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Behörden im Homeoffice: "Entscheidend ist die Selbstdisziplin"

Wie staatliche und kommunale Ämter in der Pandemie mit Homeoffice umgehen - 27.02.2021 08:42 Uhr

Ein probates Mittel zur Bekämpfung der Pandemie: der Wechsel vom angestammten Arbeitsplatz in die häusliche Umgebung der Beschäftigten.

25.02.2021 © Foto: Julian Stratenschulte/dpa


Wenn Silvia Meier frühmorgens ihr Arbeitszimmer betritt, ist sie fast gekleidet wie jeden Tag. Schicker Business-Look, nur der Blazer bleibt im Schrank. Sie klappt ihr Notebook auf, loggt sich ein und schon geht es los: Projekte vorbereiten, Videokonferenzen abhalten, mit Kolleginnen und Kollegen telefonieren.

Wenn jemand von außen anruft, nimmt sie wie selbstverständlich ab und stellt sich vor: "Landratsamt Weißenburg". In Wirklichkeit sitzt sie 13 Kilometer entfernt. Silvia Meier heißt auch nicht so, die 35-jährige Verwaltungsfachwirtin möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, sagt sie.


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Ihre sechsjährige Tochter Emma (Name geändert) besucht noch den Kindergarten, wird im Herbst eingeschult, ihr Mann ist in der IT-Branche tätig. Seit 2004 arbeitet sie im Landratsamt, einer Doppelbehörde aus kommunaler Selbstverwaltung und Staatsverwaltung mit knapp 360 Beschäftigten.

Wir sind, sagt sie, was Homeoffice betrifft, "sehr, sehr gut aufgestellt". So habe Landrat Manuel Westphal im vergangenen Sommer eine eigene Arbeitsgruppe "Beruf und Familie" ins Leben gerufen, in der eine Dienstvereinbarung zur Förderung der Telearbeit und des mobilen Arbeitens ausgearbeitet wurde. Dabei gehe es darum, die Möglichkeit von Zuhause oder unterwegs aus zu arbeiten, und auf ein "rechtlich einwandfreies Fundament" zu stellen", so Claudia Wagner, die Pressesprecherin des Landkreises.

Nicht das Haus zur gewohnten Zeit verlassen

Aber wie ist das nun genau, das bezahlte Arbeiten vom heimischen Ort aus? "Ganz anders", sagt spontan Silvia Meier. Die größte Änderung für sie und wahrscheinlich für die allermeisten ist in der Tat der Ort selbst. Und die Abläufe. Also, nicht das Haus zur gewohnten Zeit verlassen, nicht ins Auto steigen, nicht zum Dienstort pendeln und – Achtung! – sich nicht am Eingang elektronisch einzuloggen.

Bei der Auswahl der Kleidung macht sie allerdings keine Kompromisse: "Gut angezogen und geschminkt bin ich an diesen Tagen auch", betont sie. Es soll möglichst echt aussehen, und sie will sich nicht mit Schlabberhose und unfrisiert durch elektronische Akten quälen oder an Videokonferenzen teilnehmen.

Die klassische Trennung von Büro und Wohnung ist aufgehoben, das sieht sie nüchtern und sachlich. Dennoch überwiegen bei ihr die Vorzüge: Die Arbeit ist flexibler, familienfreundlicher. Ihr Mann arbeite schon länger von zu Hause aus, "jetzt haben wir deutlich mehr Zeit füreinander". Kein Wunder, allein die Fahrtzeiten von über zwei Stunden entfallen.

Behörden im Landkreis gut aufgestellt

Über 50 Prozent der Verwaltungsarbeitsplätze des Landratsamtes können ins Homeoffice verlagert werden, beschreibt Claudia Wagner die derzeitige Situation. Von 68 Prozent spricht Kerstin Bucka, die Sprecherin der Arbeitsagentur Ansbach-Weißenburg (AA) mit ihren 180 Angestellten, während Claudia Wienand, die Leiterin des Finanzamtes in Gunzenhausen, gar behauptet, "dass nahezu alle der 90 Arbeitnehmer am freiwilligen Homeoffice teilnehmen können". Es sieht also gut aus im Landkreis.

Claudia Wienand leitet das Finanzamt in Gunzenhausen – und geht mit gutem Beispiel voran: An zwei Tagen in der Woche arbeitet sie von zu Hause aus.

25.02.2021 © Foto: Reinhard Krüger


Gerne hätten wir auch ein paar Zahlen aus dem Rathaus in Gunzenhausen gehört, "aber wir haben derzeit keine Kapazitäten frei, diese Fragen zu beantworten", teilte die Pressestelle kurz und knapp mit. Der anstehende Umzug genieße höchste Priorität.

Wenn vertrauliche Daten beispielsweise aus einer Steuererklärung, dem Jugendamt oder aus einem Arbeitsvermittlungsgespräch außerhalb der angestammten Büroräume bearbeitet werden, müssen diese sicher sein. "Eine Verwaltung ist nur funktionsfähig, wenn auf Daten und Akten zugegriffen werden kann", sagt dazu Claudia Wagner und meint damit, dass der Bearbeitungsprozess "voll digital abgebildet, also online gestellt werden kann".


