Gigantisch! Das größte Bergwerk Bayerns steht in Franken

30.8.2018, 05:55 Uhr
22 Bohrlöcher pro Sieben-Meter-Abschnitt werden benötigt, um das Gestein mit Sprengstoff zu zertrümmern.

22 Bohrlöcher pro Sieben-Meter-Abschnitt werden benötigt, um das Gestein mit Sprengstoff zu zertrümmern. © Stefan Hippel

"Wo hab’ ich jetzt nochmal das Auto abgestellt?", fragt Franz-Peter Ruhl, im Anhydritbergwerk in Hüttenheim für Sicherheit und Produktion zuständig, schaut suchend um sich - und lässt uns kurz erschaudern. Um uns herum ist vollkommene Dunkelheit. Nur unsere Stirnlampen verhindern, dass wir hier sogar vergessen, wo unten und oben ist.

Drei Kilometer sind wir kreuz und quer durch ein verwirrendes Tunnelsystem gekurvt, bis wir dort angekommen sind, wo heute Abend das nächste Mal Anhydrit aus dem Bauch des Berges gesprengt wird. 150 Meter über unseren Köpfen befindet sich das Paradies, wie die Rebfläche am Bullenheimer Berg heißt, hier unten herrscht dagegen Endzeitstimmung.

Ingesamt 180 Kilometer Gänge

So viel feiner Staub wirbelt durch die Luft, dass schon nach wenigen Minuten die Zunge am Gaumen pappt. Vier Meter hoch sind die Gänge, die sich zu einer Gesamtstrecke von etwa 180 Kilometern addieren - dem größten Bergwerk Bayerns.

Hier unten gibt es nur eine Farbe: Grau. Grau sind die Wände, grau ist der Boden, grau sind auch schon bald die Fahrzeuge und Maschinen.
"Ich möchte nirgendwo sonst arbeiten. Hier unten vergeht die Zeit viel schneller als draußen", meint Ruhl trotz der apokalyptischen Umgebung. Jeder habe gut zu tun unter Tage, da werde es nicht langweilig, betont der 62-Jährige.

Seine Frage nach dem Auto war natürlich ein Scherz. Zum Glück. Denn ohne ihn wären wir hier unten hoffnungslos verloren. Wie ein riesengroßer Irrgarten zieht sich das Abbaugebiet unter dem Tannenberg und dem Bullenheimer Berg dahin. Gewaltige, zehn Meter lange und sechs Meter breite, graue Gesteinpfeiler wechseln sich ab mit sieben Meter breiten Durchfahrten, aus denen das Anhydrit bereits abgebaut wurde. "Die Pfeiler werden stehengelassen, um die Grube stabil zu halten", erklärt Ruhl.

Der ganze Berg fällt einem ohnehin nicht gleich auf den Kopf. Das Gestein ist in Schichten angeordnet. Damit nicht irgendwann die zehn Zentimeter dicke Schicht an der Decke herunterkracht, sind dort Spreizanker montiert. "Sie können 23 Tonnen oben halten", verdeutlicht Ruhl.

Infernalischer Lärm dröhnt durch die Gänge

Ein wahrlich infernalischer Lärm dröhnt durch die unterirdischen Gänge. „Der Schall kann ja nicht aus“, erklärt Ruhl. Schon wenn eines der gewaltigen Arbeitsfahrzeuge noch einige hundert Meter entfernt ist, scheppert es so kräftig, dass man glaubt, der gesamte Berg würde gleich einstürzen.

320 PS haben die Zugmaschinen unter der Haube, 25 bis 30 Tonnen Gestein passen auf die Anhänger, die mit ohrenbetäubendem Donner von einem 240-PS-Radlader befüllt werden. Die mächtigen Maschinen können hier genutzt werden, weil man in die Grube ebenerdig hineinfährt. Auf den verwinkelten Wegen unter Tage bleiben wir immer auf demselben Höhenniveau, nur das Gelände über uns erhebt sich immer weiter, bis wir schließlich 150 Meter unter der Oberfläche stehen.

Recht unscheinbar ist die Einfahrt neben dem Werk, und doch ist sie das Tor zu einer schier endlosen unterirdischen Welt. Beleuchtet ist nichts in dieser Welt. Nur die Strahler der Fahrzeuge und unsere Stirnlampen erhellen das apokalyptische Szenario.

Mit Sprengstoff in Steinhaufen verwandelt

Mit einem Lärm, der nicht nur das Gestein, sondern auch das Trommelfell fast durchdringt, bohrt eine Maschine auf einem sieben Meter breiten Abschnitt 22 Löcher, die jeweils vier Meter in die Wand hineinreichen.
Am abendlichen Schichtende wird dieser Abschnitt zusammen mit sechs weiteren mit Sprengstoff in einen Steinhaufen verwandelt.

Wenn sich am nächsten Morgen der Staub gelegt hat, wird das Anhydrit herausgeräumt - nach einem großen Feuerwerk riecht es dann aber immer noch in dem Bergwerk.

Unter Tage werden die Gesteinsbrocken in einen Brecher geschüttet, der das Anhydrit auf höchstens sechs Zentimeter verkleinert, bis zu 180 Tonnen pro Stunde. Auf einem Förderband gelangt das Gestein nach draußen und ins Werk nebenan.

Wie Schweizer Käse

Unter Tage gibt es auch einen Pausenraum für die Mitarbeiter und eine in den Fels gesprengte Werkstatt, in der die Maschinen gewartet werden. Wie Schweizer Käse sehen die Wände ringsum aus. Wenn der Sprenglochbohrer repariert wird, wird er natürlich gleich vor Ort ausprobiert.

Mittlerweile sind die Fahrzeuge aber so groß geworden, dass nicht mehr alle voll in die Werkstatt einfahren können. Ab dem kommenden Jahr werden die Reparaturen deshalb an der Oberfläche durchgeführt.

Drei Stunden verloren in der Dunkelheit

Richtig froh, wieder an der Oberfläche zu sein, war auch Franz-Peter Ruhl einmal. Als er allein in der Grube unterwegs war, fiel seine Stirnlampe, die sonst zunächst auf eine Stufe dunkler schaltet und so genug Reaktionszeit gibt, plötzlich komplett aus.

"Es war stockdunkel um mich herum. Ich wusste genau, wo ich mich befinde und habe versucht, mich herauszutasten. Aber keine Chance, das musste ich gleich aufgeben", erzählt Ruhl. Drei Stunden musste er in vollkommener Dunkelheit verbringen, bis er schließlich von einem Kollegen aufgespürt wurde. Da wird wohl auch Franz-Peter Ruhl einmal das Scherzen vergangen sein.

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