Chefarzt zur Corona-Lage in Altmühlfranken: "Wir haben ein bisschen Glück gehabt"

24.4.2021, 07:55 Uhr
Im Klinikum Altmühlfranken Gunzenhausen gibt es derzeit noch keine Engpässe, aber insgesamt werden die Betten auf den Intensivstationen in Deutschland bereits wieder knapp. Besonders schwere Verläufe werden in der Regel an große Kliniken verlegt, unser Bild entstand auf der Covid-Intensivstation des Universitätsklinikums Leipzig.

Im Klinikum Altmühlfranken Gunzenhausen gibt es derzeit noch keine Engpässe, aber insgesamt werden die Betten auf den Intensivstationen in Deutschland bereits wieder knapp. Besonders schwere Verläufe werden in der Regel an große Kliniken verlegt, unser Bild entstand auf der Covid-Intensivstation des Universitätsklinikums Leipzig. © Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Gibt es im Klinikum Altmülfranken derzeit überhaupt noch freie Intensivbetten?

Dr. Priesmeier: Wir haben an beiden Häusern ungefähr 20 Corona-Patienten. Zweidrittel davon in Weißenburg und ein Drittel bei uns in Gunzenhausen. Auf der Intensivstation sind davon an beiden Standorten etwa drei oder vier. Das wechselt natürlich auch. Wir hatten in der zweiten Welle bis zu sieben, acht Patienten auf Intensiv. Pro Standort haben wir acht Intensivbetten, aber im Extremfall die Möglichkeit, das auszuweiten, wenn man alle anderen Aktivitäten einstellen würde. Das war bisher aber noch nicht der Fall, auch im Frühjahr 2020 nicht.

Ist die Intensivstation in Gunzenhausen von ihrer Ausstattung und ihren Möglichkeiten vergleichbar mit großen Krankenhäusern, etwa einer Uni-Klinik?

Dr. Priesmeier: Nein. Wir haben normale Beatmungsmöglichkeiten, wie alle anderen Häuser auch. Aber der komplette Ersatz der Lunge durch die sogenannte ECMO, die extrakorporale Membranoxygenierung, haben wir nicht. Dabei wird die Lunge komplett ausgeschaltet und das Blut mit Hilfe eines Geräts mit Sauerstoff angereichert. Die kommt bei den richtig schweren Fällen zum Einsatz – die weit weniger selten sind, als man glaubt. Auch wir mussten schon Patienten verlegen.


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Aktuell haben wir noch keine Einschränkungen der OP-Kapazitäten, aber wenn das so weitergeht, rechnen wir damit, dass wir Routine-Eingriffe absagen müssen. In Nürnberg aber war das schon der Fall, dringende OPs funktionieren aber nimmer noch.

Weiterhin Herzinfarkte, Lungenembolien oder Unfälle

Das ist erst mal ja eine positive Nachricht, denn es hieß schon, dass die Intensivstation in Gunzenhausen voll ist.

Dr. Heiko Priesmeier ist Chefarzt am Klinikum Altmühlfranken. Der Internist, Kardiologe und Intensivmediziner ist 58 Jahre alt und kam 2005 nach Gunzenhausen. Er hat in Göttingen Medizin studiert und war, bevor es ihn nach Franken zog, zuletzt als Oberarzt in Freising tätig. Priesmeier ist verheiratet und hat drei Kinder.

Dr. Heiko Priesmeier ist Chefarzt am Klinikum Altmühlfranken. Der Internist, Kardiologe und Intensivmediziner ist 58 Jahre alt und kam 2005 nach Gunzenhausen. Er hat in Göttingen Medizin studiert und war, bevor es ihn nach Franken zog, zuletzt als Oberarzt in Freising tätig. Priesmeier ist verheiratet und hat drei Kinder. © Foto: Klinikum Altmühlfranken

Dr. Priesmeier: Tageweise ist das immer mal wieder der Fall. Das gibt es aber auch außerhalb von Corona. Es gibt ja auch weiterhin Herzinfarkte, Lungenembolien, Operationen oder Unfälle.