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Der Anspruch ist hoch, und es scheint auch zu klappen, wenn man den Worten von Finanzamts-Chefin Claudia Wienand Glauben schenkt. Und warum sollte man daran zweifeln? Obwohl sich die Arbeitsbedingungen geändert haben und die Arbeitsbelastungen auf Grund der Pandemie deutlich erhöht haben, "sind keine Abweichungen bekannt". Das Gegenteil sei der Fall.

Mehrarbeit durch die Pandemie

Im vergangenen Jahr haben die Bayerischen Finanzämter wegen der Corona-Pandemie jede Menge Mehrarbeit leisten müssen, "das haben wir gut gemeistert", sagt die 56-Jährige stolz. Kann ich also von zu Hause aus genauso gut arbeiten, wie im Büro?

Silvia Meier schränkt ein: "Entscheidend ist die Selbstdisziplin", sagt sie. Sie lässt sich nach eigenen Worten durch nichts ablenken, geht nicht mal an die Tür, wenn jemand läutet, und zwischendurch kurz im Internet zu stöbern ist für sie ein absolutes "No Go".


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Doch viele Arbeitnehmer, insbesondere die, die kein eigenes Arbeitszimmer haben, kämpfen oft genug mit den Tücken des Alltags und den Anforderungen des Arbeitgebers. Karl-Heinz Popp, Finanzbeamter und Personalratsvorsitzender im Finanzamt, beispielsweise zieht das Büro im Amt vor, "aber es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, die sofort dabei waren", sagt er. Voraussetzung bei allen Ämtern: Wer sich von zu Hause ins jeweilige gesicherte Netz einloggen will, benötigt eine stabile Internetverbindung. Die ist, gerade in ländlichen Regionen wie Altmühlfranken, nicht immer gewährleistet.

Gesundheitsaspekt steckt hinter Homeoffice

Wenn Arbeitgeber derzeit ihre Beschäftigten bitten, ihre Arbeit von zu Hause aus zu erledigen, dann steckt an erster Stelle der Gesundheitsaspekt dahinter. Keiner soll Corona ins Büro einschleppen, lautet die Devise. Da in fast allen Ämtern mehrere Kolleginnen und Kollegen sich ein Büro teilen, "dürfen keine Arbeiten in Großraum- und Doppelbüros" mehr stattfinden, betont Kerstin Bucka von der AA. Auch solche, die mit Bus oder Bahn zur Arbeitsstelle pendeln, sollen das vermeiden. "Das haben wir sichergestellt", sagt die Pressesprecherin.

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Ähnlich wird im Landratsamt oder Finanzamt argumentiert. Die Lösung: wöchentlich oder tageweise zu wechseln, um allein in einem Büro arbeiten zu können. Alternierende Telearbeit nennen das die Fachleute. Um in etwa das gleiche Niveau bei den Endgeräten zu garantieren, hat das Landratsamt tief in die Taschen gelangt und den in Frage kommenden Beschäftigten gut ausgestattete Notebooks spendiert. "Das haben wir bereits nach der ersten Welle im Frühjahr umgesetzt", erklärt Claudia Wagner. Außerdem muss die telefonische Erreichbarkeit sichergestellt sein.

Selbstredend, dass es in Ämtern einen kompletten Lockdown nicht geben kann. Beratungs- und Vermittlungsfachkräfte mit Kundenkontakt fallen ebenso darunter wie Hausmeister, Bau- oder Recyclinghöfe.

Die Raumsituation hat sich deutlich entspannt

Alles in allem klingen die Aussagen der Verantwortlichen gut und vernünftig. Es habe, sich gezeigt, dass man während der Pandemie eine zentrale Behörde wie ein Landratsamt funktionsfähig erhalten könne, sagt Claudia Wagner und nennt einen nützlichen Nebeneffekt: die chronisch beengte Raumsituation: "Die wurde deutlich entspannt". Homeoffice, das wird ein Modell für die Zukunft, ist sich Wagner sicher. Sie spricht von "Work-Life-Balance", von der Vereinbarung von Beruf und Familie.

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Ihre Kollegin Kerstin Bucka von der Agentur für Arbeit sieht Homeoffice hingegen nicht als "Allzweckwaffe", auch wenn sie die eindeutigen Vorteile der flexibleren Lösungen in der aktuellen Situation nicht verleugnen will. Für sie ist die Trennung von Beruf und Familie auch künftig essentiell, der soziale Austausch unter Kollegen, die Förderung von Kreativität sei durch virtuelles kommunizieren nicht zu ersetzen.

Für Silvia Meier sind beide Modelle spannend. Derzeit benötigen die Eheleute zwei Pkw, um ihre Arbeitsplätze zu erreichen. Vielleicht kann eines Tages ein Auto sogar eingespart werden.

Reinhard Krüger

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