Gift für die Gesellschaft: Soziologin rechnet mit Homeoffice ab

25.1.2021, 09:05 Uhr
Die Belastung von Homeoffice und dem Betreuen der Kinder zuhause tragen häufig Frauen. 

Die Belastung von Homeoffice und dem Betreuen der Kinder zuhause tragen häufig Frauen.  © Mascha Brichta, NNZ

Kürzlich kämpfte sie zusammen mit der Schauspielerin Maria Furtwängler, der früheren Siemens-Personalchefin Janina Kugel und anderen Frauen unter dem Hashtag #ichwill für die Quote in den Vorständen von Dax-Konzernen - erfolgreich: Jutta Allmendinger (64) engagiert sich für mehr Gleichberechtigung - auch in ihrem neuen Buch "Es geht nur gemeinsam. Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen" (Ullstein). Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Von 2003 bis 2007 leitete sie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung(IAB), die Denkfabrik der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit. Wir sprachen mit ihr über ihren kritischen Blick auf unseren Umgang mit der Pandemie - und über ihre Abneigung gegen zu viel Homeoffice.



Frau Allmendinger, wo arbeiten Sie momentan? Im Homeoffice oder im Büro?

Von Homeoffice hält die Soziologin Jutta Allmendinger wenig. 

Von Homeoffice hält die Soziologin Jutta Allmendinger wenig.  © Jürgen Heinrich via www.imago-images.de, NNZ

Jutta Allmendinger: Sowohl als auch. Wenn es machbar ist, arbeite ich sehr gerne im Büro, weil ich auch den Eindruck habe, dass es gut ist, wenn die Chefin vor Ort ist.

Momentan fordern fast alle: So viel Homeoffice wie möglich. Gerade wurde ja auch eine entsprechende Verordnung des Bundesarbeitsministeriums erlassen. Sie sehen das auch in Ihrem neuen Buch sehr kritisch. Warum?

Das kommt auf die individuelle Situation und Ausstattung an. Es gibt Menschen, die zu Hause keinen eigenen Schreibtisch haben und keinen ruhigen Ort zum Arbeiten; die sich im Homeoffice auch um kleine Kinder kümmern müssen. Bei diesen Fällen sehe ich es als meine Verpflichtung an, ihnen unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen, und soweit es die Platzsituation erlaubt, die Arbeit in einem Einzelbüro hier am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) zu ermöglichen. Das ist mir wichtig. Gerade in der Wissenschaft, gerade bei Frauen geraten in der Pandemie viele Karrieren ins Stocken oder brechen ganz ab. Mütter, die eigentlich Professorinnen werden wollten, gehen in andere Einrichtungen, wo sie unbefristete Stellen bekommen – weil sie sehen, sie können sich im Homeoffice durch die Doppelbelastung mit der Familie nicht intensiv genug auf ihre wissenschaftliche Arbeit konzentrieren.

Das sind Ihre pandemie-bedingten Bedenken zum Homeoffice. Sie möchten aber auch nicht, dass die Wohnung nach Corona zum Dauer-Arbeitsplatz wird, oder?

Ja, ich stimme nicht in die Lobgesänge ein, dass das Homeoffice die Arbeitsform der Zukunft ist. Es gibt eine Menge Probleme mit dieser Form des Arbeitens. Denn Homeoffice, zumindest in Deutschland, hat immer auch ein Geschlecht. Wenn wir schauen, warum Männer mobiles Arbeiten wünschen, so hat das selten mit der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun, sondern mit mehr Flexibilität. Frauen dagegen setzen vor gerade auf die höhere Vereinbarkeit. Und das kostet sie mehr Zeit – der „Gender-Care-Gap“ weitet sich aus.

