzeitig bietet diese Phase eine Chance, Unverarbeitetes aus der Vergangenheit und falsche Kompromisse zu kompensieren.

In der chinesischen Medizin werden die Phasen eines Menschenlebens den fünf Elementen zugeordnet. In der Kindheit ist man in der Holzphase, eine Zeit, die von Wachstum und Eroberung geprägt ist. Die Pubertät und frühe Jugend ist vom Feuerelement geprägt. Im reifen Erwachsenenalter wird man vom Erd­element beinflusst, hier bekommen Themen wie Hausbau und Kinderkriegen mehr Raum.

Im Lebensalter der Wechseljahre ist das Metallelement vorherrschend. Altes steht auf dem Prüfstand und wird neu bewertet. Immer mehr wird einem bewusst, das Leben ist endlich und dadurch kostbar. Man möchte es nicht mehr mit Belanglosigkeiten verschwenden, damit die eigene Bestimmung erkannt und gelebt werden kann.

sis

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Rothenburg