Mittwoch, 25.11.2020

|

Abschlussfeier gesprengt: Jugendlicher muss ins Gefängnis

Der 19-Jähriger aus Gunzenhausen mischte eine Feier von Absolventen der Realschule Hensoltshöhe auf - 18.11.2020 16:28 Uhr

Tatort Feiergelände beim Sportplatz in Unterwurmbach: Hier geriet am 5. Juli 2019 eine privat organisierte Abschlussfeier der Mädchen-Realschule völlig aus dem Ruder. Nach eineinhalb Jahren erfolgte nun die juristische Aufarbeitung der Vorfälle.

18.11.2020 © Foto: Reinhard Krüger


Es war ein warmer Sommertag an jenem 5. Juli 2019. Das Thermometer zeigte über 25 Grad, die Stimmung hätte bei den Mädchen der Realschule Hensoltshöhe nicht besser sein können. Sie hatten ihren Abschluss in den Händen, das sollte gefeiert werden. Nicht offiziell, sondern privat und ausgiebig. Der gewählte Ort dafür schien perfekt zu sein: ein Grillplatz am Sportgelände des SV Unterwurmbach. Wiese, dichter Baumbestand, Lagerfeuerstelle, weit weg vom berühmten Schuss.

Doch dann lief alles anders als geplant, und am Ende konnte eine 41-jährige Polizeibeamtin nur ernüchtert feststellen: "Das habe ich in meiner 23-jährigen Dienstzeit noch nicht erlebt". Keine ausgelassene Fete unter Freundinnen samt Begleitung, sondern Blut, Tränen und Gewalt standen im Mittelpunkt. Und jetzt, fast eineinhalb Jahre später, versuchte das Amtsgericht Ansbach Licht in das Dunkel jener Nacht zu bringen.

Faustschläge und massive Beleidigungen

Angeklagt war ein heute 19-jähriger junger Mann aus Gunzenhausen, der hier Hannes heißt und in Wirklichkeit natürlich ganz anders. Staatsanwalt Sebastian Dicker warf ihm eine Menge vor: Faustschläge ins Gesicht einer unbeteiligten jungen Frau, Faustschläge gegen Hinterkopf, Nase und Magen von weiteren Gästen und, gewissermaßen als "Sahnehäubchen", massive Beleidigungen und Widerstand gegen die herbeigerufenen Polizeibeamten.

Eine davon war die Ordnungshüterin Heidrun Knoll (Name geändert). "Uns erwartete ein bedrohlich wirkender anonymer Mob von alkoholisierten Leuten", schilderte sie die Ereignisse dieser Nacht, "die ich nie mehr vergessen werde." Es hatte sich in den sozialen Netzwerken herumgesprochen: eine Fete auf dem Sportplatz von Worma. Da kamen viele ungebetene Besucher, so um die 150 bis 200 Personen, schätzte sie. Es war bereits nach Mitternacht, alles war dunkel, nur das Lagerfeuer brannte und die Scheinwerfer des Streifenwagens samt flackerndem Blaulicht. Gejohle, Gepfeife, aggressivem Schreien.

Eine insgesamt feindselige Stimmung schlug den Beamten entgegen. Schon flogen Holzscheite in ihre Richtung, eine Flasche Bier verfehlte ihr Gesicht um Haaresbreite und zerschellte am Streifenwagen. Schnell war der ersten Streife klar, dass sie da allein keine Chancen hatte. Man rief sofort nach Verstärkung. Weitere Einsatzkräfte aus Treuchtlingen und Weißenburg setzten sich in Bewegung. "Wir sind nicht in der Großstadt, sondern am Land, da dauert alles ein bisschen länger", erzähltedie Zeugin in einer Verhandlungspause.

Etwas Spaß haben

Doch Heidrun Knoll und ihre Kollegen ließen sich trotz des anfänglichen Schocks nicht beirren. Sie gingen dahin, wo das Geschrei am größten war und wo es wehtun könnte. Im Mittelpunkt des Geschehens: Hannes. Er war die treibende Kraft beim Stänkern, Schubsen und grundlosen Schlagen. "Kein Unbekannter für uns", sagte ein weiterer Beamter vor Gericht aus. Hannes ist in der Drogenszene bestens vernetzt, er arbeitete zeitweise in einer Shisha-Bar, kannte die Kontakte, um seinen ungebremsten Konsum von Amphetamine, auch Speed genannt, Marihuana, Crystal Meth und Kokain zu stillen. So war es auch an diesem Tag beziehungsweise in dieser Nacht. "Ein bisschen Spaß haben, da ist ne Feier, lasst uns dahin gehen", sagte er zu Jugendrichterin Claudia Hofmann als Begründung, warum er überhaupt zu einer Abschlussfeier einer Mädchen-Realschule wollte.

Hannes und seine Kumpels "glühten vor". Bier, Schnaps und ein Cocktail diverser Rauschmittel versetzten ihn in einen eigenartigen Zustand. Von komplett ruhig, fast apathisch bis zu extrem aggressiv und wie aus dem Nichts gewalttätig reichte die Palette der Stimmungsschwankungen. "Der starr fixierte Blick" fiel dem Polizeibeamten sofort auf. Er und seine Kollegen redeten Hannes gut zu, er zeigte sich einsichtig, Heidrun Knoll bot ihm sogar eine Zigarette an, "um wieder runterzukommen".

