Angst vor dem Wolf: Schäfer fürchten um ihre Tiere

22.1.2021, 06:02 Uhr
Der Wolf breitet sich in Deutschland wieder weiter aus.

Der Wolf breitet sich in Deutschland wieder weiter aus. © imago images/Martin Wagner

Von Berufskollegen aus Ost- und Norddeutschland, wo schon bald 3000 Tiere von Wölfen verletzt oder getötet wurden, wissen sie, dass mit Zäunen oder Schutzhunden Schafherden letztlich nicht sicher geschützt werden können.

Robert Lechner, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Bayerischer Schafhalter aus Markt Berolzheim im Altmühltal, berichtet, dass ihm bereits Schäferkollegen bedeutet hätten, die Hütehaltung sofort einzu stellen, wenn ein Wolf sich eines ihrer Tiere schnappen würde.


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Lechner hat Beispiele von Teichwirten vor Augen, die sich Problemen mit immer mehr Bibern, Kormoranen und Fischottern gegenübersehen, nachdem versäumt wurde, rechtzeitig gegen deren übermäßige Vermehrung einzuschreiten.

Schäfer wichtig für die Biodiversität

Und er warnt davor, dass die seit 30 Jahren auch mit vielen Fördermitteln erreichte Verbesserung der Biodiversität von Trockenrasen rasch vorbei sein könnte, wenn Schäfer infolge von Wolfsrissen resigniert aufgeben sollten – und dann die Hänge am Hesselberg und der Frankenhöhe zuwachsen.

Mit den handelsüblichen, 90 Zentimeter hohen mobilen Zäunen könnten die Schafe nachts nicht gegen Wölfe geschützt werden, stellt der langjährige Landesvorsitzende der Schäfer, Friedrich Belzner aus Wittelshofen, fest. Nötig wären dann 1,5 Meter hohe Zäune mit Strom führenden Litzen. Aber auch dann bestehe die Gefahr, dass verängstigte Schafe ausbrechen, wenn hungrige Wölfe einen Pferch umrunden.

Gar nicht ausmalen will sich der Erzeugergemeinschafts-Vorsitzende Lechner, was passiert, wenn nach einer Wolfsattacke verängstigt ausbrechenden Schafe auf einer Schnellstraße oder der Eisenbahn Unfälle verursachen, für die dann der Tierhalter haftbar ist.

Auch Herdenschutzhunde seien keine Lösung in einem dicht besiedelten Land. Denn: Was passiere, wenn Wanderer mit ihren Hunden am Gelben Berg Zäune übersteigen und dann die Schutzhunde gegen sie vorgehen, weil sie die Herde schützen sollen? "Wir können die Zeit nicht 200 Jahre zurückdrehen, als noch weitaus weniger Menschen in unserem Land lebten", sagt Lechner.

Geht der Wolf nicht lieber den bequemen Weg?

Dass Wölfe Nutztiere nur zu einem Prozent als Beute auswählen, können die Schäfer nicht recht glauben, weil doch vermutlich auch ein Wolf lieber den bequemen Weg wähle, sich ein Schaf zu holen, anstatt einem flinken Reh oder Wildschwein nachzujagen. Lechner verweist darauf, dass Schäfer an der Küste das Handtuch geworfen hätten und dann die vielen Tritte der Paarhufer nicht mehr zur Festigung der Teiche beitragen.


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Eine zunehmende Ausbreitung der Wölfe sei ein weiterer Sargnagel für die Hüte-Schäfereien, sagt Lechner. Für völlig irrational hält er die Ansicht des Naturschutzbundes, wonach Deutschland 4000 Wölfe vertragen würde: Wo solle das dann bei jährlich fast 2000 Nachkommen hinführen?, fragt er.

Vizepräsident Helmut Dammann-Tamke vom Deutschen Jagdverband (DJV) spricht davon, dass Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen die weltweit höchsten Wolfsdichten aufweisen.

Verängstigt sind Belzner und Lechner aber auch wegen Meldungen über Probleme, die Weidetierhalter in Südtirol und der Schweiz haben. In Südtirol gibt es inzwischen Stimmen, dass das Ende der Almwirtschaft bevorstehen könnte, wenn einer Vermehrung der Wölfe nicht Einhalt geboten würde.

Probleme in der Schweiz

Im Kanton Bern, wo im Oktober innerhalb einer Woche 17 Schafe gerissen oder verletzt wurden, hat die "Vereinigung zum Schutz von Wild- und Nutztieren" vor Großraubtieren, den Abschuss eines "fehlbaren Wolfs" gefordert. Eine Abschussbewilligung wolle der Kanton aber nur erteilen, wenn ein einzelner Wolf erhebliche Schäden an 25 Nutztieren anrichtet. Dabei sollen nur ausreichend geschützte Tiere angerechnet werden.

Nur gering sind die Hoffnungen der Schäfer, dass gegen Wolfsübergriffe vorgegangen werden könnte. Sie vermissen jegliche Unterstützung von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Ihr niedersächsischer Parteifreund und Chef des Umweltresorts, Olaf Lies, sieht sich dagegen von zwei Seiten angefeindet: Wegen der Abschussgenehmigung für den Leitwolf des "Rodewalder Rudels" war er bereits mit dem Tode bedroht worden. Dessen Rudel wird für Risse von bis zu 40 eingezäunten Rindern, Ponys sowie auch einem Alpaka verantwortlich gemacht.

In Brandenburg haben die Landnutzerverbände resigniert die Zusammenarbeit mit der Landesregierung beim Wolfsmanagement aufgekündigt, nachdem ihnen fertige Beschlussvorlagen vorgelegt und bedeutet wurde, dass über keine von den Verbänden angeregte Neuregelung auch nur nachgedacht werden könne. Henrik Wendorff vom Aktionsbündnis Forum Natur, stellte fest, dass "die völlig realitätsferne Wolfspolitik des Landes bezüglich der weiteren Ausbreitung der Wolfsbestände" nicht mehr zu verantworten sei.

Skandinavien als Vorbild

Die skandinavischen Länder sind für den Markt Berolzheimer Robert Lechner ein Beispiel, dass es möglich wäre, die Zahl der Wölfe zu begrenzen. In Schweden, das größer als Deutschland und nur zehn Millionen Einwohner hat, gebe es Lizenzen zum Abschuss "überschüssiger" Tiere – bei einem derzeitigen Stand von 365 Wölfen. Auch Finnland plane, die Zahl der Wölfe zu begrenzen.

Der Hesselbergschäfer Friedrich Belzner sieht für die Zukunft ein großes Problem auch darin, dass es bald mehr sogenannte F1-Wölfe geben könnte, die aus Kreuzungen mit Hunden hervorgehen und weniger Scheu vor dem Menschen haben. Nach seiner Kenntnis gebe es solche Kreuzungstiere aus illegalen Züchtungen.

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