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Grenzöffnung, Hilfswelle, Skepsis: So verlief die Flüchtlingskrise

Das Nürnberger Bundesamt wurde zum Symbol der Überforderung - 30.08.2016 05:58 Uhr

Allein im November 2015 registrieren Behörden 206.101 Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. © dpa


Vor einem Jahr begann etwas, das Deutschland verändern sollte: Deutschland öffnet seine Grenze für Flüchtlinge, die in Ungarn unter unmenschlichen Bedingungen hausen. Doch während anfangs eine unvergleichliche Welle an Hilfsbereitschaft - ja fast von Euphorie entsteht - macht sich bald das Gefühl breit, die Politik habe die Lage nicht im Griff.

Dabei begann diese Krise eigentlich schon viel früher, seit einigen Jahren steigen die Asylzahlen, besonders aus dem Balkan fliehen viele vor wirtschaftlicher Hoffnungslosigkeit. Kaum hat man den Zuzug hier zurückdrängen können - mit PR-Maßnahmen in den Ländern, mit Verschärfung der Gesetze - macht sich der Syrienkrieg hierzulande bemerkbar.

Denn die Länder mit EU-Außengrenzen, die nach dem Dublin-Abkommen eigentlich verpflichtet sind, die Asylverfahren zu bearbeiten, sind ob der schieren Masse völlig überfordert. Schließlich lassen sie Flüchtlinge systematisch in andere EU-Länder ausreisen. Diese bleiben in Ungarn, das die Weiterreise verweigert, stecken. Bilder verzweifelter Menschen, die unter unwürdigen Verhältnissen am Budapester Bahnhof ausharren, gehen um die Welt.

Am 4. September entscheiden Angela Merkel und der österreichische Kanzler Werner Faymann auf Bitten des ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orban: Die Flüchtlinge können von Budapest nach Deutschland und Österreich ausreisen. Es folgten: Sonderbusse und Züge. Flüchtlinge, die unter Applaus am Münchner Hauptbahnhof ankommen. Bayerische Landkreise, die von heute auf morgen tausende Menschen unterbringen müssen.

Angela Merkels "Wir schaffen das" und Selfies mit Flüchtlingen

Politiker, die von Überforderung reden, Ehrenamtliche, die widersprechen und sich selber organisieren. Eine Bundeskanzlerin, die an dem Satz, den sie Ende August mit Bedacht geprägt hat, festhält: "Wir schaffen das." Und sogar Selfies von sich und Flüchtlingen macht.

Die Flüchtlingszahlen steigen, auf dem Höhepunkt im November werden in einem Monat 206.101 registriert. Gleichzeitig offenbart sich, wie schlecht Behörden auf den Zuzug vorbereitet sind. Schon zuvor überfüllte Erstaufnahmeeinrichtungen können all die Menschen nicht mehr fassen. In immer breiteren Teilen der Bevölkerung macht sich bald ein Unbehagen breit, rechte Parteien erhalten Zulauf: Die schiere Zahl der Flüchtlinge irritiert zumindest, hinzu kommen Berichte, die Neuankömmlinge würden nicht registriert, geschweige denn einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen. Erst ab Dezember, das gestehen später Regierungsvertreter ein, bekommt man dieses Problem einigermaßen in den Griff.

Zum Symbol der Überforderung wird bald das Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Hat es doch noch vor dem Höhepunkt der Krise am 25. August auf Twitter gepostet, syrische Flüchtlinge würden faktisch nicht mehr an andere EU-Länder zurückgeschickt - wie es das Dublin-Verfahren eigentlich vorsieht. Dadurch habe man den Zuzug nach Deutschland noch angeheizt, werfen Kritiker dem Bamf vor.

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Gleichzeitig kommt die Behörde nicht mehr nach, alle Neuankömmlinge zu registrieren, die unbearbeiteten Asylanträge stapeln sich immer mehr. Auch der neue Chef des Bamf wird es nicht schaffen - anders als angekündigt - alle Altfälle im Jahr 2016  zu bearbeiten, rund 200.000 wird man ins neue Jahr mitnehmen. Obwohl die Zahl der Neuankömmlinge seit Monaten stark sinkt: Im Juli werden lediglich 16.160 Flüchtlinge registriert.

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Schon Anfang 2015 war es eng in den Asylunterkünften, wie damals ein Besuch in Erlangen zeigte. Damals ahnte man noch nicht, welcher Ansturm noch folgen würde. Die Kollegen von Samson - das digitale Magazin der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung schauten sich in einer Erlanger Flüchtlingsunterkunft um und haben sich auf die Suche nach Antworten auf die Frage "Wie leben die Flüchtlinge dort?" gemacht. Hier geht es zur multimedialen Reportage: "7m² Deutschland".

Das Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) wurde in den vergangenen Monaten zum Symbol der Überforderung, die Klagen wurden immer lauter. Tatsächlich ist das Bamf - Nadelöhr und Sündenbock zugleich – Spiegelbild einer funktionierenden Bürokratie, die zum Hemmschuh wird, wenn ihre Regeln nicht mehr zur Wirklichkeit passen - wie in unserer multimedialen SamSon-Reportage "Regelungswut" eindrucksvoll nachzulesen ist.

Wie ist ihr Blick auf die sogenannte "Flüchtlingskrise"? Bei unserem "Aktuellen Thema" wollen wir die Meinungen unserer User bündeln und auf mehreren Kanälen einholen. Meinungsbeiträge können Sie unter diesem Kommentar von Alexander Jungkunz, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten sowie per Mail an nn-leserbriefe@pressenetz.de (Stichwort: Flüchtlinge) schreiben.

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Franziska Holzschuh

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