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Samstag, 28.11.2020

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Giffey und die Plagiatsvorwürfe: Was bringt ein Doktortitel?

Der Rother Soziologe Dr. Thomas Dörfler erklärt die Sachlage - 21.11.2020 06:00 Uhr

Gibt ihren Doktortitel nun freiwillig ab: Familienministerin Franziska Giffey von der SPD. 

20.11.2020 © Michael Kappeler, NN


Weniger als 1,5 Prozent der Deutschen haben einen. Damit ist der Doktortitel hierzulande seltenes Gut. Trotzdem will Franziska Giffey auf ihn verzichten. Weil die Familienministerin für ihre Doktorarbeit abgeschrieben haben soll, drängte sie selber auf eine erneute Prüfung der Dissertation durch die Freie Universität (FU) Berlin – und hat nun prompt eine Rüge von dort erhalten. Jetzt wird nochmal geprüft. Aber warum werden Doktortitel überhaupt vergeben, wenn die zugehörigen Arbeiten eklatante Mängel aufweisen? Wir hakten nach beim Soziologen Dr. Thomas Dörfler, einem gebürtigen Rother, der von 2017 bis 2019 an der FU Berlin lehrte.

Mal ganz plump gefragt, Herr Dr. Dörfler: Was – außer Ärger – bringt der Erwerb eines Doktortitels?

Er bringt nur denen Ärger, die ihn durch Fälschung erlangen wollen und dabei auffliegen. In manchen Arbeitsfeldern führt er sicher Status mit sich. Oft geht auch ein höheres Einkommen mit dem Titel einher. Und dann ist er natürlich Voraussetzung für eine Uni-Laufbahn. In erster Linie geht es beim Schreiben einer Doktorarbeit aber immer darum, neue wissenschaftliche Erkenntisse zutage zu fördern.


Familienministerin Giffey verzichtet auf Doktortitel


Neun Jahre ist es her, seit wir beide an dieser Stelle ein Gespräch über ihn führten: Karl-Theodor zu Guttenberg. Der hat für seine Doktorarbeit abgeschrieben, unzulässige Quellen benutzt und musste letztlich seinen Hut als Bundesverteidigungsminister nehmen. Danach ploppten Vorwürfe gegen Bildungsministerin Schavan auf, die ebenfalls zurücktrat und jetzt läuft Franziska Giffeys Überprüfung. Kann man die Fälle denn vergleichen?

Dr. Thomas Dörfler wurde 1972 in Roth geboren, wuchs in Büchenbach auf, studierte Soziologie und Geographie in Erlangen, promovierte in Bayreuth und lehrte unter anderem an der Freien Universität Berlin. Derzeit ist er Forschungskoordinator des Projekts „Reallabor Vereinskulturnetz 2.0“ an der Universität Bayreuth.

20.11.2020 © Privat


Natürlich: Allen ist der fahrlässige, ja sogar absichtsvoll falsche Umgang mit Quellen, Zitaten und wissenschaftlichen Ergebnissen anderer zu eigen. Der Unterschied: Guttenberg ‚komponierte‘ fast die ganze Arbeit im Sinne eines postmodernen Song-Samplings, Schavans Dissertation scheint einfach schlecht und ungenau erstellt, während Giffeys Doktorarbeit auf mich wirkt wie die Pflichtübung einer Kandidatin, die kein Interesse an eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen hatte, sondern lediglich am Titel.

Den sie jetzt ja abgeben würde.

Man kann einen Titel aber nicht führen oder hergeben, wie es einem gefällt. Er wurde zuerkannt, also kann er auch nur durch die auszeichnende Institution wieder aberkannt werden. Ich denke, Frau Giffey kommt aus dieser Nummer nicht mehr raus. Auch nicht, wenn dieselben Genossen, die sich bei Guttenberg extrem aufgeregt hatten, jetzt eng an ihre Seite stehen und das Ganze herunterspielen. Ein klarer Fall von Doppelmoral!

Aber können Zitierfehler und mangelhafte Quellenangaben nicht jedem passieren?

Im Prinzip schon. Darum bieten wir in den Studiengängen „Bachelor“ und „Master“ viele Seminare zum wissenschaftlichen Arbeiten an. Wer das von der Pike auf lernt, sollte am Ende in der Lage sein, eine Abschlussarbeit schreiben zu können – und dann vor allem auch eine Doktorarbeit. In den Fällen, die wir gerade wieder vor Augen haben, geht es aber um Täuschungsabsichten, also Betrug. Da ist gar nicht erst angestrebt worden, korrekt zu arbeiten.

Wie kann’s überhaupt sein, dass eine Doktorarbeit zuerst durchgeht und später als unzulänglich gilt?

Na ja, Kommissionen bestehen auch nur aus Menschen. Es kommt nicht selten vor, dass die Doktorväter – bei Franziska Giffey war es eine Doktormutter – ihren Kandidaten wohlgesonnen sind. Sonst würde man ja nicht bei ihm oder ihr schreiben. Menschlich verständlich, das lässt aber die kritischen Maßstäbe sinken.

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Zum anderen nimmt sich kaum jemand Zeit, die Arbeiten exakt zu prüfen. Man verfährt nach dem Motto: „Wird schon passen“ – die 300 Seiten scheinen sinnvoll zusammengeschrieben worden zu sein und man konzentriert sich ganz auf den Inhalt. Dann gibt es aber auch richtig schlaue Täuschungen, die nicht so leicht auffallen. Sie erfordern eine wirklich eingehende Prüfung, die natürlich schon im ersten Durchgang passieren müsste.

Bräuchte es also mehr Korrektive an den Unis?

Schwierig. Im Prinzip ist die Kommission, vor der ein Doktorand seine Arbeit verteidigen muss, ja schon so ein Korrektiv. Ein zweites, nachträglich eingesetztes Gremium scheitert meiner Ansicht nach an der zeitlichen Überlastung der Dozenten. Man könnte aber eine technisch unterstütze Überprüfung mittels Plagiatsprüfungssoftware an Dritte auslagern und bezahlen. Die müssen ja nicht immer richtig liegen, aber bei Hinweisen auf mögliche Fälschungen kann man dann genauer hinschauen.

Als Politikerin macht die Familienministerin keine schlechte Figur. Vor diesem Hintergrund: Wird das mit dem Doktortitel nicht ein bisschen hoch gehängt?

Nein, denn gerade in diesem Fall finde ich die politische Dimension besorgniserregend: Giffey will Ende November Spitzenkandidatin für die Bürgermeisterwahl in Berlin werden. Damit wäre sie gewissermaßen auch oberste Schirmherrin für die Wissenschaften. Das wäre ein äußerst fatales Signal! Deswegen will die FU Berlin ja auch jeden Verdacht ausräumen.

Wie müsste es jetzt Ihrer Meinung nach in der Causa Giffey weitergehen?

Abwarten. Aber der neue Prüfbericht wird, ohne hier Prophet spielen zu wollen, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit darauf hinauslaufen, dass die Arbeit fehlerhaft ist. Ein Rücktritt wäre dann aus meiner Sicht unvermeidlich, um Schaden vom politischen Amt und Mandat abzuwenden. Denn man kann nicht von anderen Standards einfordern, die man selber bricht.

Petra Bittner

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