Von einem "Krankenhaus am Limit" kann in Gunzenhausen also keine Rede sein?

Dr. Priesmeier: Nein. Es ist aktuell ganz gut zu schaffen. Das Problem ist eher die Dauerbelastung, die Pandemie zieht sich jetzt ja schon über ein Jahr hin. Einen Corona-Patienten auf der Intensivstation zu betreuen, das ist extrem anstrengend. Allein das Ankleiden dauert mehrere Minuten. Die Pflegekräfte müssen hier körperlich anstrengende Tätigkeiten unter der FFP2- oder -3-Maske und mit mehreren Schichten Schutzbekleidung ausführen. Es sind immer zwei Pflegekräfte notwendig, manchmal braucht man auch zum Umlegen mehrere. Deshalb ist das sehr personalaufwendig.

Zur körperlichen Anstrengung gesellt sich auch noch die psychische Belastung.

Dr. Priesmeier: Ja. Wir sind schwerkranke Patienten natürlich gewohnt. Was neu ist: Wenn jetzt ein schwerkranker Corona-Patient kommt, dauert es wahrscheinlich ein paar Wochen, bis er die Station verlässt. Diese lange Dauer ist für das Team sehr zermürbend. Du beatmest und beatmest, dann kommt die nächste Infektion, dann behandelst du die, dann geht es wieder, dann kommt der nächste Erreger. Das ist sehr frustrierend.

Zumal wir eigentlich schnellere Erfolge gewohnt sind. Bei Lungenentzündungen oder Herzinfarkten, sind die Patienten Tage oder höchstens eine Woche auf der Intensivstation. Und mittlerweile wissen wir eben auch: Von den Covid-Patienten, die richtig beatmet werden müssen, stirbt die Hälfte.

Veränderung zur ersten Welle

Gibt es bestimmte Risikofaktoren, etwa Rauchen, Alkohol oder schlechte Ernährung?

Dr. Priesmeier: Der größte Risikofaktor ist schlicht das Alter. Dann kommt eine ganze Zeit lang gar nichts und dann kommen Übergewicht, Diabetes, gewisse Behinderungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Was wir bisher ganz selten hatten waren Patienten ganz ohne Risikofaktor. Aber jetzt kommen Patienten im Alter zwischen 50 und 60 Jahren. Das ist anders als in der ersten Welle. Sie sind 10 bis 15 Jahre jünger.

Woran liegt das?

Dr. Priesmeier: Bei der ersten Welle waren die über 75-Jährigen die dominante Gruppe. Sie kamen schubweise aus den Altenheimen. Wenn es eine Infektion in einem Altenheim gab, war das Krankenhaus voll. Jetzt merkt man, dass die Älteren geimpft sind. Das ist nicht mehr unser Klientel. Es scheint also, dass die Impfung hocheffektiv ist. Das sieht man auch an den Todeszahlen, die viel niedriger sind. Deswegen ist das Ganze jetzt eine Etage tiefer gerutscht.

Und dort haben wir es mit der britischen Variante zu tun. Die ist deutlich aggressiver und viel infektiöser. Sie hat eine zehnmal höhere Erregerausscheidung im Vergleich zu der ursprünglichen. Sonst hätten wir nicht so einen Anstieg. Die britische Variante macht bei uns momentan 90 Prozent aus.

Aussicht auf Besserung besteht bei Corona

Viele Menschen haben eine Patientenverfügung. Was ist, wenn man da angekreuzt hat, dass man keine lebensverlängernden Maßnahmen möchte?

Dr. Priesmeier: Das ist eine ganz andere Situation. Eine Patientenverfügung ist für den Fall, dass es keine Aussicht auf Besserung gibt. Die gibt es bei Corona aber sehr wohl. Es würde niemand auf die Idee kommen, in so einem Fall nicht zu beatmen.