Stimmung kippte von jetzt auf gleich

Von einer Sekunde auf die andere kippte dann die Stimmung. Hannes wollte es allen zeigen: mit mir nicht. Er schrie los, beleidigte aufs Übelste, wollte in keiner Weise den ausgesprochenen Platzverweis akzeptieren und wehrte sich nach Kräften. "Wir warfen ihn auf den Boden, um ihn zu fixieren", erklärte der Polizist. Auf der Fahrt zur Wache in der Rot-Kreuz-Straße wand sich Hannes hin und her, schrie weiter um sich, beleidigte die Beamten und trat mit den Füßen mit voller Wucht gegen die Innenverkleidung und die Fenster der Tür. Die Ordnungshüter waren enorm gefordert. Erst gegenüber dem herbeigerufenen Notarzt zeigte er sich wieder zugänglich. Dieser wies ihn ins Bezirkskrankenhaus Ansbach ein.

Auf der Fahrt dorthin ging es erneut hoch her, und erst um genau 3.15 Uhr konnte der Alkoholwert im Blut des Angeklagten festgestellt werden. Etwas über zwei Promille zur Tatzeit, verlas die Richterin, dazu die schon erwähnten synthetischen Substanzen. Eine unheilvolle Allianz für Körper und Seele.


Erst vor Kurzem stand ein gewalttätiger Behinderter in Ansbach vor Gericht


Nach umfangreichen Ermittlungen erhob die Staatsanwaltschaft schließlich Anklage gegen Hannes wegen Körperverletzung, Widerstand und Beleidigung gegen Polizisten. Nach eineinhalb Jahren – so zeigte es sich vor Gericht – hat die Erinnerung der meisten Zeugen nachgelassen. Viel kam bei der Beweisaufnahme nicht heraus. "Er hat mir eine mitgegeben", sagt eine Zeugin. Waren es ein oder zwei Faustschläge? Keine Ahnung. Erinnerungslücken allerorten. "Es waren halt handelsübliche Beleidigungen, also nichts Besonderes", so ein anderer Zeuge. Sprang er mit Füßen in den Nacken oder nahm er den Arm? Keine Ahnung.

Vor der Polizei, kurz nach den Ereignissen, hatte alles ganz anders geklungen. Davon wollten die meisten an diesem Verhandlungstag nichts mehr wissen. Verteidiger Dr. Mark-Alexander Grimme fragte die Zeugen, ob sie eine Entschuldigung seines Mandanten annehmen würden, und diese bekamen meist ein "Es tut mir leid und ich entschuldige mich."

Hannes selbst hatte einen kompletten Filmriss und konnte sich an gar nichts mehr erinnen. "Ihm ist es peinlich, was passiert ist", sagte der Verteidiger. Sogar einen Tag nach den Vorfällen war er in der Inspektion, um sich bei dem einen Beamten nachträglich zu entschuldigen. Die meiste Zeit saß Hannes während der Verhandlung ruhig und in sich gekehrt auf seinem Stuhl. Zwei Polizeibeamten ließen ihn nicht aus den Augen, schließlich kam er direkt aus der Strafhaft.

Schwierige Kindheit und Jugend

Er ist das, was die Fachleute einen "Early Starter" nennen. Eine Person, die schon sehr früh mit einem kriminellen Verhalten beginnt, erklärte Sozialpädagogin Nadja Zeh von der Jugendgerichtshilfe beim Amtsgericht Weißenburg. Sie zeichnete ein düsteres Bild von dem Angeklagten. Hannes stammt aus schwierigen familiären Verhältnissen. Bereits mit drei Jahren ist er dem Jugendamt bekannt. Das Einzelkind bekommt einen Erziehungsbeistand, die Mutter ist dem Alkohol verfallen, der Vater verbüßt gerade eine Freiheitsstrafe. Heilpädagogische Tagesstätte, Erziehungsheim heießen die nächsten, erfolglosen Stationen mit immerhin einen Lichtblick. Obwohl er seitdem er 14 ist, Drogen konsumiert, schafft er den Quali.

Richterin Hofmann hielt Hannes seine bisherigen Straftaten vor: schwerer Raubüberfall, schwarzfahren, Diebstahl. Auch wenn die Vergehen insgesamt nicht so schlimm waren, war es die enorme Rückfallgeschwindigkeit, die den jungen Menschen immer wieder straucheln ließen. Kaum aus dem Arrest entlassen, folgte schon wieder das nächste Ding. Bewährungsstrafen schreckten ihn nicht, deshalb sitzt er seit sechs Monate eine zweijährige Haftstrafe ab. Diese summiert sich nun um weitere zehn Monate für die Taten bei Unterwurmbach. Damit schloss sich das Ansbacher Jugendschöffengericht dem Antrag des Staatsanwaltes an, Verteidiger Grimme hatte vier Monate weniger gefordert.

"Wenn Sie nicht bereit sind, Hilfen anzunehmen, wird Ihr künftiges Leben so ablaufen, rief die Richterin Hannes zu: "Aus der Haft raus, in die Haft rein!"

Reinhard Krüger

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus: Gunzenhausen, Weißenburg