Ich sehe auch insgesamt nicht, dass Homeoffice irgendetwas heilt, was die Ungleichheit von Männern und Frauen betrifft, mit Blick auf Bezahlung, soziale Absicherung im Alter etc. Homeoffice führt auch dazu, dass Frauen weniger sichtbar sind vor Ort, in den Betrieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frauen nun, in Zeiten von Homeoffice, leichter in Führungspositionen kommen. In unserer Arbeitskultur ist dafür nötig, dass sie sichtbar und präsent sind. Dafür, dass sie sich außerhalb der Familie einen öffentlichen Raum erschließen, dafür haben Frauen schließlich jahrzehntelang gekämpft.

Was bedeutet mehr und dauerhaftes Homeoffice für die Gesellschaft?

Unter den beschriebenen Voraussetzungen: nichts Gutes. Im Homeoffice fehlt das elementar wichtige Schmiermittel der Begegnungen mit anderen, auch mit einem gänzlich Unbekannten. Nicht umsonst antworten 50 Prozent der Menschen auf die Frage, ob sie denn auch arbeiten gehen würden, wenn sie das Einkommen gar nicht bräuchten, mit „Ja“. Und wenn wir dann fragen, warum, dann kommt immer wieder die Antwort: Das bringt uns mit anderen Menschen zusammen, das holt uns aus dem rein Familiären heraus.

Genau diese Haltung braucht eine Gesellschaft. Das heißt nicht, dass alle wieder und immer vor Ort zu arbeiten haben. Wir brauchen da eine intensive gesellschaftliche Diskussion. Die vermisse ich. Wir müssen auch darüber reden, wohin die neue Spaltung des Arbeitsmarkts führt. Die Spaltung in diejenigen, die vor Ort arbeiten müssen – also jene im produzierenden Gewerbe, in der Pflege, im Einzelhandel und so weiter –, und diejenigen, die Zuhause arbeiten können und deshalb eher privilegiert sind.

Also: Homeoffice nur dort, wo es wirklich passt und auch entsprechend ausgestattet ist?

Genau. Und dann bitte mit einer ordentlichen gesellschaftlichen Diskussion darüber, welche Arbeitskultur wir haben möchten, wo Präsenz weiterhin wichtig wäre, damit uns das Miteinander nicht verloren geht. Dass wir uns aneinander reiben, dass wir streiten, miteinander um beste Lösungen kämpfen – das geht nun mal über Zoom nicht wirklich gut. Man kann sich ja nicht mal in die Augen sehen.

Ist das Home-Office auch ein Teil dieser „entsetzlichen Re-Traditionalisierung“, von der Sie 2020 gesprochen haben?

Ja, weil man vor knapp einem Jahr, also schon beim ersten Lockdown, die Schicksale von jungen Eltern und Familien vollkommen übersehen hat. In anderen Ländern hatte man das mehr im Blick: Was bedeutet es, wenn die Kinder nicht mehr in die Schule gehen? Dass es dann neben der Arbeit auch Betreuung braucht, das wurde nie richtig diskutiert. Da saßen auch zu wenige Frauen in den entscheidenden Kommissionen und solche Themen gerieten dann ins Hintertreffen.

Welche Belege für die Re-Traditionalisierung sehen Sie?

Frauen konnten in den vergangenen Jahrzehnten vor allem deshalb berufstätig werden, weil die Betreuungsmöglichkeiten von Seiten des Staats deutlich ausgeweitet wurden – in Kitas, Krippen und so weiter. Wenn all das nun im Lockdown als erstes und noch dazu ohne jegliche Diskussion zurückgezogen wird, ohne den notwendigen massiven Ausbau der Digitalisierung – dann zeigt das, dass wir durchaus schon mal weiter waren. Und wir sehen einen für viele offenbar selbstverständlichen Rückfall in alte Zeiten. Das führe ich in meinem neuen Buch umfassend aus.

Glauben Sie, dass dieser Rückschritt wieder aufzuholen sein wird?