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Wie sieht es mit der Impfbereitschaft des Personals am Klinikum Altmühlfranken aus?

Dr. Priesmeier: Bei den Ärzten ist die Impfquote nahe 100 Prozent, ich kenne selbst keinen Arzt, der nicht geimpft ist. In meiner Abteilung sind alle geimpft. Wie es in der Pflege aussieht, kann ich nicht sagen, da habe ich keine Zahlen.

Kommt der Bundeslockdown zu spät?

Dr. Priesmeier: Ja, der kommt ein bisschen zu spät, denn die Intensivstationen sind schon fast so voll wie bei der zweiten Welle. Wir in Weißenburg-Gunzenhausen haben es noch relativ gut, wir kommen noch ganz gut über die Runden, aber wir können schon keine Patienten mehr nach Nürnberg, Fürth und Erlangen verlegen. Wir bekommen deshalb bereits Patienten aus Roth und Schwabach.

Ein Unterschied zur ersten Welle ist, dass der Anteil der Menschen, die ins Krankenhaus kommen, aber eher niedriger ist. Eben weil die Risikopatienten geschützt sind. Die Infizierten jetzt kommen zu einem wesentlich geringeren Anteil ins Krankenhaus.

Andere hat es "heftiger erwischt"

Wie funktioniert denn die Zusammenarbeit mit anderen Häusern?

Dr. Priesmeier: Die läuft gut. Aber es ist eben ein gewisser Sättigungsgrad eingetreten, so dass wir Patienten schlecht verlegen können. Derzeit ist das für uns kein Problem, und im Notfall würden wir den Patienten eben auch in andere Kliniken weiter weg bringen. Dafür gibt es seit Corona einen extra Koordinator. Dieser Austausch funktioniert gut. Wir haben im Landkreis ein bisschen Glück gehabt. Wir mussten uns nicht wirklich längerfristig vom Netz nehmen. Die Häuser in Schwabach und Roth hat es in der zweiten Welle deutlich heftiger erwischt. Nach Ausbrüchen in mehreren Altenheimen wurden sie zeitweise regelrecht überschwemmt. Das ist uns nicht passiert. Wir haben aber auch durch den Neubau deutlich mehr Möglichkeiten, verfügen über mehr Betten. Zeitlich war das ein Glück, dass der neue Bettenbau gerade eröffnet wurde.

Was hat sich im Vergleich zu den ersten beiden Wellen verändert?

Dr. Priesmeier: Mittlerweile läuft die Routine gut weiter. Vor allem bei der ersten Welle haben sich die Patienten nicht ins Krankenhaus getraut. Wir mussten OPs gar nicht absagen, weil sowieso keiner mehr gekommen ist. Das ist jetzt nicht mehr so. Jetzt läuft das gut. Wir haben ein gutes Hygienesystem und keine Cluster im Haus. Natürlich gibt es auch bei uns mal Infizierte, aber die erwischen wir relativ gut. Jeder Patient, der ins Haus kommt, bekommt einen PCR-Test, das Ergebnis liegt uns am gleichen Tag vor. Alle Mitarbeitenden tragen immer FFP2-Masken. Das haben wir sehr früh gemacht und davon haben wir sehr profitiert. Die Corona-Patienten liegen zudem auf einer Station. Die ist räumlich von den anderen getrennt und die dortigen Mitarbeiter arbeiten nur auf dieser Station.

Im vergangenen Jahr sind die Infektionszahlen in der warmen Jahreszeit stark gesunken. Dürfen wir uns Hoffnung auf den Sommer machen?

Dr. Priesmeier: Welche Bedeutung die Temperatur hat, darüber streiten sich die Gelehrten. Es wird einen positiven Einfluss haben, aber wie groß der ist, kann man nicht sagen, auch angesichts der viel höheren Infektiosität der britischen Variante. Der einzige verlässliche Weg aus der Pandemie ist das Impfen.