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Abschied vom Haundorfer Rathaus

Nach 24 Jahren scheidet Bürgermeister Karl Hertlein aus dem Amt - 25.04.2020 07:08 Uhr

Abschied aus dem Amt: Der Haundorfer Bürgermeister Karl Hertlein tritt nach 24 Jahren ab. Hier steht er vor dem Alten Schulhaus, das maßgeblich dank seines Engagements zu einer Begegnungsstätte samt Dorfladen wurde. © Jürgen Eisenbrand


Auch wenn er sich also auf die Zeit nach der Politik freut – die Jahre als Rathauschef von Haundorf, Gräfensteinberg, Obererlbach, Eichenberg und weiteren 18 Gemeindeteilen mit insgesamt rund 2700 Einwohnern bilanziert Hertlein ganz überwiegend positiv. Und spricht dabei auch viel von Glück: das Glück, von seinem Vorgänger Albert Reidelshöfer als dessen Vize viel gelernt zu haben; das Glück, "immer Gemeinderäte gehabt zu haben, die den Blick fürs Ganz hatten"; das Glück, für die Gemeinde wichtige Entscheidungen zumeist "in Harmonie" fällen zu können; das Glück, eine Ehefrau und eine Familie zu haben, die bei all dem "mitgezogen hat".

Auch wenn er von seinen mutmaßlich schwersten Stunden spricht, stellt der zweifache Vater und dreifache Opa vor allem heraus, wie viel Glück er trotz allem hatte: 1989 etwa, als er nach einem Autounfall nur um Haaresbreite einer Querschnittslähmung entging – weil ein Ersthelfer nicht versuchte, ihn mit Gewalt aus dem Auto zu zerren, sondern das den Fachleuten überließ. Und später in der Uniklinik in Erlangen, als ein Professor auf den im Flur liegenden jungen Mann aufmerksam wurde, trotz des nahenden Wochenende sofort ein OP-Team zusammenrief und ihn so davor bewahrte, sein Leben als vom Hals ab Gelähmter im Rollstuhl zubringen zu müssen.

Vom Krebs geheilt

Sechs Jahre später griff sein Schutzengel erneut ein und bescherte ihm einen Arzt, der besonders genau hinschaute – und einen Bauchspeicheldrüsenkrebs entfernte, noch bevor der sein tödliches Werk verrichten konnte: "Ein Vierteljahr später hätte ich keine Chance mehr gehabt", sagt Hertlein heute. Und fügt hinzu: "So etwas relativiert alles und gibt einem eine gewisse Gelassenheit."

1990, mit 33 Jahren, wurde das CSU-Mitglied Hertlein, von Beruf Hauptschullehrer, erstmals in den Gemeinderat gewählt – und auch gleich zum stellvertretenden Bürgermeister. Er war bei den Schützen, der Feuerwehr, im Pfarrgemeinderat, er hatte Fußball gespielt und Jugendmannschaften trainiert, und er war, wie er schmunzelnd erzählt, als Lehrer einer aus der "dörflichen Dreifaltigkeit", zu der traditionell noch der Bürgermeister und der Pfarrer zählten. Und so habe sich das mit dem Bürgermeisteramt halt irgendwie so ergeben.

Dass die Haundorfer damals, bei der Kommunalwahl 1996, keine schlechte Entscheidung trafen, räumt sogar der politische Gegner freimütig ein. "Er hat es in diesen 24 Jahren geschafft, dass die Großgemeinde zusammengewachsen ist", sagt zum Beispiel die Haundorfer SPD-Ikone und Bezirkstags-Vizepräsidentin Christa Naaß. Sie habe sich "bestens entwickelt", es gebe "ausreichend Kinderbetreuungsangebote".