Was mich ermutigt hat bei vielen Reaktionen auf meine Re-Traditionalisierungs-These: Viele Männer sagten, dass sie doch auch draußen auf den Spielplätzen mit ihren Kindern seien, sich also kümmerten. Das finde ich cool, wenn Väter das auch als ihre Aufgabe sehen. Dennoch: Das ist nur ein erster Schritt. Die Mental Load bei Frauen nimmt stark zu in der Pandemie. Die Aufgaben müssen partnerschaftlich aufgeteilt werden. Das wird noch lange dauern, fürchte ich. Denn ich beobachte, dass über dieses Thema kaum mehr geredet wird.

Auch das Beifallklatschen auf den Balkonen war offenbar eine einmalige Aktion ohne Folgen: Wirkliche, handfeste Verbesserungen für systemrelevante Berufe sind kaum zu sehen.

Ja, leider. Das spielt keine Rolle in Tarifverhandlungen. Da müsste man doch überlegen, wie man diese Tätigkeiten anders bewerten kann. Die Lobeshymnen aufs Homeoffice verstärken meine Zweifel. Und beim Blick auf die Kommissionen, die unsere Regierung beraten, sieht man, wer alles nicht dabei ist: keine Pädagogin, keine Psychologin, keine Experten für Kinder. Oder blicken wir auf das, was mit den Schulen passiert: Ich weiß nicht, warum es vernünftig sein soll, ausgerechnet diejenigen Schulklassen in Präsenz zu unterrichten, die den Erwachsenen am ähnlichsten sind – nämlich die obersten Klassen, während die Schulanfänger, die Präsenz-Unterricht dringend brauchen, daheim bleiben müssen.

Was ändert sich durch Corona? Am Anfang gab es viele Hoffnungen, dass wir danach eine bessere, nachhaltigere Gesellschaft haben. Glauben Sie das?

Wir haben in den Monaten der Teilöffnung zu wenig gemacht und zu viel verpennt, gerade beim Thema Schulen und Unterricht. Corona ist ein Brennglas, aber ich glaube nicht, dass es wirklich Entscheidendes verändert etwa bei der schon erwähnten Eingruppierung von Berufen. Was die Pandemie dagegen gebracht hat: einen gewaltigen Schub bei der Akzeptanz von digitalen Techniken, aber auch digitalen Hilfen – Stichwort Pflegeroboter. Daran könnte man anknüpfen.

Wie beurteilen Sie die Corona-Politik? Man hat oft den Eindruck, die Regierenden behandeln die Bürger wie brave oder böse Kinder, mit Lob und Tadel…

Wir haben eine pandemische Situation, keine Frage. Ich bin immer noch heilfroh, dass wir eine Bundeskanzlerin haben, die Wissenschaft versteht, die sich beraten lässt – das erlebe ich als einen wahren Schatz. Die meisten Bürgerinnen und Bürger stimmen den Maßnahmen ja auch zu. Was ich mir jetzt vorstellen könnte: eine breitere Diskussion über diese Maßnahmen. Welche Einrichtungen schließt man, welche bleiben offen? Da sind die Menschen zu wenig beteiligt. Es müsste auch mehr erklärt werden, wir brauchen dringend eine bessere Kommunikation.

Wie sollte die aussehen, welche Inhalte sollte sie haben?

Was ich nicht verstehe ist: Warum wird nicht stärker darüber nachgedacht, wie man den Menschen Mut machen kann oder ihnen wieder mehr Freude ins Herz gibt? Beispielsweise, indem man ihnen ein wenig Zeit schenkt. Ideen gibt es: Die vielen freien Hotels bieten so viel Raum – Raum, der den Kindern in den Schulen oft fehlt. Kann man das zusammenbringen und so die Kinder, die Lehrer und auch Eltern entlasten? Wir brauchen hier mehr Phantasie; und um es technisch auszudrücken: mehr soziale Innovationen. Im Land der Dichter und Denker muss das doch möglich sein. Dann sehen wir bald auch das Licht am Ende des Tunnels.

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