Das Gewerbegebiet in Brand: Um dieses Projekt musste Karl Hertlein hart kämpfen; dass es nun wächst und gedeiht, macht den scheidenden Rathaus-Chef stolz. © Jürgen Eisenbrand


"Als Karl Hertlein und ich 1990 gemeinsam in den Gemeinderat gewählt wurden, wurden unsere Kinder in den Kindergarten nach Laubenzedel gefahren", erinnert sich Naaß. "Das damalige Angebot war nur halbtags und im monatlichen Wechsel vormittags und nachmittags. Heute undenkbar". Und schon als 2. Bürgermeister habe sich Hertlein dafür stark gemacht, dass neben Haundorf auch Obererlbach und Gräfensteinberg Kitas bekommen.

Neben den Kindertagesstätten nennt Hertlein selbst den nicht immer einfachen Erhalt des Schulstandorts Haundorf, die rund 20 Millionen ins Kläranlagensystem investierten Millionen, den flächendeckenden Ausbau des schnellen Internets, den Umbau des alten Haundorfer Schul- in ein Mehrgenerationenhaus mit Dorfladen und das Gewerbegebiet in Brand als Meilensteine seiner Arbeit als Kommunalpolitiker. Dabei sei alles in großer Eintracht mit den Gemeinderäten geschehen, allein beim Gewerbegebiet habe er "kräftig schieben müssen", erinnert er sich.

Was sich aber gelohnt habe: Vor allem einheimische Handwerksfirmen hätten hier Platz gefunden, um sich zu entwickeln, schätzungsweise 60 bis 80 Jobs seien in dem Ortsteil nahe der B466 entstanden. Und die Gewerbesteuer, die 1996 noch magere 50 000 Mark eingebracht habe, spüle inzwischen rund 650 000 Euro in die Gemeindekasse.

Umgehung blieb ein Wunsch

Fragt man Karl Hertlein, der 2016, nach 34 Dienstjahren im Schulverband Absberg-Haundorf als "Lehrer-Legende" in den Ruhestand verabschiedet wurde, nach politischen Niederlagen, fällt ihm sofort der gescheiterte Versuch ein, dem vom Lärm der Bundesstraße 466 geplagten Obererlbach zu Beginn der Nullerjahre zu einer Ortsumgehung zu verhelfen. "Damals wäre Geld da gewesen", erinnert er sich, aber die Obererlbacher hätten sich, zumeist wegen persönlicher Interessen, nicht auf eine Trassenvariante einigen können.

Damals habe es heftige Diskussionen gegeben, die "auch bis ins Persönliche" gegangen seien. Der Streit um die Umfahrungen von Schlungenhof, der in den letzten Jahren ebenfalls mit Haken und Ösen geführt wurde, sei ihm "wie ein Déjà-vu vorgekommen". Es sei jedenfalls "schade", dass das Projekt damals nicht realisiert werden konnte. Es wäre "für Obererlbach wichtig gewesen", meint Hertlein.

In Anspielung auf den Abschied als Lehrer spricht Christa Naaß, vom Altmühl-Boten um einen Kommentar gebeten, vom "Abschied von einer Bürgermeisterlegende". Hertlein habe es "mit seinem ganz persönlichen Humor, aber auch seiner Durchsetzungsfähigkeit geschafft, auch schwierige Situationen zu bewältigen und im Gemeinderat mehrheitsfähig zu machen". Und so komme bei ihr "nach 30-jähriger Zusammenarbeit im Gemeinderat – trotz unterschiedlicher politischer Prägung – doch etwas Wehmut auf. 30 Jahre, in denen man sich kennen und schätzen gelernt hat".

Karl Hertlein resümiert sympathisch-bescheiden, "man hat versucht, die Gemeinde etwas liebenswerter zu machen" – und betont noch einmal, wie er sich nun auf das eingangs erwähnte "weiße, leere Blatt" freue. Er wolle mehr Zeit mit der Familie und den Enkeln verbringen, wieder öfter auf den Sportplatz gehen und endlich jene Geschichtsschmöker lesen, die zuhauf noch unangetastet im Bücherregal stehen. Schränkt aber sogleich augenzwinkernd ein: "Mal sehen, wie viel Zeit mir meine Frau dafür lässt."

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